Bernd Kundrun sitzt zwischen den Stühlen
Bernd Kundrun: Der Zaun-Sitzer

Bernd Kundrun hat derzeit einen schweren Stand. Als Vorstandschef des Verlagshauses Gruner + Jahr gehört er auch zur Führungsriege von dessen Mehrheitsaktionär Bertelsmann. Nun droht er im Machtpoker der Gesellschafter unterzugehen.

HB HAMBURG. Er hatte schon immer ein feines Gehör für Dissonanzen: Als Siebenjähriger übte Bernd Kundrun solange die Partitur rauf und runter, bis er die richtigen Töne traf. Sein Ziel, Dirigent eines großen Orchesters zu werden, verlor er zwar einige Jahre später aus den Augen. Als Vorstandsvorsitzender des Hamburger Verlagsriesen Gruner + Jahr ("Stern", "Financial Times Deutschland", "TV Today") kann er aber jetzt sein Taktgefühl nochmal unter Beweis stellen.

Der in Wuppertal geborene Medienmanager muss derzeit besonders darauf achten, den richtigen Ton in Deutschlands größtem Zeitungs- und Zeitschriftenhaus mit mehr als 12 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 6 Mrd. DM zu treffen. Er droht ansonsten, im Gerangel unterschiedlicher Interessenlagen der Gesellschafter des Großverlags unterzugehen. Der Grund: Zwischen Bertelsmann und der Hamburger Verlegerdynastie Jahr knarrt es heftig.

Die Vorstellungen der Anteilseigner klaffen auseinander

Bei den beiden Anteilseignern klaffen die Vorstellungen über die weitere Zukunft der Verlagsgruppe auseinander. Danach will Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff den Großverlag vollständig in den Konzern einverleiben und der Jahr-Familie dessen Sperrminorität von 25,1 % abkaufen. Die Minderheitseigentürmer Jahr pochen hingegen auf die Unabhängigkeit des G+J-Konzerns am Hamburger Hafen und wollen ihre umfangreichen Veto- und Gestaltungsrechte in verlegerischen Fragen behalten.

Kundrun muss deshalb vorsichtig taktieren. Der 44-jährige promovierte Betriebswirt befindet sich derzeit in der Rolle eines Zaun-Sitzers. Er muss sich genau überlegen, auf welche Seite der Anteilseigner er sich schlägt.

Kundrun gilt als Ziehkind der Gütersloher. Deshalb gehen Branchenkenner davon aus, dass er vor allem Bertelsmann-Boss Middelhoff zugeneigt ist. Doch damit würde er sich bei seiner künftigen Arbeit den Zorn der sehr einfluss- und traditionsbewussten Jahr-Familie zuziehen, die beispielsweise Vorschläge des G+J-Chefs bei der Wahl von Chefredakteuren blockieren kann.

Jahr-Familie deckt Kudrun den Rücken

Kundrun könnte die Entscheidung aber abgenommen werden. Denn die Jahr-Familie nutzt den stets adrett gekleideten Manager und dessen anscheinende Rolle als Befehlsempfänger von Middelhoff, um ihre Position bei G+J zu festigen. Sie wollen Kundrun Rückendeckung gewähren, damit er unabhängig und frei von Börsenplänen der Gütersloher Spitze seine Vorstandsarbeit leisten kann. "Wir werden Kundrun den Rücken stärken, wo wir nur können", betont Burckhardt Schmidt, Interessen-Vertreter der Jahr-Gruppe.

Dies dürfte vor allem für Kundruns ehrgeizigstes Projekt im Verlag hilfreich sein - der vor 16 Monaten gestarteten Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD). In den Augen der über mehrere Generationen gewachsenen Verleger-Familie soll die defizitär arbeitende Zeitung als eine neue Kraft bei Gruner + Jahr langfristig erhalten bleiben. Bertelsmann-Boss Middelhoff hingegen könnte sich inzwischen aus Renditegründen ein anderes Schicksal für das Wirtschaftsblatt vorstellen. Doch damit würde Kundrun eine herbe Schlappe in seiner bisher glanzvollen Karriere einstecken. Er hatte schließlich das Objekt bereits als Zeitungsvorstand von G+J auf den Weg gebracht und dem Blatt einzigartige Wachstumschancen testiert.

Fernseh-Fighter Kudrun

Ob die Jahr-Familie mit Kundrun allerdings wirklich auf die richtige Karte setzt, ist fragwürdig: Als Geschäftsführer des damals in Hamburg sitzenden Pay-TV-Senders Premiere scheute sich der energische Zahlenkopf nicht, sich gegen einen der Anteilseigner durchzusetzen - Leo Kirch.

Der Grund: Als der Münchener Filmhändler neben Premiere den konkurrierenden Pay-TV-Kanal "DF 1" starten wollte, witterte Kundrun Gesellschafter-Verrat. Er wies Kirch mit gerichtliche Schritten in die Schranken. In der Presse galt er schnell als "Fernseh-Fighter": Mit Geschick und Taktgefühl hatte er damit seinem Aufstieg bei einem anderen Premiere-Gesellschafter einen entscheidenden Kick gegeben - der Bertelsmann AG.

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