Berlin: „Kein Automatismus“
Franzose wird 2003 EZB-Chef

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der Niederländer Wim Duisenberg, hat den Spekulationen über seinen vorzeitigen Rücktritt ein Ende gesetzt. An seinem 68. Geburtstag, dem 9. Juli 2003, werde er als oberster Währungshüter Euro-Lands abdanken, teilte die Bank am Donnerstag vor der Sitzung des EZB-Rats im niederländischen Maastricht mit.

abo/cn/hjk/ink/mak HB FRANKFURT/MAASTRICHT. Duisenberg gab damit dem Drängen der französischen Regierung nach, die nach der erfolgreichen Einführung des Euro-Bargelds wissen wollte, wann der EZB-Spitzenposten frei wird. 1998, bei seiner Ernennung, hatte Duisenberg zugesagt, vor Ablauf seiner achtjährigen Amtszeit zurückzutreten. Das genaue Datum wollte er sich aber nicht vorschreiben lassen. Damals war Frankreich politisch zugesichert worden, dass Paris den Duisenberg-Nachfolger stellen darf.

Wim Duisenberg erklärte am Donnerstag in Maastricht, der Rücktritt erfolge aus "rein persönlichen Gründen." "Genug ist genug." Duisenbergs Entscheidung fiel am vorletzten Wochenende in Amsterdam, konsultiert hat er angeblich nur seine Frau. "Ich betrachte 68 Jahre als ein respektables Alter, um sich zur Ruhe zu setzen," sagte der EZB-Chef. Wenn er gehe, sei er fünf Jahre im Amt gewesen. Er habe den Aufbau der EZB begleitet und könne sicher sein, dass die gemeinsame europäische Währung erfolgreich eingeführt sei.

Duisenberg erklärte sich in einem Schreiben an den spanischen Ministerpräsidenten und derzeitigen Präsidenten des Europäischen Rats, Jose Maria Aznar, bereit, "etwas länger" im Amt zu bleiben, wenn das für einen reibungslosen Übergang im Amt des EZB-Präsidenten sinnvoll sei. Wörtlich: "Das schließt einen früheren Rücktritt aus." Der EZB-Chef räumte zudem ein, dass es sehr früh sei, den Rücktritt bereits jetzt bekannt zu geben. Er habe sich dennoch dafür entschieden: erstens aus Gründen der Transparenz, zweitens sei er über die Spekulationen besorgt gewesen, die unter anderem auch eine Verbindung zwischen der Besetzung des Amts des Vizepräsidenten und des Präsidenten hergestellt hatten. Das über die Besetzung der beiden Ämter gleichzeitig entschieden werde, hält Duisenberg für "eine Utopie".

Wer aus Paris für die EZB-Präsidentschaft nominiert wird, blieb offen. Hinter den Kulissen hieß es, der konservative Präsident Jacques Chirac und der sozialistische Premierminister Lionel Jospin könnten sich derzeit nur auf Notenbankgouverneur Jean-Claude Trichet einigen. Trichet gilt seit Jahren als Favorit, soll aber erst dann aufs Schild gehoben werden, wenn die derzeit gegen ihn laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Credit-Lyonnais-Skandal beendet sind.

In Berlin hieß es, einen Automatismus, dass der Nachfolger Duisenbergs ein Franzose sein müsse, gebe es nicht. Nirgendwo gebe es ein Protokoll, in dem dies als Verabredung festgelegt worden sei, wurde am Donnerstag in hochrangigen Regierungskreisen betont. Falls es eine solche mündliche Absprache gegeben habe, könne davon nur der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl Auskunft geben. Im übrigen könne das Thema gar nicht bilateral nach dem Motto geregelt werden: Weil Frankfurt Sitz der EZB wurde, muss der künftige Präsident aus Frankreich kommen. Auch die anderen EU-Staaten hätten ein Mitspracherecht.

Dennoch gibt es in Berlin wenig Zweifel, dass der Nachfolger Duisenbergs aus Frankreich kommen wird. "Die Besetzung des EZB-Spitzenpostens ist zweifellos eine Statusfrage", sagte ein Regierungsvertreter gegenüber dem Handelsblatt. Deutschland werde sich sicher nicht gegen einen Kandidaten aus dem Nachbarland sperren. Ob die französische Regierung nun Jean-Claude Trichet als Duisenberg-Nachfolger vorschlage, müsse sie angesichts der innenpolitischen Probleme, die Trichet offenbar habe, selbst entscheiden. Inhaltlich gelte Trichet als exzellenter Mann, hieß es.

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