Besserung noch nicht in Sicht
Kommentar: Geduld im Bärenmarkt

An der Börse ist der Bär los. Dramatische Schlagzeilen über die Kursverluste beherrschen die Medien. Viele Analysten haben ihren hartnäckigen Optimismus eingebüßt. Statt der nächsten Rally prophezeien sie nun neue Tiefststände. Auch eine Erholung wie am Freitag gilt nicht mehr automatisch als Kaufsignal.

DÜSSELDORF. Es mag paradox klingen, aber darin liegt ein Grund zur Hoffnung. Denn ein Kurssturz endet häufig dann, wenn es nur noch Pessimisten gibt. Der Grund: Erst wenn die Stimmung den Nullpunkt erreicht, besteht keine Gefahr mehr für Enttäuschungen, die neue Verkäufe auslösen.

Sollten Anleger also jetzt auf Schnäppchenjagd gehen? Eher nicht. Wir befinden uns mitten in einem Bärenmarkt, und da brauchen Investoren vor allem eines: Geduld.

Die Stimmungslage mahnt zur Vorsicht. Bislang scheint an den Börsen keine Panik zu herrschen. Die Zuversicht vieler Anleger, dass ihre Verluste bald wieder schwinden, ist zwar angeknackst, aber keineswegs gebrochen. Vom Kapitulationszeitpunkt, an dem Investoren ihre Aktien scharenweise abstoßen, scheinen wir noch entfernt.

Nun wird niemand den finalen Ausverkauf herbeiwünschen, nur weil danach die Kurschancen steigen. Doch die Psychologie der Börsen spricht derzeit kaum für eine dauerhafte Erholung. Möglich scheint höchstens eine Seitwärtsbewegung der Kurse, mit Ausschlägen nach oben wie unten.

Denn auch handfeste Fundamentaldaten machen wenig Mut: Die derzeit trüben Konjunkturaussichten kontrastieren scharf mit dem Jahrhundert-Boom, der bis vor kurzem in den USA herrschte. Der Wirtschaftsaufschwung war die Basis der Aktienhausse. Dabei eilten die High-Tech-Börsen der Konjunktur weit voraus: Die Kurse reflektierten zeitweise die Hoffnung, das Wachstum werde immer so weitergehen.

Das Internet hat den US-Aufschwung möglich gemacht. Doch der High-Tech- Boom hat auch große Ungleichgewichte geschaffen. So haben die US-Verbraucher ihre Ausgaben ständig erhöht und so den Boom angeheizt. Derzeit geben die US-Bürger mehr Geld aus, als sie verdienen. Das kann kein Dauerzustand sein. Der private Konsum droht einzubrechen, und das bedeutet Absatzprobleme für die Firmen.

Gefährdet scheinen auch die Investitionen. Die Unternehmen haben viele Milliarden Dollar in Computernetze, Telekommunikationssysteme und das Internet gesteckt. Die Investitionen der US- Firmen lagen zuletzt weit über ihren verfügbaren Einnahmen (Cash Flow). Aber woraus sollen die Ausgaben sonst auf Dauer finanziert werden? Die Börse fällt als Kapitalquelle derzeit weitgehend aus, wie abgesagte und missglückte Börsengänge zeigen. Namhafte Volkswirte glauben, dass Konsum und Investitionen in den USA vielleicht auf Jahre hinaus nur unterdurchschnittlich wachsen werden.

Die - oft als irrational gescholtene - Börse hat die negative Entwicklung der Realwirtschaft vergangenes Jahr vorausgeahnt. Sie wird wohl auch die Wende zum Besseren vorwegnehmen. Bis dies geschieht, kann es aber noch eine ganze Weile dauern.

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