Bertelsmann-Tochter an Einkaufssender Home Shopping Europe interessiert – Gespräche mit Georg Kofler
RTL-Group erwägt Einstieg bei Hot

Der Fernsehkonzern RTL Group denkt über eine Beteiligung an der Teleshopping-Holding Hot Networks bekannt. Das Ergebnis der Gespräche mit den Gesellschaftern Georg Kofler und Thomas Kirch sind noch offen.

DÜSSELDORF. Die RTL Group erwägt beim europäischen Einkaufssender Home Shopping Europe einzusteigen. Die Fernsehtochter des Medienkonzerns Bertelsmann führt derzeit Gespräche mit dem Gesellschafter und Gründer Georg Kofler über eine Beteiligung an der Teleshopping-Holding Hot Networks AG. "Wir sind ein natürlicher Gesprächspartner. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb wir ins Geschäft kommen könnten", erklärte ein RTL-Insider. "Wir haben natürlich Ambitionen im Teleshopping-Bereich auf europäischer Ebene." Der Premiere-Chef und Thomas Kirch, Sohn von Leo Kirch, halten die Mehrheit an den fünf Shoppingkanälen in Europa.

Erst letzte Woche fanden in München Gespräche zwischen Kofler und Bertelsmann-Vorstand Ewald Walgenbach statt. Der für das Fernsehen zuständige Gütersloher Manager hat den Segen des Vorstandsvorsitzenden der RTL Group, Didier Bellens. Der Luxemburger Konzernchef will seit der Krise des TV-Werbemarktes neue Erlösquellen erschließen. "Es ist unsere erklärte Strategie vom rein werbefinanzierten Fernsehen wegzukommen", heißt es bei der Luxemburger Holding. Bellens wolle aber keine Beteiligungen überteuert einkaufen. "Bisher hat uns der Preis abgeschreckt", sagte ein Insider. Innerhalb der RTL Group gilt der französische Sender M 6 als Modell.

Der Pariser Free-TV-Kanal generiert bereits rund 40 % außerhalb des Werbegeschäft. Erst im März letzten Jahres startete RTL Deutschland einen eigenen Einkaufskanal, der spätestenes 2004 Gewinne schreiben soll. Walgenbach erklärte damals zum Sendestart: "Wir gründen Senderfamilien, wir erweitern sie durch komplementäre Angebote, und wir erschließen das sich daraus ergebende große Cross-Promotion-Potenzial."

Einen starken Partner auf europäischer Ebene könnte Home Shopping Europe gut gebrauchen. Obwohl die Senderfamilie rund 61 Mill. Haushalte rund um die Uhr in Europa erreicht, stellt sich der Aufbau einer eigenen Marke außerhalb Deutschland als schwierige und teure Aufgabe dar. Auch der Gewinn beim deutschen Einkaufskanal Home Shopping Europe AG ist eingebrochen. Mit einem Vorsteuerergebnis von 2,6 Mill. Euro erwirtschaftete der Kanal letztes Jahr nur noch einen Bruchteil des Vorjahresgewinns von rund 23 Mill. Euro. Der Einkaufssender startete 1994 als Tochter der Pro Sieben und der Quelle AG. Im letzten Jahr gründete die in München ansässige Holding vier neue Teleshopping-Kanäle auf Niederländisch, Italienisch, Französisch und Englisch. Insgesamt investierte Hot Networks 250 Mill. Euro, obwohl sich der Umsatz (Home Shopping Europe, Hot Networks, Euvía) im letzten Jahr auf nur 330 Mill. Euro belief. Für 2002 erwartet das Unternehmen Verluste von 49 Mill. Euro.

Aus dem geplanten Börsengang wurde nichts

Das Interesse Koflers mit RTL ins Geschäft zu kommen, ist groß. Hot war vor Wochen in die Schlagzeilen geraten, als bekannt wurde, dass Kofler und Thomas Kirch Millionen-Kredite der insolventen Kirch Media für ihr Engagement im Teleshopping erhalten haben. Die Finanzsituation ist offenbar prekär, wie Kirch-Insider berichten. Hinzu kommt der Konflikt mit dem Hot-Networks-Gesellschafter Home Shopping Network. Das US-Unternehmen von Barry Diller mit einem Verkaufsumsatz von 1,8 Mrd. $ überweist derzeit kein Geld nach München und bringt dadurch die mit der Pro Sieben Sat 1 Media AG betriebene TV-Tochter Euvía Media (Neun Live, Sonnenklar) in schwere Bedrängnis. Ursprünglich plante Kofler einen Börsengang, um die gewaltigen Investitionen zu finanzieren. Doch aus den Plänen des einstigen Pro-Sieben-Chefs und jetzigen Premiere-Geschäftsführer wurde angesichts des miserablen Marktesumfeldes nichts.

Über eine Veränderungen der Beteiligungsverhältnisse bei Hot liegt der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) in Potsdam noch keine Anzeige vor. Im übrigen müsste aber eine Übernahme der Mehrheit bei der KEK gar nicht gemeldet werden, da es sich bei Home Shopping Europe um einen Mediendienst handelt und nicht um ein TV-Programm im Sinne des Rundfunkstaatsvertrags. Ob möglicherweise Bertelsmann wegen seiner starken Stellung im deutschen TV-Markt geprüft wird, bleibt offen, hieß es in KEK-Kreisen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%