Berliner Wirtschaftsuni will im Herbst starten
Vollmundige Ankündigung

In Berlin und München will die deutsche Wirtschaft eine Business School europäischer Dimension entstehen lassen. Doch vielleicht wird es wieder nur bei großen Worten bleiben.

BERLIN. Eine deutsche Harvard Business School soll es werden, ein Berliner Insead. Einige der einflussreichsten Power Player der deutschen Wirtschaft haben ihren ewigen Klagen an der mangelhaften (Top-)Managerausbildung an deutschen Hochschulen Taten folgen lassen, und 100 Millionen Euro auf den Tisch gelegt: In sehr prominenter Hauptstadtlage soll damit die European School of Management and Technology (EMTS) entstehen, die bereits im Herbst ihren Lehrbetrieb aufnehmen will.

"Unser Anspruch ist hoch", erklärt ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme und Koordinator der Gründungsinitiative, der auch Allianz, DaimlerChrysler, Deutsche Bank und Eon angehören. "Die EMTS strebt eine führende Position unter den Business Schools in Europa an."

Ableger in München

Nicht ungeschickt haben die EMTS-Initiatoren aus der privaten Wirtschaft mit den politisch Verantwortlichen gepokert. Um das vermeintlich prestigereiche Projekt nach Berlin zu bekommen, winken Berliner Senat und Bundesregierung mit dem ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude. Sofort hat auch die bayerische Staatsregierung reagiert und der Business School Räumlichkeiten angeboten. Nun soll ein Teil der Programme auch in München laufen.

Bereits Ende diesen Jahres soll es die ersten Managerfortbildungsprogramme (executive education) geben, ab 2004 dann auch einen Vollzeit- und einen Teilzeit-MBA. Darüber hinaus wird es einen eigenständigen Magister in öffentlicher Verwaltung und ein Promotionsprogramm geben. "Jährlich sollen rund 500 Teilnehmer die Schule mit einem akademischen Abschluss verlassen. Hinzu kommen 2 500 Absolventen von Management- Seminaren."

Träger der in Form einer gemeinnützigen GmbH geführten Hochschule ist eine in Gründung befindliche Stiftung, die die Unternehmen mit 100 Millionen Euro Kapital ausstatten wollen. Von den Zinserträgen dieses Stiftungsvermögens, weiteren finanziellen Zuwendungen und den Einnahmen aus dem Lehrbetrieb müsste sich die private Hochschule dann finanzieren. Die gemeinnnützige Hertie-Stiftung gibt darüber hinaus 25 Millionen Euro für ein der ESMT angegliedertes Institut für Europäische Integration.

Finanzierung ist fraglich

Doch was sich nach üppiger finanzieller Ausstattung anhört, könnte sich als Unterfinanzierung erweisen - zumindest wenn die EMTS-Initiatoren wirklich ernst machen wollen mit ihrer Ankündigung in fünf bis zehn Jahren eine Business School hochzuziehen, die in Europa in der ersten Liga spielt. Zum Vergleich: Das jährliche Budget der London Business School, einer der drei führenden europäischen Schulen, beträgt 35 Millionen Euro! Kenner der internationalen Business School-Szene schätzen, dass die EMTS jährlich 30 bis 50 Millionen Euro brauchen würde, um wirklich die international reputierten Leute nach Berlin zu holen, die sie braucht. US-Management-Gurus aber kosten auf dem internationalen Markt 350 000 Dollar Jahresgehalt.

Geradezu grotesk ist auch die Behauptung der ESMT-Initiatoren, mit dem Schwerpunkt Technologie- und Innovationsmanagement ein in Europa einzigartiges Angebot aufzubauen. "Ich glaube, dass einige der Initiatoren gar nicht wissen, was es am Markt gibt", sagt dazu Professor Klaus Brockhoff. Der heutige Rektor der privaten WHU, an der es auch einen eigenen Lehrstuhl Innovationsmanagement gibt, gehört seit zwei Jahrzehnten selbst zu den Pionieren in diesem Bereich . "Es stimmt einfach nicht", urteilt auch Kai Peters, Dean der Rotterdam School of Management, und zählt neben seiner eigenen Schule Insead, Cranfield und Imperial College auf, wo zu diesem Thema gearbeitet wird.

Willkommen geheißen wird die ESMT von einer Seite, von der man es nicht unbedingt erwarten würde: Von den ortsansässigen Hochschulen, die doch, so der zumindest indirekte Vorwurf der deutschen Wirtschaft, nicht so viel taugen. Unisono begrüßt die Universitäten in Berlin und München auf Nachfrage des Handelsblatts die Neugründung.

Staatliche Unis wollen von der EMTS profitieren

Doch die offiziellen Sympathiebekundungen sind nicht uneigennützig. Da man den großen Kuchen der deutschen Wirtschaft nicht selbst bekommen konnte - das Projekt einer Munich Business School wurde wieder aufgegeben -, will man jetzt zumindest ein Stück von Kuchen. Denn, so das Kalkül, aus eigenen Kräften wird die EMTS gar nicht funktionieren können. "Ohne unsere wissenschaftliche Kompetenz wird die Sache keinen Erfolg haben", erklärt gelassen und selbstbewusst Professor Andreas Heldrich, Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Die EMTS wird sich also - teuer bezahlend - Gastprofessoren von den deutschen Hochschulen ausleihen müssen, und so mancher Euro sollte auch für gemeinsame Forschungsvorhaben drin sein. Selbst an der Top-Schule IMD in Lausanne erwartet Präsident Peter Lorange positive Effekte der Neugründung - und bietet, Expansionspotenzial witternd, seine Zusammenarbeit mit der neuen deutschen Business School an.

Nicht zuletzt muss auch die Bestimmung von Professor Wulff Plinke zum Gründungsrektor der EMTS erstaunen. Bei so hochgestochenen Ambitionen hätte man erwartet, dass die EMTS-Initiatoren sich einen Mann mit internationaler Business School-Erfahrung suchen (lassen). Renommierte Schulen rekrutieren ihre Deans heute per Headhunter - und bezahlen sie fürstlich.

Doch der Marketing-Professor der Berliner Humboldt-Universität hat nie im Ausland gelehrt und ist in der internationalen Business School-Welt ein Unbekannter. Das Manko soll nun dadurch ausgeglichen werden, dass die EMTS einen wohl amerikanischen Präsidenten bekommen wird.

Die Gründe für die Wahl Plinkes liegen aber möglicherweise anderswo: Plinke hat sich nämlich im letzten Jahr beurlauben lassen, um Geschäftsführer des USW-Schloss Gracht zu werden. Die von der deutschen Wirtschaft finanzierte Bildungseinrichtung, die auch einen eigenen MBA anbietet, soll nun, so verrät Plinke, in die neue Business School "überführt werden". Ironie der Geschichte: Das USW war einmal selbst mit großen Ambitionen angetreten und gilt heute als Flop.

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