Bernd Michael ist der Chef von Grey in Düsseldorf, der zweitgrößten Werbeagentur Deutschlands
Wie fühlt man sich eigentlich, Herr Michael ...

... wenn man hier als Folge des Enron-Falls in Amerika plötzlich keine Unternehmenszahlen mehr präsentieren darf?*

Ich ärgere mich, dass ich unter ein paar schwarzen Schafen leiden muss. In Zeiten von Enron und Parmalat scheint sich Naisbitt's Voraussage "Minderheiten werden Mehrheiten dominieren" zu bewahrheiten. Es ist schwer für mich, zu akzeptieren, dass man als solide geführtes Unternehmen unter den unseriösen Management-Praktiken einiger weniger zu leiden hat und ich hier in Deutschland unsere eigenen Zahlen plötzlich nicht mehr wie früher verkünden darf.

Wie immer, wenn Unfälle passieren, reagiert man in den USA fast hysterisch. Der Sarbanes-Oxley-Act mit strengen Anforderungen an die Nachprüfbarkeit veröffentlichter Zahlen war die Reaktion. Vielleicht eine Überreaktion, aber das Statement des Parmalat-Gründers Tanzi gegenüber der Staatsanwaltschaft ist bemerkenswert: "Ich bin unschuldig, ich habe lediglich 500 Millionen Euro abgezweigt." Ich dachte erst, das Zitat sei ein Druckfehler. Ist das die höchste Stufe der Dekadenz? Oder ein Verfall der Sitten?

Weil sich alles im Leben in Wellen bewegt, glaube ich, dass altmodische Werte wie Ethik und Anstand, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit gerade wegen dieser unglaublichen Vorkommnisse schneller zurück kehren. Ich will nicht den Verfall des römischen Reichs als historischen Vergleich bemühen. Für mich ist es eine unerfreuliche Nebenerscheinung unserer Zivilisation, dass Normen und Sitten gelegentlich ins Schleudern geraten.

Die Frage stellte Claudia Tödtmann

*Bernd Michael durfte als Chef der internationalen Werbeagentur Grey in Deutschland für das vergangene Geschäftsjahr erstmals und gegen seine Gewohnheit keine Unternehmenszahlen nennen - als Folge neuer US-Gesetze, konkret des Sarbanes-Oxley-Acts.

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