Besserer Informationszugang macht medizinische Leistungen für Laien vergleichbar
Virtuelle Sprechstunde heizt Wettbewerb um Patienten an

Immer mehr Patienten holen sich medizinischen Rat aus dem Netz. Das wird künftig auch die Krankenhauswahl beeinflussen, wenn die Veröffentlichung von Qualitätsberichten bindend ist.

FRANKFURT/M. "In der letzten Sputumprobe war Pseudomonas drin - weiß vielleicht irgendeiner, wie ich ihn wieder loswerden kann?" Der Eintrag der 20-jährigen Melanie auf dem Online-Forum "Klopfzeichen" ist ein Hilferuf auf Fachchinesisch. Doch wo der durchschnittliche Internetnutzer schon ausgestiegen wäre, entwickelt sich eine rege Diskussion.

Melanie und die anderen Teilnehmer des Forums gehören zu den rund 7 000 Trägern der bislang nicht heilbare Erbkrankheit Mukoviszidose oder cystische Fibrose (CF) in Deutschland. Sie nutzen das Internet, um ihre Erfahrungen auszutauschen, sich über neue Therapieansätze zu informieren oder sich Tipps für den Umgang mit Krankenkassen und Behörden zu holen.

Die starke Vernetzung der CF-Patienten ist keineswegs ein Einzelfall. Neurofibromatose, Brustkrebs, Depressionen: Fast zu jeder chronischen Erkrankung finden sich im Internet die verschiedensten Angebote für Patienten. Zum Beispiel Diabetes: Auf dem neuen Onlinedienst "Sugarpoint" können Patienten über ihre Blutwerte, sportliche Betätigung und die Insulindosierung seit vergangener Woche Tagebuch führen - online oder per SMS. Auf Patientenwunsch kann der Arzt Zugriff auf die Daten erhalten. Dadurch biete sich der Service auch für die Entwicklung der geplanten Chronikerprogramme der Krankenkassen an, glaubt der IT-Berater Iternum, der "Sugarpoint" als karitatives Projekt entwickelt hat.

Auch Pharmakonzerne und andere Firmen aus dem Gesundheitssektor haben den Trend erkannt und versuchen, ein Patienten-Forum in ihren Internetauftritt zu integrieren. Erwünschter Nebeneffekt: Die Patienten emotional an die Produkte des Herstellers zu binden.

Melanies Bestürzung über den Befund in der auch Sputum genannten Lungenflüssigkeit ist verständlich. CF-Patienten leiden unter anderem an einer Verdickung des Sputums, die ihnen im Verlauf der Krankheit den Atem abzuschnüren droht. Weil die Lunge Krankheitskeime unter diesen Bedingungen nur schwer abtransportieren kann, ist die Angst vor dem Pseudomonas-Pilz im Gegensatz zum durchschnittlichen Internetnutzer jedem CF-Kranken geläufig. Schnell kann die Infektion lebensbedrohlich werden - neun von zehn CF-Kranken sterben an Lungenproblemen.

Wie sich der medizinische Alltag durch das Internet verändert, zeigen Reaktionen auf Melanies Eintrag. "Viel Zeit und eine zweite Chance hast Du nicht", erinnert sie ein Leidensgenosse. Er rät zu einem aggressiven Einsatz von Antibiotika - und, falls dieser die Unterstützung verweigere, zu einem Wechsel des Arztes. Dessen Kompetenz stellt auch ein weiterer Eintrag in Frage: "Darf ich fragen wo du in Behandlung bist, dass dir dein Arzt keine Therapiemöglichkeiten anbietet?", fragt eine andere Teilnehmerin.

Im gleichen Maß, in dem sich die Lebensqualität der Patienten durch das Internet verbessert, steigen die Ansprüche an die medizinische Versorgung. Nach der jüngsten W3B-Studie der Hamburger Unternehmensberater Fittkau & Maaß geht mehr als die Hälfte der im Gesundheitswesen tätigen Web-Nutzer davon aus, dass das Netz das Berufsbild der Ärzte verändern wird.

Doch nicht nur im Bereich der niedergelassenen Ärzte nimmt der Druck zu, möglichst die neueste Theapie anzubieten. Auch die Krankenhausträger stellen sich auf gewaltige Umwälzungen ein. Im Zuge der Krankenhausreform verpflichtet das Bundesgesundheitsministeriums die Krankenhäuser, künftig umfassende Qualitätsberichte im Internet zu veröffentlichen.

Vom Jahr 2005 an können sich Patienten dadurch über Erfolge und Misserfolge einzelner Krankenhäuser informieren. Die Branche ist sich sicher, dass diese Möglichkeit ganze Patientenströme umleiten wird. Gleichzeitig steht zu erwarten, dass sich kleinere Häuser stärker spezialisieren, weil sie dem verstärkten Wettbewerb nicht in allen Fächern standhalten können.

Die USA, wo auch den Patientenvereinigungen innerhalb und außerhalb des Internets ein größeres Gewicht beigemessen wird als in Deutschland, ist auch der Wettbewerb zwischen den Anbietern im Gesundheitswesen viel weiter entwickelt.

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