Berliner Bilanzskandal erregt weiter Gemüter
Wirtschaftsprüfer bekräftigt Kritik an BDO

Der Berliner Bilanzskandal erregt weiter die Gemüter. Der Hannoveraner Sonderprüfer Achim Walter, inzwischen selbst Ziel von Kritik, ging in die Offensive: An seiner öffentlich geäußerten Einschätzung zu den fraglichen Testaten hält er fest, obwohl BDO rechtliche Schritte androhte.

BERLIN. Nein, er mache sich keine Sorgen, versichert Achim Walther. Zwar ist ihm klar, dass er sich als einzelner Wirtschaftsprüfer mit der BDO Deutsche Warentreuhand AG einem Zwei-Milliarden-Konzern gegenüberstehe. "Aber da ich beruflich immer größten Wert auf Sorgfalt gelegt habe, bin ich sicher, dass mir fachlich keiner an den Karren fahren kann", sagt Achim Walther und lehnt sich entspannt in seinen Bürostuhl zurück. Seit Ende vergangener Woche steht der Hannoveraner Wirtschaftsprüfer- und Unternehmensberater im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Eine von ihm Mitte 1997 durchgeführte Sonderprüfung der "Immobilien- und Baumanagement der Bankgesellschaft Berlin GmbH" (IBG) liegt jetzt als Beweis dafür vor, dass die heutige Berliner Bankenkrise bereits damals absehbar war. Walthers Gutachten hatte der für die IBG zuständigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO Deutsche Warentreuhand vorgelegen. Obwohl Walther von bilanzrechtlichen Verstößen und einer Testierung des IBG-Jahresabschlusses warnte, erklärte BDO das Rechenwerk für uneingeschränkt in Ordnung.

Nun wird über Schadensersatzforderungen der Bankgesellschaft gegen BDO in Milliardenhöhe spekuliert. Warum hat er bis jetzt gewartet, bevor er sein Wissen um den Bilanzskandal preisgab? "Ich unterliege einer Schweigepflicht. Und es war einfach nicht meine Aufgabe, die Aufklärung der Bankenkrise zu betreiben. Das hätten andere tun müssen", so Walther. "Aber da das ARD-Magazin Kontraste und das Handelsblatt meinen Bericht ohnehin vorliegen hatten und die Aufklärung nicht recht vorankommen wollte, kann ich dazu beitragen."

"Klein sein ist kein Makel"

Inzwischen gibt es erste Versuche, ihn zu diskreditieren. Aus dem Umfeld der IBG wurde lanciert, Walther sei 1997 verzweifelt auf der Suche nach Aufträgen gewesen. Außerdem sei er eben nur ein "kleiner" Wirtschaftsprüfer. Über solche Aussagen lächelt der gebürtige Berliner: "Natürlich habe ich als Unternehmer immer versucht, Aufträge zu aquirieren. Aber als der Vorstandschef der Landesbank, Ulf-Wilhelm Decken, mich im Januar 1997 zunächst mündlich beauftragte, war ich gerade dabei, einen großen Auftrag abzuwickeln", sagt er. Und dass er als Einzelkämpfer arbeitete, ist für ihn etwas positives: "Klein sein ist kein Makel. vor allem nicht in dieser Branche", betont Walther. Der einzelne Wirtschaftsprüfer stehe mit seiner Person und seiner Existenz hinter jeder Unterschrift. "Da ist jeder Prüfauftrag nicht nur eine Frage des Umsatzes, sondern auch des Berufsethos. In großen Gesellschaften ist das ganz anders. Da ist man in Hierarchien eingebunden, muss sich der Unternehmenskultur fügen." Und wer gegen den Strom schwimme, werde leicht gemobbt.

Für Walther ist es eindeutig, dass in der Wirklichkeit in vielen Fällen nicht nach den Berufsgrundsätzen der Wirtschaftsprüfer gehandelt werde. Der gegenwärtige Fall BDO Deutsche Warentreuhand sei nur ein Beispiel dafür: "Es geht nicht um die Prüfung an sich, sondern darum, in einer bestimmten Zeit ein Testat zu erstellen. Es geht um Umsatz", so Walther. "Und die Prüfungen werden durchgeführt von Prüfungsassistenten, die zu Tausenden als Hochschulabgänger angeworben werden. Die sind dann noch gar nicht vorbereitet auf das, was sie erwartet." Für Schulungen bleibe kaum Zeit.

Der große Wettbewerbsdruck hat für ihn mit dazu beigetragen, dass die BDO-Prüfer die Jahresabschlüsse der Bankgesellschaftstochter BGB-Tochter IBG trotz seiner Warnungen testiert hat. "1997 war ja nicht das erste Jahr, in dem BDO dort testiert hat. Und plötzlich kommt da ein fremder Prüfer und sagt: Die Testate stimmen nicht. Das ist eine tragische Situation. Die müssten alte Testate widerrufen. Das aber ist dann ein Imageschaden sondergleichen. Also wird alles versucht, um die Lage irgendwie zu retten."

Zeitdruck erhöht

Ursprünglich war Walther bei der IBG herzlich aufgenommen worden. Die Probleme hätten erst begonnen, so Walther, "als den Verantwortlichen klar wurde, dass meine Prüfung nicht in die erwünschte Richtung laufen würde." Plötzlich sei der Zeitdruck erhöht worden: "Ständig hieß es, ich solle bald fertig werden. Dabei gab es keinerlei Grund für solches Tempo. Es war Mitte des Jahres, und das Testat ist jeweils im Frühjahr des Folgejahres fällig." Walther konnte seinen Berichtsentwurf dennoch bereits Ende Juli 1997 abgeben, weil er "nach relativ kurzer Zeit" entdeckt zu haben glaubte, dass die BDO-Prüfer "methodisch falsch vorgegangen waren".

Doch inzwischen waren die Verantwortlichen von IBG und BDO unruhig geworden. Im September schickten sie Walther Unterlagen, die heute als entlastende "Gegengutachten" herhalten sollen. Walther widerspricht: "Es gab keine Gutachten, obwohl dieses Wort auf einem Dokument von Arthur Andersen stand. Tatsächlich handelte es sich um reine Stellungnahmen von Betroffenen. Denn als Prospektprüfer der IBG waren Arthur Andersen und BDO eine Interessengruppe. Im übrigen erfüllten diese Schreiben in keiner Weise Gutachten-Ansprüche."

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