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Besser zu früh als spät

Wenn das Wirtschaftstempo wieder anzieht, zählen konjunktursensible, zyklische Aktien zu den Gewinnern.

23.5.2001 Sinkende Margen, Überkapazitäten und niedrige Renditen - das sind nicht gerade positive Signale für Investoren. Diese Charakteristika treffen auf viele zyklische Aktien zu - und lassen deswegen zu leicht den gesamten Sektor in Vergessenheit geraten. Für Aktien aus den Sektoren Bau oder Stahl mag das zutreffen. Aber gerade Frühzykliker sind für viele Analysten jetzt Kaufkandidaten.

Frühzykliker sind Aktien, die als erste auf ein Anziehen der Konjunktur reagieren dürften. Dazu zählen Branchen, die von höheren Investitionen und Ausrüstungskäufen der Unternehmen profitieren. Für Christoph Niesel, Fondsmanager für europäische Standardwerte beim DIT, zählen Siemens, der Anlagenbauer ABB und Thyssen-Krupp zu den derzeit attraktiven Frühzyklikern. Spätzykliker sind dagegen Unternehmen, auf die sich eine Konjunkturbelebung erst nach einer Weile auswirkt. Beispiele hierfür sind konsumabhängige Einzelhandelsaktien wie Metro, Douglas oder Karstadt - und Automobile. Zurzeit sei es aber noch zu riskant, auf Spätzykliker zu setzen, sagt Niesel. Im Bereich zwischen Früh- und Spätzyklikern stehen Aktien aus der Chemie- und Pharmabranche.

Natürlich stellt diese Einteilung nur ein grobes Raster dar. Ein Blick auf die spezielle Situation jedes einzelnen Unternehmens bleibt wichtig. Unter den europäischen Frühzylikern favorisiert der DIT-Fondsmanager derzeit den französischen Stahlkonzern Usinor und gleich eine Reihe von Papierherstellern: Asia Pulp & Paper aus Singapur, UPM Kymmene aus Finnland sowie den schwedisch-finnischen Papierproduzenten Stora Enso. Allerdings seien die Aktien von Stahl- und Papierherstellern schon gut gelaufen, gibt Michael Fraikin, Fondsmanager bei Invesco, zu bedenken. Zudem hat die Forstindustrie mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen: Der Preis für den wichtigsten Rohstoff, den Zellstoff, ist gesunken, und die Lager sind noch prall gefüllt.

Grundsätzlich kann die Lehrbuchtheorie über Zykliker nicht eins zu eins in die Praxis übertragen werden. Denn am Markt hat das Phänomen der Hausse der Telekommunikations-, Medien- und Technologieaktien (TMT-Titel) kräftig dazwischen gefunkt. Mit dem Einbruch der TMT-Titel seit Ende März vergangenen Jahres ist viel Geld in die Old Economy geflossen - und damit auch in zyklische Aktien. Deswegen sind die Kurse vieler Zykliker schon jetzt gut gelaufen. Ein Beispiel stellen Konsumaktien dar. Mark Howdle, Analyst bei Salomon Smith Barney, traut den zyklischen Konsumwerten kaum noch Potenzial zu. Dabei sei es eigentlich im Konjunkturzyklus "für diese Aktien jetzt noch zu früh", meint Khuram Chaudry, Aktienstratege bei Merrill Lynch. Aber gerade diese Branche hat den Anlegern als sicherer Hafen gedient.

Als interessante Nische im zyklischen Universum betrachtet Goldman Sachs auch Zeitarbeitsfirmen, wie Adecco. Die weltgrößte Firma hat über 5 000 Büros in 58 Ländern. So lange sich eine Konjunkturerholung abzeichne, steht die Aktie weiterhin auf der Liste der Top-Empfehlungen. Bergbau-Aktien wie Anglo American, Rio Tinto und Billiton zählen zu den Favoriten von Merrill Lynch-Stratege Chaudry. Schon seit Dezember vergangenen Jahres ist die Investmentbank der Bergbaubranche gegenüber positiv eingestellt - Mitte dieses Jahres werde sich jetzt entscheiden, ob Gewinne mitgenommen werden oder Anleger ihre Aktien besser noch behalten sollten. Das zeigt: Bei Zyklikern ist es besonders wichtig, den richtigen Zeitpunkt für Kauf und Verkauf zu finden. Credit Suisse First Boston warnt deswegen ganz grundsätzlich davor, zyklische Aktien einfach zu kaufen und liegen zu lassen.

Nicht so rosig sind die Aussichten für die Chemiebranche. Die Branche leide unter instabilen Gewinnen, Überkapazitäten und sinkende Margen. Ohnehin sei es für diese Branche aus konjunktureller Sicht noch etwas zu früh, schätzt Commerzbank-Stratege Elgeti. Wenn die Konjunktur später aber anziehen sollte, werden die Chemieaktien stark von dieser Erholung profitieren. In der Regel sorgen aber feste Dreimonats- oder Sechsmonatsverträge für weniger Flexibilität. Deswegen sollten Anleger noch warten, bis die Lagerbestände in den USA deutlich sinken und die Ausgaben der Industrie anziehen. Das könnte noch "ein gutes Quartal dauern", sagt Elgeti. Zu seinen Favoriten unter den europäischen Chemietiteln zählt der Konzern BASF. Auch die Deutsche Bank empfiehlt die Aktie zum Kauf. Dabei sei es dem Unternehmen selbst gelungen, sein Geschäft besser gegen Zyklen abzusichern. Die Zahlen für das erste Quartal seien robust ausgefallen.

Schon jetzt attraktiv ist aus Sicht von Merrill-Lynch-Stratege Chaudry der gesamte Bereich "Freizeit". Dazu zählen Aktien von Hotelketten wie beispielsweise Accor oder Hilton Group. Auch bei Luftfahrtaktien sieht Elgeti noch Raum für steigende Kurse. Sie seien aktuell preiswert, da sie bereits unter der Verlangsamung der Konjunktur in den USA gelitten haben. Elgeti hat Air France und Lufthansa als "Kaufen" eingestuft.

Auseinander gehen die Meinungen der Analysten zur zyklischen Medienbranche. Einige halten die Aktien für bereits hoch bewertet - obwohl die meisten Unternehmen gar keine Wachstumsunternehmen mehr seien. Gerade werbeabhängige Medienunfirmen litten derzeit unter den hohen Lagerbeständen in der Industrie, erklärt Elgeti. Die Industriefirmen sparen derzeit beim Marketing, beziehungsweise verkaufen ihre Produkte eher über die Preispolitik. Die Analysten von "Deutsche-Bank-Anlagestrategie-Privatkunden" sprechen dagegen von "günstigen Aussichten" für die Branche. Allerdings wird empfohlen, auf Medientitel zu setzen, die weniger stark von Werbeeinnahmen abhängen. Pro Sieben wird als Negativbeispiel genannt. Elsevier und Vivendi Universal stehen bei der Bank dagegen auf der Empfehlungsliste.

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