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Berliner Weiße nur für Touristen

Münchner Helles, Kölner Kölsch, Düsseldorfer Alt und Berliner Weiße: Viele Großstädter lieben ihr Bier wie ihre Stadt. Doch wer in der Hauptstadt Berliner Weiße trinkt, ist als Berliner disqualifiziert.

dpa BERLIN. Münchner Helles, Kölner Kölsch, Düsseldorfer Alt und Berliner Weiße: Viele Großstädter lieben ihr Bier wie ihre Stadt. Doch wer in der Hauptstadt Berliner Weiße trinkt, ist als Berliner disqualifiziert.

Das saure Bier mit dem Schuss Himbeer- oder Waldmeistersirup ist mittlerweile verpönt. "Jeder Einheimische sieht mit einem Glas Weiße aus wie ein Tourist", meinen die Gastronomen. Selbst Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit äußerte unlängst in einem Zeitungsinterview, ein kühles Kölsch der Weiße vorzuziehen.

Vorbei die Zeiten, als Berliner Weiße noch zu der Stadt gehörte wie das Brandenburger Tor. Im 19. Jahrhundert war das Bier Hauptgetränk der Berliner. Weißbierlokale gab es an jeder Straßenecke und die Laubenpieper vergruben Weißeflaschen über den Winter im Garten, um den Gerstensaft noch etwas nachreifen zu lassen. Die Tradition, Bier mit rotem oder grünem Sirup zu mischen, wurde in den 50er Jahren sogar im Rheinland ein Trend, berichtet Bierhistoriker Wolfgang Herborn.

Das als sauer und obergärig gebraute Sommerbier, das pur an den Geschmack von vergorener Milch erinnert, ist derzeit in kaum einem Berliner Supermarkt oder Kiosk mehr zu finden. "Weiße bestellt sich heute höchstens nur noch ein Gast pro Abend", klagt eine Kreuzberger Kneipenwirtin.

Mit einem fast schon gegen Null Prozent tendierenden Marktanteil beim Bierabsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels ist das Berliner Traditionsgetränk höchstens noch ein Nischenprodukt. Andere Regionalbiere wie Kölsch oder Alt können sich noch mit stabilen Marktanteilen von um die drei Prozent behaupten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden bundesweit gerade einmal 3000 Hektoliter Weiße in den Supermärkten abgesetzt - zu wenig um noch in der Sortenstatistik der Deutschen Brauer-Bunds zu erscheinen.

"Der Geschmack hat sich zum Herberen hin entwickelt", erklärt Historiker Herborn. In den vergangenen 50 Jahren hat sich Pils zum beliebtesten Bier in Deutschland entwickelt. Auch die Berliner Brauer produzieren heute überwiegend nach Pilsener Brauart. Zur Situation der Berliner Weiße will sich allerdings keiner äußern.

"Weiße mit Schuss ist einfach zu süß", erklärt Wirtin Jeannette Kraus aus Kreuzberg. Dabei ist Berliner Weiße in Reinform eigentlich zu sauer. Seit jeher wird sie deshalb nur gemischt getrunken - mit dem strengen deutschen Reinheitsgebot lässt sich eine Weiße mit Schuss aber kaum vereinbaren. Im 19. Jahrhundert kam zunächst Korn oder Kümmelschnaps in das Bier, erst später setzte sich sich der Schuss Himbeer- oder Waldmeistersirup durch. Einen Schluck Martini in die Weiße empfiehlt Wirtin Mari Hanslik als moderne Variante.

Der Einsatz von Milchsäurebakterien im Brauprozess sorgt für den sauren Geschmack der Berliner Biersorte - ein Verfahren, das der Herstellung von Champagner ähnelt. Ursprünglich stammt die Weiße aus dem 16. Jahrhundert von einem missglückten Versuch, im hannoverischen Raum Hamburger Bier nachzubrauen. Berliner Brauer verbesserten das Rezept und schufen das "Berlinische Weitzenbier", das am liebsten mit klaren Schnäpsen getrunken wurde.

Während die Weiße aus der Mode gekommen ist, liegen andere Biermischgetränke wie Radler (Bier mit Limonade) oder Colabier im Trend. Von den Brauereien fertig angemischten halten diese Mixturen einen Anteil von 2,6 % am deutschen Biermarkt. Getrunken werden die Biermischungen jedoch überwiegend von jungen Erwachsenen unter 25 Jahren, weiß Birte Kleppien vom Deutschen Brauer-Bund. "Alle Älteren trinken lieber klassisch."

Obwohl entweder leuchtend rot oder giftgrün, gilt die Berliner Weiße nicht als für Jugendliche gefährliches Alcopop. "Davon geht keine Gefahr aus", bescheinigt die Berliner Verbraucherzentrale dem Traditionsgetränk der Hauptstadt.

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