Besonders Mittelstand könnte leiden
Deutsche Wirtschaftsprüfer bangen um ihren Ruf

Minister Wolfgang Clement will das Prüferexamen modernisieren und verschlanken.

DÜSSELDORF. "Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass ich die Pflichten eines Wirtschaftsprüfers verantwortungsbewusst und sorgfältig erfüllen, insbesondere Verschwiegenheit bewahren und Prüfungsberichte und Gutachten gewissenhaft und unparteiisch erstatten werde, so wahr mir Gott helfe."

Diesen Eid muss jeder Wirtschaftsprüfer leisten, bevor er seine Berufsurkunde erhält. "Doch wie soll ein Wirtschaftsprüfer diese schwere Bürde tragen, wenn ihm zwar die Universität das theoretische betriebswirtschaftliche Fundament vermittelt hat, aber niemand mehr überprüft, ob er den Praxisschock erfolgreich überwunden und gelernt hat, die Theorie in der Praxis auch anzuwenden?", fragt Peter Bareis, Chef des Lehrstuhls für betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Rechnungswesen an der Universität Hohenheim.

Genau dies will Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mit seinem Wirtschaftsprüferexamens-Reformgesetz durchsetzen: Betriebswirtschaft soll im WP-Examen, das der Kandidat nach einer mehrjährigen Praxisphase ablegt, entfallen. Voraussetzung ist, dass er ein BWL-Examen einer Hochschule vorweisen kann. Das Kabinett hat dem Gesetz bereits zugestimmt. Im Herbst sollen es Bundestag und Bundesrat verabschieden, damit es Anfang 2004 in Kraft treten kann.

Ein Hintergrund der Reform ist der New-Economy-Boom längst vergangener Tage: Investmentbanken köderten praktisch alle verfügbaren Jung-Ökonomen mit Traumgehältern, so dass vor allem die großen WP-Gesellschaften bei der Nachwuchssuche leer ausgingen. Miese Einstiegsgehälter, jahrelanges Fristen als Abhaker ohne echte Verantwortung und dann noch eine Prüfung mit hoher Durchfallquote - das war den meisten Absolventen einfach zu unattraktiv. Daher machten die WP-Riesen ihren politischen Einfluss geltend und drangen auf eine "Modernisierung" des Zugangs zum Wirtschaftsprüfer-Beruf.

"Das ist so, als ob die Kultusminister erst feststellen, dass die Durchfallquote beim Abitur zu hoch ist, und als Konsequenz beschließen, das Abitur abzuschaffen", schimpft der Chef des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung an der Berliner Humboldt-Universität, Theo Siegel. "Ich stelle bei WP-Examen fest, dass auch viele Diplom-Kaufleute Defizite bei betriebswirtschaftlichen Problemen haben."

Angesichts der Vertrauenskrise, in der der Berufsstand nach den Skandalen der letzten Jahre - etwa Flowtex, Balsam, Comroad oder EM.TV - steckt, sei es ein falsches Signal, warnen vor allem mittelständische Prüfer. "Das Image des Berufsstandes könnte weiter leiden", fürchtet Wirtschaftsprüfer Gerhard Müller- Kröncke aus Berlin. "Die Leute können ihr Wissen doch nur in Seminaren und Übungen erworben haben", ergänzt sei Kollege Herbert Brönner.

Besonders für den Mittelstand könnte die Reform zum Problem werden. Für das Herz der Deutschen Volkswirtschaft ist der Wirtschaftsprüfer nicht nur Buchprüfer, sondern Mädchen-für-Alles. "Auf Grund seiner umfangreichen Kenntnisse ist der WP der qualifizierte Berater seiner Mandanten auf den Gebieten der wirtschaftlichen Betriebsführung und Organisation. Als Berater hat er wirtschaftliche, finanzielle und auch wirtschaftsrechtliche Problemstellungen seiner Mandanten zu berücksichtigen und zu lösen", unterstreicht die Kammer auf ihrer Homepage. "Einerseits sollen wir heute halbe Propheten sein; andererseits werden die Prüfungsanforderungen gesenkt. Das passt nicht zusammen", sagt Müller-Kröncke.

Dagegen wiegelt das Wirtschaftsministerium ab. Laut Prüfungsordnung würden auch künftig betriebs- und volkswirtschaftliche Grundkenntnisse der Kandidaten verlangt, sagt Sven Kaiser aus dem Referat Freie Berufe. Das Gesetz ermächtige lediglich den Wirtschaftsminister, zwei Verordnungen zu erlassen. Demnach sollten zum einen bestimmte Hochschulgänge zur Ausbildung als Wirtschaftsprüfer als besonders geeignet anerkannt werden und zum anderen bestimmte Prüfungsleistungen angerechnet werden können. Ziel sei, das WP-Examen zu entlasten und bislang nötiges Mehrfachlernen desselben Stoffs zu Gunsten einer modernen, schlanken und zügigeren Ausbildung zu vermeiden.

Rückendeckung erhält das Ministerium vom Institut der Wirtschaftsprüfer, dem Verband der Branche. Verbandschef Klaus-Peter Naumann betont, "bisher hatte ich immer noch Vertrauen in unsere Hochschulen". Ein Großteil des Nachwuchs habe ohnehin BWL studiert. "Ich glaube nicht, dass das, was Hochschullehrer in speziellen Kursen für das WP-Examen vermitteln, weit über das hinaus geht, was sie in ihren Uni-Vorlesungen behandeln."

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