Bestehende Inflationsrisiken
Geldmenge wird wohl EZB-Argument für Zinssenkung

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird das schwächere Geldmengenwachstum in der Euro-Zone Analysten zufolge als Hauptargument für die ab April erwartete Leitzinssenkung nutzen.

Reuters FRANKFURT. Unmittelbar stehe eine Senkung aber nicht bevor, sagten Volkswirte am Freitag. Das langsamere Geldmengenwachstums nehme zwar unter anderem im jüngsten Monatsbericht der EZB breiten Raum ein. Gleichzeitig weise die Zentralbank aber auch deutlich auf weiter bestehende Inflationsrisiken hin. Auch sei der Konjunkturausblick der EZB unverändert positiv, was ebenfalls gegen eine baldige Senkung der Leitzinsen spreche.

Die Geldmenge M3 ist neben einer breiten Beurteilung der Inflationsentwicklung eine der zwei Säulen, an denen die EZB ihre Zinspolitik ausrichtet. Ein langsameres Geldmengenwachstum signalisiert in der Regel eine geringere Inflationsgefahr. M3 war im Januar mit einer Jahresrate von 4,7 % gewachsen, nach einem Plus von 5,2 % im Dezember. Der Referenzwert der EZB liegt bei 4,5 %.

Zinssenkung steht nicht unmittelbat bevor

"Wir gehen bereits seit einiger Zeit davon aus, dass die EZB die Entwicklung der Geldmenge M3 als Argument für eine Zinssenkung benutzen wird", sagte Michael Schubert, Volkswirt bei der Commerzbank. Das Argument passe gut in das Szenario einer geplanten Rücknahme der Leitzinsen und werde daher entsprechend stark betont. Aus dem am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht der EZB, der das Thema Geldmengenentwicklung ausführlich thematisiert, lassen sich nach den Worten Schuberts aber keine Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende Zinssenkung ablesen. Dazu verweise die Zentralbank gleichzeitig auf zu viele weiter vorhandene Risiken hin. Dies müsse sie nicht tun, wenn sie die Zinsen bald zurücknehmen wolle, sagte Schubert. "Ich gehe davon aus, dass die EZB noch ein bis zwei (Geldmengen-)Daten abwarten wird", sagte Schubert. Deshalb rechne er weiterhin mit einer Zinssenkung im zweiten Quartal 2001.

Auch Ulrike Kastens von HSBC Trinkaus & Burckhardt in Düsseldorf sieht im jüngsten Monatsbericht keine Ankündigung einer unmittelbar bevorstehenden Zinssenkung. "Ich gehe nach dem Monatsbericht weiter davon aus, dass die EZB sich hinsichtlich der Zinsen abwartend verhalten wird", sagte die Volkswirtin. Zwar verlangsame sich das Wachstum von M3 tatsächlich und könne daher durchaus ein Indikator für eine Rücknahme der Zinsen sein. Andererseits gehe aus dem Monatsbericht hervor, dass die EZB nach wie vor ein robustes BIP-Wachstum erwarte. Auch die Angst der EZB vor so genannten Zweitrundeneffekten etwa durch überhöhte Lohnabschlüsse sei unverkennbar.

Wende in Einschätzung der Konjunkturaussichten

"Ich gehe nicht davon aus, dass die EZB bei ihrer Einschätzung der Konjunktur in der Euro-Zone einen radikalen Schwenk vornehmen wird", sagte Kastens hinsichtlich eines möglichen schnellen Zinsschritts. Sofern die nächsten Zahlen des Ifo-Geschäftsklimaindexes schlecht seien, könne die Haltung der Zentralbank zum Wirtschaftswachstum eventuell moderater werden. Nach und nach könnte es dann eine Wende in der Einschätzung der Konjunkturaussichten geben. "Wir rechnen daher weiterhin mit einer Zinssenkung am Ende des zweiten Quartals", sagte Kastens. Die Senkung dürfte dann mit 25 Basispunkten noch vorsichtig ausfallen.

Dass die EZB mit ihren optimistischen Aussagen zur Wirtschaftsentwicklung und dem weiterhin hohen Verbrauchervertrauen lediglich so lange wie möglich auf Zeit spielt, und die Zinsen später dennoch senkt, hält Catherine Lee von der Royal Bank of Scotland für möglich. Der jüngste Monatsbericht unterstreiche aber zunächst weiter die abwartende Haltung der Notenbank in der Zinspolitik, schreibt Lee in einem Marktkommentar.

Commerzbank-Volkswirt Schubert merkte an, dass sich das Wachstum der Geldmenge M3 bereits im zweiten Halbjahr verlangsamt habe, ohne dass die EZB diese Entwicklung bislang besonders in ihre Argumentation einbezogen habe. Dies geschehe offenbar erst jetzt, weil die Entwicklung zu einer kommenden Leitzinssenkungen passe. Es dürfe dabei aber nicht verschwiegen werden, dass die Jahresrate von M3, die jetzt unter anderem wegen Basiseffekten sinke, im zweiten Halbjahr 2001 durch gegenläufige Basiseffekte voraussichtlich wieder steigen werde.

Der EZB-Rat kommt am Donnerstag zu seiner nächsten turnusmäßigen Sitzung zusammen. Nach Analysteneinschätzung wird die Notenbank dann den Schlüsselzeins unverändert bei 4,75 % lassen. 39 der 49 von Reuters zuletzt befragten Analysten rechnen mit einer Zinssenkung im April oder im Mai.

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