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Besuch vom Mars

Vergangene Woche hatten wir Besuch vom Mars. Ein Unternehmer unseres Nachbarplaneten war eingeflogen, um neue Investitionsmöglichkeiten zu erkunden. Ziel: Deutschland.

Gut vorbereitet (nach zwei Sprachkursen, Englisch und Deutsch) steuerte er den Finanzplatz Frankfurt an und wunderte sich bei seiner Ankunft über den unfreundlichen Empfang: Der Luftraum über der Mainmetropole war so überlastet, dass der Mars-Manager rund 45 Minuten lang in einer Warteschleife über dem Vogelsberg kreisen musste, bevor er hinter einer sowieso schon verspäteten Lufthansa-Maschine aus Berlin landen konnte. Enttäuschend auch die anschließende Taxifahrt, denn die Kommunikation mit dem Fahrer gestaltete sich schwierig, verfügte dieser doch nur über rudimentäre Orts- und Sprachkenntnisse.

Wissensdurstig spulte der Erdenneuling ein dichtes Besuchs- und Gesprächsprogramm ab. Zunächst traf er Kollegen von deutschen Unternehmen und Verbandsvertreter. Deren miesepetriges Aussehen veranlasste den Marsianer bald zur besorgten Nachfrage und erfuhr unisono: "Unsere Häuptlinge in Berlin sind schuld." Später, auf dem Börsenparkett, kam exakt die gleiche Antwort zur Begründung des niedrigen Kursniveaus: "Unsere Häuptlinge in Berlin sind schuld." Nächste Station war eine prominent besetzte Konferenz, auf der alle Referenten die schlechte Lage beklagten und feststellten: "Unsere Häuptlinge in Berlin sind schuld." Erschöpft zog sich der Marsmensch in einen der - völlig überteuerten - Innenstadt-Italiener zurück. Der edle Porzellanteller war beim Hauptgang fast so leer wie das Restaurant. Auch hier als Erläuterung: "Die Häuptlinge in Berlin sind schuld." Schließlich kaufte der Besucher ein Paket aktueller Ausgaben der Tages- und Wirtschaftspresse. Das Studium der Negativschlagzeilen und Endzeitkommentare mit dem Tenor "Die Häuptlinge in Berlin sind schuld" brachte unseren Gast an den Rand der Verzweiflung. Mit hochrotem (sonst natürlich grünem) Kopf rief der Investor vom anderen Stern, bevor er wieder ein Taxi bestieg, in die Menschenmenge auf der Frankfurter Zeil: "Wer wählt denn Eure Häuptlinge?" "Wir, wer sonst!"

Es besteht keine Gefahr mehr, dass uns Mars-Menschen besuchen.

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