Besonderheiten der Erwerbsbiographie berücksichtigen
Vorsorge: Finanzdienstleister entdecken Frauen als Zielgruppe

Dabei geht es den Versicherern und Finanzdeinstleistern nicht um das perfekte Produkt für die Frau, sonderen um individuelle Beratung und Entwicklung von Vorsorge- und Sparprogrammen gemeinsam mit der Kundin.

HANDELSBLATT. Spätestens seit Entbrennen der Diskussion um Riesters Rentenreform steht fest, dass Frau in Zukunft ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen muss. "Und die Frauen haben ihre Hausaufgaben gemacht", sagt Tanja Höllger, Projektleiterin bei Psychonomics. Ihre Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) ergab, dass sich über drei Viertel der befragten Frauen ihrer Eigenverantwortung bei der finanziellen Vorsorge inzwischen bewusst sind. Laut Höllger ist es weniger die fehlende Einsicht als das mangelnde Wissen, das die Frauen derzeit noch dabei behindere, ihre Vermögenspläne in konkretes Handeln umzusetzen. Bisher hätten die Frauen im Haushalt meist den organisatorischen Umgang mit Geld übernommen, während sie bei strategischen finanziellen Entscheidungen die Verantwortung lieber abgegeben hätten.

Hier haben in den letzten Jahren Banken und Versicherungen Lunte gerochen: Immer wieder wurden "Lady Tarife" und "Frauenstrategien" entwickelt - speziell auf "frauliche" Bedürfnisse zugeschnittene Produkte, die unter dem Stempel "Selbst ist die Frau" den Kundinnen zur finanziellen Emanzipation verhelfen sollen. Ganz klar mit dem Zertifikat "Lady Bluff" versieht Susanne Kazemieh von der Hamburger Frauenfinanzgruppe derartige Angebote, die sie für einen reinen Marketing-Trick hält, um eine neue Zielgruppe zu umwerben.

Derzeit prominentestes Beispiel ist für sie der "Woman s World Fund" der Anlagegesellschaft Value Management Research (VMR): Mit Wertpapieren von L'Oréal, Tupperware, Estee Lauder und Procter & Gamble im Depot soll dieser Fond besonders weibliche Investitionsentscheidungen abbilden, geht dabei aber offensichtlich "völlig an dem vorbei, was Frauen wirklich brauchen", so Heide Härtel-Herrmann von den Finanzfachfrauen. Aber was brauchen Frauen denn eigentlich?

Die Branchenexperten sind sich einig, dass bei der Vermögensanlage die Idee vom "Frauen-Produkt" endgültig über Bord geworfen werden müsse. Der Versuch, auf der Grundlage pauschaler Geschlechtsspezifika einheitliche Investitionsstrategien zu entwickeln, sei schlichtweg unsinnig, denn: "Frau ist eben mal nicht Frau", sagt Svea Kuschel, Finanzfachfrau aus München. Wichtiger ist zweierlei: Wissensdefizite auszuräumen und bestimmte Probleme, die bei weiblichen Biografien häufiger oder stärker auftreten, zu berücksichtigen.

Zunächst zum Wissen über die Geldanlage: Nur allzu oft klagen Frauen über die schlechte Beratung bei deutschen Kreditinstituten, da ihnen in den Gesprächen von vorneherein die Kompetenz in Finanzentscheidungen abgesprochen werde, so die letzte Umfrage von Metzler Investment in Zusammenarbeit mit dem Forsa Institut. Das liegt oft an dem Wissensdefizit, das die Frauen in ein Beratungsgespräch mitbringen. Einzelne Institute haben den Nachholbedarf auf diesem Gebiet erkannt.

Regen Zulauf finden derzeit auch unabhängige Finanzberaterinnen, die auf der Grundlage herkömmlicher Produkte individuelle Anlagestrategien auf die jeweilige Lebenssituation und Erwerbsbiografie der Kundin abzustimmen versuchen. Für Susanne Kazemieh von der Hamburger Frauenfinanzgruppe geht es bei der Beratung vor allem darum, der Kundin die Bandbreite ihrer Möglichkeiten vor Augen zu führen, um ihr Kompetenz und Flexibilität bei den Finanzentscheidungen zu ermöglichen. Allzu oft klammert sich Frau noch zu sehr an die konservative Sicherheitsstrategie, die Lebensversicherungen und Sparbriefen den Vorzug gibt. Schade, denn sobald sich weibliche Investoren mit der Materie näher beschäftigen, zeigen sie häufig ein größeres Anlagegeschick als Männer, wie eine Studie des Investmenthauses Merrill Lynch ergab.

Probleme und Lösungen

Frauen verdienen häufig weniger Geld als Männer, haben Brüche in ihrer Erwerbsbiografie oder wechseln ihren Beruf nach einer Erziehungsphase. Außerdem haben Frauen eine höhere Lebenserwartung. Die Folge: Es bleibt weniger Geld zum Sparen übrig, dabei wäre eigentlich mehr notwendig. Daher sollten Frauen noch früher als Männer damit anfangen. Dann arbeitet der Zinseszinseffekt für sie. Beispiel: Wer 20 Jahre lang monatlich 100 Euro spart, hat am Ende bei sechs Prozent Rendite rund 46 000 Euro. Nach 30 Jahren, also der eineinhalbfachen Spardauer, sind es 98 000 Euro, also mehr als das Doppelte. Zudem sollten Frauen auf möglichst flexible Vorsorgekonzepte (s.u.) und ein liquides Reservepolster achten.

Frauen sind häufiger allein erziehend. Wichtig ist hierbei auch eine gute Absicherung. Pflichtprogramm sind neben der Krankenversicherung wie bei jeder Familie eine Haftpflichtversicherung und eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Für die Kinder sollte eine Unfallversicherung dazukommen. Es gibt auch spezielle Kinderversicherungen, die auch bei Invalidität in Folge von Krankheit bezahlt. Diese sind aber nicht billig.

Frauen haben oft weniger Überblick über die Familienfinanzen, weil ihre Männer diesen Bereich regeln. Wichtig: Nicht erst, wenn die Ehe kriselt, sich einen Überblick verschaffen. Unter Umständen sollte per Ehevertrag klar geregelt werden, wer was bei einer Scheidung bekommt. Aber Achtung: Die gesetzliche Regelung, nach der der "Zugewinn" geteilt wird - also alles, was während der Ehe an Vermögen aufgebaut wurde - ist für den, der weniger verdient, besser als ein Vertrag, nach dem die Vermögen weitgehend getrennt bleiben.

Frauen haben oft weniger Zeit (vor allem in der Erziehungsphase), sich um ihre Finanzen zu kümmern. Hier empfiehlt sich, möglichst einfache Formen der Vermögensanlage zu wählen, die ohnehin oft die besseren Ergebnisse liefern. Mit einem oder mehreren breit streuenden internationalen Aktienfonds sowie Pfandbriefen lässt sich zum Beispiel ganz simpel und gut strukturiert ein Depot bestücken.

Vorsorge

Bei der Gestaltung der Privatrente gibt es unzählige Vertragsvarianten. Hier einige Punkte, auf die man/frau achten sollte: Beim Todesfall vor Erreichen des Rentenalters gehen entweder nur die eingezahlten Beiträge oder Beiträge plus Zinsen an die Hinterbliebenen. Im ersten Fall ist die Rente höher.

In der Auszahlphase kann eine Garantiezeit vereinbart werden, während der auch nach dem Tod des oder der Versicherten weiterbezahlt wird. Oder es gibt eine Beitragsrückgewähr, nach der die Erben beim Tod die Beiträge ohne Zinsen ausgezahlt bekommen. Lange Garantiezeiten oder Beitragsrückgewähr sind gut für die Erben, kurze Zeiten erhöhen die Rente.

Es gibt Hinterbliebenenrenten, bei denen ein Versicherter in jedem Fall 100 Prozent Rente bis zum Tod bekommt und ein Mitversicherter z.B. 60 Prozent, wenn der Hauptversicherte stirbt. Anders funktioniert die verbundene Rente: Hier werden beide Partner versichert, und der Überlebende bekommt einen geringeren Prozentsatz, zum Beispiel 75 Prozent. Häufig ist es aber genauso sinnvoll, wenn sich beide unabhängig voneinander versichern. Wenn man auch die Interessen der Erben im Auge hat, sollte die Privatrente ohnehin nur die Grundversorgung sichern - zusätzlich empfiehlt sich ein freies Vermögenspolster fürs Alter, zum Beispiel in Form von Fondsanteilen.

Wichtig bei allen Formen der Lebens- oder Rentenversicherung: Bei einer Scheidung muss die Bezugsberechtigung überprüft werden.

Um die teils wechselnde Einkommenssituation aufzufangen, mit der viele Frauen zu kämpfen haben, gibt es auch Lebens- oder Rentenversicherungen mit flexibler Beitragsgestaltung. Wer ansonsten die Rate zur Lebensversicherung nicht mehr zahlen kann oder möchte, sollte auf keinen Fall kündigen (das ist zu teuer), auch nicht die Beiträge stunden lassen (dann müssen sie später nachgezahlt werden), sondern sie am besten beitragsfrei stellen lassen.



Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%