Berlin und Washington gehen aufeinander zu
Zwang zur Versöhnung

Wer immer in diesen Tagen deutsche oder amerikanische Diplomaten nach dem bilateralen Verhältnis fragt, blickt in freundliche Gesichter. In beiden Hauptstädten wird an der Reparatur der im Irak-Streit arg strapazierten Beziehungen gearbeitet. Demonstrativ reihen sich nun symbolhafte Treffen aneinander - und die heutige Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder vor der Amerikanischen Handelskammer in Berlin gehört dazu. Auch er wird versöhnliche Worte suchen, bevor er am 16. Mai US-Außenminister Colin Powell in Berlin die Hand schüttelt.

ink BERLIN. Beide Regierungen stehen unter Versöhnungsdruck. Es stehen eine Fülle von Themen an, in denen beide gemeinsame Interessen haben. Weder die amerikanische noch die deutsche Regierung kann es sich leisten, länger zu schmollen. Zumal Begegnungen zwischen US-Präsident George W. Bush und dem Kanzler sowohl in St. Petersburg und beim G8-Gipfel im französischen Evian anstehen. "Auch Bush will unbedingt vermeiden, auf seiner Europa-Reise frostig empfangen zu werden", meint Ron Asmus, Deutschland-Experte beim Washingtoner German Marshall Fund.

Kooperation zeichnet sich längst auch wieder im Nahen Osten ab. Bundesaußenminister Joschka Fischer hatte früh die Parole ausgegeben, dass trotz Ablehnung des amerikanischen Vorgehens im Irak kein Platz zum Schmollen sei. Auch Deutschland müsse sich nämlich wünschen, dass der Wiederaufbau im Irak möglichst reibungslos verlaufe. Zudem gibt es zur Schadenfreude wenig Grund: Der Krieg ging mit weniger Opfern zu Ende, als von den Kritiker auch in der Bundesregierung erwartet. Bisher ist der Nahe Osten nicht in einem Blutbad ertrunken, wie etwa der Außenminister orakelt hatte. Stattdessen hat das Nahost-Quartett aus USA, EU, Russland und Uno einen neuen Friedensplan für die Region vorgelegt - und damit eine wichtige Forderung Fischers erfüllt.

Über die Phase, in der gerätselt wurde, welchen "Preis" Deutschland für seinen Widerstand gegen den Krieg zahlen müsse, ist man längst hinaus. Aber dass die Ernsthaftigkeit des deutschen Kooperationswillens auf die Probe gestellt wird, hat Washington klar gemacht. Deshalb vollzieht sich die offizielle Versöhnung auch nur Schritt für Schritt - wie der noch eher kühle Empfang für Verteidigungsminister Peter Struck in Washington gezeigt hat.

Die US-Regierung selbst will auch einen Beitrag leisten und ist nun doch bereit, in der Frage der Nachkriegsordnung im Irak wieder den Weg über die Uno zu gehen - aber nur, wenn sie aus Berlin und Paris die Zusicherung erhält, dass sie im Sicherheitsrat nicht erneut vorgeführt wird. Die Bundesregierung hat bereits signalisiert, dass sie eine Aufhebung der Sanktionen unterstützen würde. Auch Frankreich zeigt sich kooperationsbereit. Beide Länder, das haben die Verteidigungsminister gerade bei ihrem Treffen in Berlin klar gemacht, wehren sich auch nicht mehr gegen eine Einbindung der Nato im Irak.

Immer deutlicher sind die Signale aus Berlin, dass durchaus auch deutsche Soldaten in den Irak geschickt werden könnten. Allerdings sieht man dies gleichzeitig als Lockmittel dafür, dass Washington die Uno wirklich rasch wieder voll einbindet und nicht an den ursprünglichen Plänen eines zweijährigen amerikanisch-britischen Protektorats im Irak festhält. Je weiter sich die Gemüter nach dem Irak-Streit abkühlen, um so deutlicher wird, dass sich hier die Interessen von Kriegsbefürwortern und-gegnern durchaus überschneiden. Denn die USA und Großbritannien stehen unter erheblichem Druck, die Zahl ihrer Soldaten schnell zu reduzieren. Der Ersatz aus den Zwergenstaaten der "Koalition der Willigen" reicht dafür nicht aus.

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