Besonders Discountzertifikate sind bei Anlegern beliebt
Derivate: Knock-out

Zehn Prozent Zinsen für ein Jahr - das ist eine üppige Rendite für die Anleihe einer deutschen Bank. Lothar Spangmann*, mit 78 Jahren zwar längst im Ruhestand, aber noch lange nicht börsenmüde, ging auf das telefonische Angebot seines Bankberaters ein und orderte für 50000 Mark die hoch rentierlichen Papiere.
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DÜSSELDORF. Die Bank überwies die Zinsen pünktlich. Doch statt nach zwölf Monaten sie im August 1999 die 50000 Mark zurückzuzahlen, lieferte sie 305 VW-Aktien. Die waren damals nur noch knapp 33000 Mark wert. Trotz der hohen Zinsen erlitt Spangmann 30 Prozent Verlust mit der Anleihe.

Das Recht, statt Geld VW-Aktien zu liefern, stand der Bankgesellschaft Berlin laut Verkaufsprospekt zu. Denn verkauft hatte sie eine so genannte Aktienanleihe. Trotzdem fühlte sich der Rentner über den Tisch gezogen und klagte: Die Bank habe ihn zu wenig über die Gefahren aufgeklärt, er habe auch nicht das Infoblatt über die Risiken von Börsengeschäften auf Termin unterschrieben, ohne diese Bestätigung der Termingeschäftsfähigkeit hätte ihm die Bank so riskante Papiere wie eine Aktienanleihe niemals andrehen dürfen.

Die Richter am Bundesgerichtshof (BGH) sahen das anders. Am 12. März 2002 schmetterten sie Spangmanns Klage ab - zum Entsetzen aller Aktionärsschützer. Wolf von Buttlar, Fachanwalt für Anlegerrecht in der Kanzlei Tilp und Kälberer in Kirchtellinsfurt: "Das Urteil lässt bei Aktienanleihen keinen Spielraum für Klagen."

Dabei dürfte der Bedarf an Rechtsberatung rund um Zertifikate künftig zunehmen. Inzwischen haben Anleger die Wahl zwischen mehr als 5000 börsennotierten Aktienanleihen, Turbo-, Discount-, Basket- und Indexzertifikaten.

Der Markt brummt

Im April gingen an deutschen Börsen Zertifikate im Wert von über einer Milliarde Euro um, ein Plus von fast 250 Prozent binnen zwölf Monaten. Damit lagen sie in der Anlegergunst vor den Optionsscheinen (siehe Grafik). Deren Umsatz hat sich seit April 2001 mehr als halbiert. Denn viele Anleger wähnen sich mit Zertifikaten auf einem weniger riskanten Spielfeld als mit Calls und Puts. Doch selbst die als konservativ geltenden Indexzertifikate haben Tücken.

"Zertifikate sind ein Schattenmarkt ohne nennenswerte staatliche Aufsicht", warnt Andreas Woitzik, Chef der Vermögensverwaltung Deutsche Derivate inFrankfurt. "Die Emittenten müssen für ihre Erfindung nur einen Verkaufsprospekt bei der staatlichen Finanzdienstleistungsaufsicht hinterlegen. Jede noch so abenteuerliche Konstruktion darf verkauft werden." Wolfgang Gerhardt, Leiter Equity Capital Markets beim Bankhaus Sal. Oppenheim, kann die Kritik nicht verstehen: "Für den Absatzerfolg hilft kein noch so schöner Verkaufsprospekt. Wir bieten ein neues Zertifikat an. Der Anleger entscheidet dann, ob er es annimmt oder nicht." Zudem versuche Sal. Oppenheim, die Risiken in den Anzeigen und Verkaufsprospekten verständlich zu machen.

Discountzertifikate am beliebtesten

Weit vorne in der Anlegergunst stehen derzeit Discountzertifikate. Inzwischen machen sie mehr als die Hälfte aller börsennotierten Zertifikate aus. Zerlegt man dieses Produkt in seine Bestandteile, sieht ein Discountzertifikat so aus: Der Anleger kauft eine Aktie und verkauft gleichzeitig der Bank eine Kaufoption. Die von ihm vereinnahmte Optionsprämie ist der optisch attraktive Rabatt auf die Aktie. Woitzik gibt zu bedenken, "dass Anleger mit Discountzertifikaten eine Wette gegen die Bank eingehen." Zwar senkt der Discount auch Verluste, falls die Aktie fällt. Doch die Kehrseite des Rabatts: Die Ertragschancen sind bei einer positiven Entwicklung des Basiswerts begrenzt. "Cap" nennen die Emissionsbanken den vorher festgelegten Deckel. Klettert die Aktie über den Cap, hat der Anleger nichts mehr davon, denn er erhält am Ende der Laufzeit maximal den Wert des Caps gutgeschrieben. Discountzertifikate eignen sich daher nur für Anleger, die mit einer Seitwärts- oder leichten Aufwärtsbewegung der Aktie rechnen (siehe Tabelle).

Wesentlich gefährlicher als die Discountzertifikate sind so genannte Turbopapiere. Bei ihnen droht schnell ein Totalverlust. Diese hoch spekulativen Finanzinstrumente von Emittenten wie ABN Amro ("Vergessen Sie Optionsscheine - jetzt kommen Turbos"), Commerzbank, BNP Paribas oder der Société Générale sind alter Wein in neuen Schläuchen. Optionsscheinhändler kennen sie schon lange unter dem bezeichnenden Namen Knock-out-Warrant. Nur die Deutsche Bank ist ehrlich und hält an diesem Namen fest.

Die Turbos funktionieren auf den ersten Blick einfach: Steigt der zu Grunde liegende Basiswert um einen Cent, legt auch der Turbo um einen Cent zu. Mit einem geringen Kapitaleinsatz wird so ein hoher Hebel auf den Wertpapierkauf erzielt, weil das Zertifikat nur einen Bruchteil der Aktie kostet. Turbos sind zwar billiger als Optionsscheine. Gravierender ist jedoch ein anderer Unterschied: Das Turbozertifikat verfällt sofort wertlos, wenn die zu Grunde liegende Aktie unter eine vorab festgelegte Kursschwelle rutscht. Der Käufer eines Optionsscheins hingegen kann immerhin bis zum Ende der Laufzeit hoffen, dass die Aktie wieder die Kurve kriegt (WirtschaftsWoche 3/2002).

Die brandgefährliche Turbokonstruktion kommt an: "Die schlagen am Markt ein wie eine Bombe", berichtet Florian Schopf von der Euwax Broker in Stuttgart. Trotz der Risiken lässt der gerade von BNP Paribas übernommene Discountbroker Consors seine Kunden riskante Turbos auch ohne Termingeschäftsfähigkeit handeln.

Was ein klassischer Knock-out bedeutet, bekamen Anleger der Turbozertifikate zu spüren, die in den vergangenen Wochen auf steigende Kurse von Nokia gesetzt hatten: Ausgestattet mit einer Basis und Knock-out-Marke von 20 Euro, verfiel das Zertifikat am 19. April wertlos, als die Aktie des finnischen Handyherstellers unter die magische Grenze sackte - obwohl die Zertifikate noch über drei Monate Restlaufzeit hatten. Auch für Turbos auf Infineon, den Nasdaq-Index oder den Neuer-Markt-Wert Thiel Logistik hagelte es in den vergangenen Wochen K.o.-Schläge. Woitzik: "Es ist ein Unding, dass die Banken den Anlegern derart gefährliche Produkte unter dem harmlosen Begriff Zertifikat andrehen."

Indexzertifikate sind harmloser und günstiger

Harmloser - und günstiger - sind die immer beliebteren Indexzertifikate. Mit ihnen partizipiert der Investor 1:1 an der Entwicklung eines Index. In Zeiten steigender Börsen eine gute Idee zur langfristigen Anlage, schließlich schlagen nur wenige Fondsmanager den Index, an dem sie sich messen. Obendrein kassieren sie Ausgabeaufschläge und jährliche Verwaltungsgebühren. Doch auch bei Indexzertifikaten wird das Kleingedruckte bisweilen zum Renditekiller.

Es gibt zwei Arten von Indizes: Die einen berücksichtigen nur die Kursentwicklung (Kursindex), bei den anderen werden die Dividenden eingerechnet (Performanceindex). ABN Amro, nach Umsätzen im April mit 26 Prozent Umsatzanteil Marktführer für Zertifikate, bietet insgesamt 36 Indexzertifikate an. Ein einziges bezieht sich auf einen Performanceindex, die anderen 35 hingegen auf Kursindizes.

Der kleine Unterschied schlägt langfristig erheblich auf die Rendite durch: Wer vor 30 Jahren in einen Kursindex für alle deutschen Aktien investiert hätte, könnte sich heute über eine Versechsfachung seines Kapitals freuen. Ein theoretisches Investment in einen Performanceindex der gleichen Aktien, also mit Berücksichtigung der Dividenden, belohnte geduldige Investoren hingegen mit einer Verzwölffachung des Einsatzes. Anleger sollten beim Kauf von Indexzertifikaten wenn möglich stets die Performance-Variante bevorzugen, zumal bekannte Indizes wie der Euro Stoxx 50 oder der Dax als Kurs- und als Performanceindex berechnet werden.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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