Bernd Pischetsrieder muss den Konzern nach der Ära Piëch neu ausrichten
Mit Modellpflege ist es bei VW nicht getan

Zwei neue Modelle wird Volkswagen auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt präsentieren: einen Kleinwagen und einen Vorstandsvorsitzenden. Der Polo bekam wie jedes neue Auto ein dickes Lastenheft auf den Weg. Aber was steht im Lastenheft von Bernd Pischetsrieder?

HB DÜSSELDORF. Der amtierende Konzernherr Ferdinand Piëch beschränkte sich auf zwei Forderungen. Sein Nachfolger müsse Autofan sein und im Übrigen besser als er selbst. Das klingt nach Koketterie, denn auf manchem Gebiet setzt Piëch die Maßstäbe. Doch dahinter steckt eher Einsicht in die eigenen Grenzen. Piëch hat sich auf die Modellpalette konzentriert, daneben blieb viel Brachland. In der Ära Piëch war dieser Weg richtig. VW brauchte schnell viele neue Modelle, um nach der Krise 1993 das Image zu richten und die Kapazitäten auszulasten. Der Chef konnte seine Qualitäten ausspielen, seine Schwäche für Details wurde zur Stärke.

Die Ära Piëch ist vorbei. Sie hat den Konzern wieder ins Spiel gebracht, aber nicht "aufs Treppchen" der drei größten Autokonzerne, wie Piëch es anstrebte. Im Gegenteil: Der niedrige Aktienkurs und das drohende Ende des VW-Gesetzes bringen VW in Übernahmegefahr. Lange ist das Thema in Wolfsburg unterschätzt worden. Jetzt versucht der sonst in Strategiedingen so verschwiegene Piëch, mit öffentlichen Andeutungen Versäumtes nachzuholen. Sparten könne man bilden oder Netzwerke, durch eigene Übernahmen wachsen und Partnerschaften schließen. Gerade hat er Überkreuzbeteiligungen mit Thyssen-Krupp und der Post zu einer "guten Idee" erklärt.

Gut ist nicht jede dieser Ideen. Eine echte Trennung der Marken in zwei Gruppen würde mühsam erkämpfte Synergie verschenken, Mini-Verflechtungen mit Post oder Thyssen-Krupp bringen strategisch nichts. Aber solche Versuchsballons bereiten das Feld für Pischetsrieder. Die Konzernstruktur wird das wichtigste Thema des Nachfolgers. Piëch regiert mit direktem Durchgriff und ihm ergebenem Personal. Um Managementprinzipien und Unternehmenskultur kümmert er sich wenig, die Strategie lebt in einigen Köpfen, aber nicht in der Organisation. Der Konzern hat keine Stärke, die der Chef selbst nicht hat.

Die Folge sind gravierende Schwächen. Eine davon hat Pischetsrieder schon benannt, als er sagte, für ihn stünden die Kunden im Mittelpunkt. Die Phrase wird mit dem Nachsatz zum Programm: Piëch sei dagegen ein Mann der Technik. Bei Dienstleistung und Kundenmanagement gibt es beträchtlichen Nachholbedarf. Wie bei den meisten Herstellern liegt das an der Fixierung auf Entwicklung und Bau der Fahrzeuge. Alles andere hat dienende Funktion und damit wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Darunter leiden neben dem Service auch das Zuliefergeschäft, die Informationstechnik und die Elektronik. Allein die Finanzdienstleistungen haben sich in Maßen emanzipiert.

Diese schlafenden Riesen muss Pischetsrieder wecken. Dazu gehören auch Ausgliederungen, eigene Vorstandsressorts, Börsengänge. Dieser Weg brächte Pischetsrieder gleich zwei Vorteile. Zum einen liegt dort Ertragspotenzial brach. Zum anderen könnte er auf dieser Ebene Allianzen schließen, die nicht nur feindliche Übernahmen erschwerten, sondern den Konzern auch voran brächten.

Dafür muss er aber die Fixierung des Konzerns auf eine Person beenden und damit das Wertesystem über die Zylinderzahl hinaus erweitern. Das bedeutet einen ähnlich radikalen Wandel, wie ihn Piëch zuvor vollbracht hat. Der neue Polo sei ein guter Wagen, sagen Autotester, aber dem ebenfalls guten Vorgänger zu ähnlich. Sollte das einmal über Pischetsrieder gesagt werden, wäre er gescheitert.

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