"Berlin braucht einen Mentalitätswechsel"
Porträt von Wowereit

Der Kanzler war voll des Lobes. Von neuen "Perspektiven" für die Hauptstadt sprach Gerhard Schröder nach der Wahl Klaus Wowereits zum Regierenden Bürgermeister Berlins. Dem Nachfolger Eberhard Diepgens bescheinigte er "Tatkraft, Weitsicht und Beharrlichkeit". Eigenschaften, die den 47-jährigen Juristen innerhalb weniger Wochen von einem kaum bekannten Politiker an die Spitze der Berliner Landesregierung brachten.

afp BERLIN. Nun muss der ehemalige SPD-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus als Regierender Bürgermeister bis zu den angestreben Neuwahlen im Herbst beweisen, dass er tatsächlich der "Hoffnungsträger" ist, den nicht nur Schröder in ihm sieht.

Wowereit gilt als ein Mann der klaren Worte: Berlin brauche einen "Mentalitätswechsel", forderte er schon vor einer Weile. Sein Vorgänger Eberhard Diepgen, der am Samstag vom Abgeordnetenhaus per Misstrauensvotum gestürzt wurde, habe jahrelang "die Stadt schöngeredet". Mit solchen Äußerungen machte der Fraktionschef nicht nur Schröder auf sich aufmerksam, sondern brachte auch den eigenen Landesverband hinter sich. Nachdem die SPD Anfang Juni die Große Koalition mit der CDU aufgekündigt hatte, war es schnell ausgemacht, dass Wowereit die Partei als Spitzenkandidat in den Wahlkampf für die im Herbst geplanten Neuwahlen führen soll. Als Chef im "Roten Rathaus" muss er nun auch die Wähler überzeugen - bei der Landtagswahl 1999 fuhren die Sozialdemokraten mit 22,4 % ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt in Berlin ein.

Wowereit, der zuvor seit Dezember 1999 SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus war, nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Der Jurist war schon ein starker Verfechter der Haushaltskonsolidierung des hoch verschuldeten Landes, als Sparen noch vollkommen unpopulär war. So unterstützte Wowereit in der vergangenen Legislaturperiode die damalige SPD-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing. Ihr rigider Sparkurs war unbeliebt, nicht nur beim Koalitionspartner CDU, sondern auch in den eigenen Reihen.

Die Berliner SPD verkörpert in vieler Hinsicht immer noch die alte Westberliner Sozialdemokratie vor dem Mauerfall, und da hatte es Wowereit oft nicht einfach: Die prominenten Mitglieder sind meist weit über 50 Jahre alt, vielfach haftet ihnen noch die alte Frontstadt-Mentalität an. Wowereit kommt zwar aus einem bürgerlichen Westberliner Bezirk und diente sich als Stadtrat nach oben, aber dennoch wurde er kein Genosse alten Stils. Der Politiker mit dem leichten Berliner Akzent interessiert sich fürs Theater und die Off-Szene und findet, dass Privatschulen durchaus gefördert werden müssten. Auch dachte er in der Vergangenheit laut über betriebsbedingte Kündigungen in der immer noch üppig ausgestatteten Berliner Verwaltung nach.

Klare Worte

Und trotz einiger Skeptiker in den eigenen Reihen regte Wowereit als einer der ersten an, über ein Bündnis mit der PDS nachzudenken. Denn nur so gebe es für die schwache SPD die Chance, sich aus der Zwangsheirat mit den Christdemokraten zu befreien. Eine "sklavische Gefangenschaft zur CDU oder nur eine Option, immer wieder eine Große Koalition zu machen, kann sicherlich nicht gut sein", sagte er im April. In der Koalitionskrise der vergangenen Wochen profilierte sich Wowereit weiter als Führungsfigur der SPD. Und auch auf dem Sonderparteitag am 10. Juni in Berlin, auf dem Wowereit unter tosendem Beifall zum Spitzenkandidaten gekürt wurde, wählte er zum Abschluss seiner Rede klare Worte zu seiner eigenen Person: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so."

Nach seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister rief Wowereit alle gesellschaftlichen Kräfte auf, sich an der Lösung der anstehenden Probleme zu beteiligen: "Nur gemeinsam werden wir es schaffen, das, was Berlin in die Krise gebracht hat, wieder zu beseitigen." Doch wie schwierig dies auch zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer ist, zeigte sein erster öffentlicher Auftritt am Sonntag: Bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des 17. Juni wurde er von Gegnern der PDS als "Vaterlandsverräter" und "Putschist" beschimpft.

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