Bestand fauler Kredite steigt dramatisch an
Chinas Kreditblase droht zu platzen

Mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation muss China seine Märkte öffnen. Doch die Staatsbanken sind für den internationalen Wettbewerb nicht gerüstet. Hunderte Milliarden Dollar an faulen Krediten behindern die dringend notwendigen Reformen in der Volksrepublik.

SCHANGHAI. "Zwei Dinge muss man über Chinas Bankensystem wissen", meint der US-Wissenschaftler Gordon Chang von der renommierten Stanford Universität: "Erstens, die Staatsbanken sind pleite. Zweitens, alle Anstrengungen, sie zu retten, sind fehlgeschlagen." Stimmt Changs These, dann droht dem Finanzsystem Chinas im schlimmsten Fall der Kollaps, im besten Fall ist nur die Kreditversorgung in Gefahr. Die Stunde der Wahrheit kommt, wenn die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) greifen. In fünf Jahren dürfen ausländische Banken, die bislang nur 2 % des chinesischen Kreditmarktes bedienen und 1 % aller Einlagen verwalten, Konten in lokaler Währung für chinesische Kunden einrichten. Spätestens dann droht die staatliche Kreditblase zu platzen, sollte der Bankensektor vorher nicht grundlegend saniert werden und damit für chinesische Kunden attraktiv bleiben.

Chinas vier große Staatsbanken, (Bank of China, Industrial and Commercial Bank of China, China Construction Bank und Agricultural Bank of China) halten zwar 60 % aller Aktiva in der Volksrepublik. Sie sitzen aber auf einem gigantischen Berg fauler Kredite. Der, so die Rating-Agentur Standard & Poor?s, durchaus an das Besorgnis erregende Volumen in Japan heranreicht. "Die Summe aller notleidenden Kredite könnte sich auf bis zu 677 Mrd. US-$ addieren. Und die Blase wächst", warnt Terry Chan, Asien-Chef der Agentur in Hongkong. Das übersteigt das eingezahlte Kapital im chinesischen Bankensektor um das siebenfache und macht mehr als die Hälfte von Chinas Bruttosozialprodukt im Jahr 2001 aus. Die Tendenz ist weiter steigend.

Chinas Staatsunternehmen betrachteten den Kreditfluss bisher als bequemes Instrument zur Refinanzierung ohne verbindliche Tilgungspflicht. Sie werden zum Geschenke-Verteiler. Die Pekinger Regierung hatte die Augen vor dem drohenden Fiasko lange verschlossen. Erst seit 1999 bemüht sie sich, die Staatsbanken zu entlasten. Vier Auffanggesellschaften (Asset Management Companies) sollen die faulen Kredite der "Großen Vier" übernehmen und vermarkten, die Banken wurden von Peking mit 169 Mrd. Dollar rekapitalisiert. Das deckte jedoch nur einen Teil der faulen Kredite ab. Gelöst hat Peking das Problem damit offensichtlich noch nicht. Zentralbankchef Dai Xianglong musste jüngst eingestehen, dass "mindestens 25 %" aller in den Büchern der Banken bestehenden Kredite faul seien. Selbst das erscheint ausländischen Beobachtern als Schönfärberei. Sie schätzen den Anteil unwiderruflich verlorener Kredite auf bis zu 50 %.

Eingebrockt hat sich die chinesische Regierung die Suppe selbst. Entgegen aller Bankenregeln verfahren die staatlichen Institute stur nach altem Muster und drücken immer neue langfristige Kredite in die Staatsindustrie, nehmen dagegen in erster Linie über die Depositen der Einleger nur kurzfristiges Kapital auf. Die immer agilere Privatwirtschaft wird bei der Kreditvergabe dagegen geflissentlich übersehen. Kein Wunder: Peking missbraucht den Apparat unverdrossen, um seine ordnungs- und sozialpolitischen Vorstellungen umzusetzen. Wird Chinas Wirtschaft nicht laufend mit frischem Kapital versorgt, drohen Pleiten, Massenarbeitslosigkeit und in der Folge verheerende soziale Unruhen. Die zu vermeiden, ist bisher Chinas oberstes Ziel.

Doch allmählich dämmert den Strategen in der Zentralbank, welches Mega-Problem sie sich aufgehalst haben. Chinas Banken verspielen ihre Zukunft. "Mit einem kranken Bankensystem, gibt es keine gesunde Wirtschaft", warnt der ehemalige US-Finanzminister Nicolas Brady. Die Experten des Asian Development Bank Institute (ADBI) in Tokio plädieren für eine "Big Bang"-Lösung: Durch neue Staatsanleihen sollen faule Kredite beseitigt werden, meint Wissenschaftler Liu Ligang. "Die Probleme in Chinas Bankensektor dürfen nicht mehr kleingeredet werden", sagt er. Brady stimmt dem zu, ist aber skeptischer: "Es gibt keine Heilung über Nacht." China müsse eine "solide Kreditkultur" entwickeln.

Chinas Banken brauchen nicht nur frisches Kapital, sondern müssen vor allem nach den internationalen Rechnungslegungsstandards realistisch bilanzieren. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Peking hat zunächst die Anweisung erteilt, den Anteil der faulen Kredite bis 2005 auf 15 % zu drücken. Das aber hat fatale Nebenwirkungen. Die Banken halten Kredite aus Unsicherheit zurück, weil sie die Bonität ihrer Kunden nicht einschätzen können. Für Masaru Yoshitomi vom ADBI steckt China daher jetzt schon in der Kreditfalle. Standard & Poor?s schätzt, dass es bei dem eingeschlagenen Tempo bis zu 20 Jahre dauern wird, bis Chinas Banken den Bestand fauler Kredite auf erträgliche 5 % gesenkt haben. Die Kosten dafür schätzt die Agentur auf 518 Mrd. Dollar.

Die chinesische Regierung kaschiert ihre Hilflosigkeit derweil und ermutigt die Banken, neue Standbeine zu entwickeln. "Die Banken müssen im Ausland expandieren, um ihre Geschäftsbilanzen zu verbessern", fordert der Vizegouverneur der Bank of China, Li Ruogu. Aber auf eigenen Beinen werden Chinas Banken wohl auf absehbare Zeit nicht stehen können. Bedrohlicher noch: Die privaten Kunden drohen ihnen das Vertrauen zu entziehen. Als die Citibank vor kurzem eine Filiale eröffnete, um für chinesische Kunden Devisenkonten einzurichten, sprach der Geschäftsmann Liu Zhuzong aus, was den "Großen Vier" künftig noch schwer zu schaffen machen dürfte: "Die Citibank kann mein Geld jedenfalls schützen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%