Berufsbild Logistiker
Transport und viel mehr

Logistik ist längst zum umfassenden Prozessmanagement geworden. Weil viele Unternehmen den Wandel verschlafen haben, fordern Branchenkenner eine bessere Ausbildung.

HANNOVER. Noch vor kurzem genossen Logistiker den Ruf, bessere Gabelstaplerfahrer zu sein. Das ist längst vorbei. Wie kaum ein anderes Berufsfeld wandelt sich das der Logistik rasant im Takt der technologischen Neuerungen im gesamten Produktionsprozess. Bestellt etwa ein Kunde ein beiges Lederlenkrad für sein neues Auto, muss der Logistiker dafür sorgen, dass Information, Produktion und schnelle Lieferung zwischen Deutschland und einem Lederfabrikant in Südafrika verlässlich ablaufen. Ein großes Angebot - der Kunde kann zwischen diversen Lederfarben und Ausstattungsvarianten wählen - sorgt für zusätzliche Komplexität bei den logistischen Aufgaben.

In der Autoindustrie, die schon seit Jahren auf das Just-in-Time-Prinzip setzt, also Lagerkosten spart, indem sie benötigte Teile zeitnah bestellt, sind Logistiker längst zum "Chain-Supply-Manager" geworden, der die gesamte Wertschöpfungskette vom Zulieferer über Produktion, Distribution und Endabnehmer organisiert und optimiert. Doch auch in anderen Branchen steigen die Anforderungen. Daher investieren produzierende Unternehmen durchschnittlich zehn Prozent ihres Umsatzes in die Logistik.

Doch während sich das Berufsfeld der Logistik rasant ändert, sind die wenigsten Logistiker den neuen Anforderungen gewachsen, klagen Firmenchefs, Personalberater und Professoren. "Die zunehmende Komplexität der Logistik stellt die Fähigkeit in den Mittelpunkt, Prozesse zu managen. Das nimmt die Branche noch nicht ausreichend wahr. Viele denken immer noch in den Einzelbereichen wie Beschaffung, Produktion und Distribution, dabei wird neben dem unerlässlichen Fachwissen die Fähigkeit immer wichtiger, Wissen zu verknüpfen", sagt Holger Ludwig, Geschäftsführer der Holger Ludwig Logistik- & Personalberatung in Hamburg.

In vielen Köpfen, so scheint es, ist das neue Hochgeschwindigkeitsinformationsalter noch nicht angekommen: "Vor 50 Jahren, als Logistik zum Thema wurde, dauerte eine Auftragsübermittlung noch fast so lange wie die Erledigung. Heute geht das minutenschnell, was viele neue Möglichkeiten einer schnellen und flexiblen Ablauforganisation eröffnet", erklärt Klaus Zoller, Professor für Betriebliche Logistik an der Bundeswehr-Universität

Fehlende IT- und Kommunikationskenntnisse

Logistiker der alten Garde, aber auch jene, die erst seit zehn Jahren im Job seien, verfügten meist nicht über ausreichende IT- und Kommunikationstechnik-Kenntnisse, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. "Gerade der Mittelstand scheint überfordert, Abläufe als Prozess zu begreifen, der mit modernen Kommunikationsmitteln sichtbar gemacht werden muss, um ihn besser steuern zu können", hat Zoller beobachtet. Statt auf ein IT-gestütztes Logistik-System verließen sich viele noch auf ihr gutes altes innerbetriebliches Rechnungswesen, das langsam arbeitet und überfordert ist, wenn es darum geht, Ressourcen fressende Organisations- und Bedarfsprobleme schnell zu erkennen.

Defizite bei vielen Führungskräften sehen Branchenkenner auch im methodischen Bereich: Selbst wenn Unternehmen ein ausgefeiltes EDV-Informationssystem installiert hätten, um besser planen zu können, seien die wenigsten Logistiker in der Lage, die Standardsoftware eigenen Bedürfnissen anzupassen. "Es genügt eben nicht, wenn Studenten an der Universität lernen, auf der SAP-Klaviatur zu spielen", urteilt Zoller.

Ebenfalls oft vernachlässigt: Statistik-Kenntnisse. Auch wenn Waren in der Produktion zunehmend auf Zuruf eingesetzt werden, kommen Zulieferer ohne Lagerhaltung nicht aus. Und das heißt auch: Wissen, was künftig gebraucht wird. Verschläft es der Hersteller von Motorradketten, sich genügend Ersatzteile für den Saisonstart im Frühjahr ins Lager zu legen, gerät er ins Schlingern. Ein geradezu beschauliches Beispiel vor dem Hintergrund globaler Warenströme. Wer da auf Eventualitäten mit relativ genau kalkulierten Sicherheitsbeständen vorbereitet sein will, der muss die Gesetzmäßigkeiten in der Nachfrageentwicklung aus einem Datenwust herauslesen können.

Logistiker achten zuwenig auf Soft Skills

Neben komplexer werdenden Managementaufgaben, benennt Siemens-Sprecherin Sabine Metzner auch Soft Skills als Anforderung, der Logistiker häufig zu wenig Beachtung schenken: "Wer weltweit Beschaffungs- und Distributionsnetze aufbauen will, der muss über interkulturelle und soziale Kompetenzen verfügen." Doch die, so Personalberater Ludwig, werden kaum vermittelt: "Die Förderung sozial-kommunikativer Kompetenzen bleibt der betrieblichen Personalentwicklung oder der individuellen Weiterbildung überlassen." In der Praxis sei es damit nicht weit her. "Das Angebot für führungserfahrene Logistiker ist spärlich. Firmeninterne Seminare bringen oft wenig, weil sie zu inaktuell sind, und der Mittelstand bietet sie meist überhaupt nicht an."

Logistik-Manager, die auch in Zukunft gefragt sein wollen, müssen sich daher selbst um Weiterbildung bemühen. Damit jedoch würden sie sich alle Möglichkeiten erschließen: Branchenwechsel seien selbstverständlich für erfahrene und erfolgreiche Projektmanager. Fachkompetenz trete in den Hintergrund zu Gunsten von Projekt-, Team- und Führungskompetenz.

Einer der wenigen Anbieter von Weiterbildungsangeboten ist das Bildungswerk Verkehrsgewerbe Niedersachsen in Hannover, das ab kommendem Februar einen berufsbegleitenden einjährigen IHK-Zertifizierungslehrgang zum Logistik-Manager auflegt. Inhalte sind unter anderem auch Logistik-Controlling, Unternehmensführung und Kommunikation.

Um Defizite erst gar nicht entstehen zu lassen, arbeitet die Bundeswehr-Universität derzeit an einer besseren Ausbildung. Derzeit ensteht eininterdisziplinärer Studiengang "Logistik-Management", der die Betriebswirtschaft und Managementmethoden in den Mittelpunkt stellen und diese um Technikwissen ergänzen soll. Darin sieht Logistik-Professor Zoller die Lösung des Problems einseitiger und veralteter Ausbildung. Er hat erkannt: "Es ist höchste Zeit, nach 50 Jahren Logistik darüber nachzudenken, was das Fach eigentlich ausmacht."

>>Informationen über die Weiterbildung zum Logistik-Manager des Bildungswerks Verkehrsgewerbe Niedersachsen finden Sie unter www.verkehrsgewerbe.de

Quelle: Handelsblatt

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