Besucher zieht es in den Norden
Deutsche Pisa-Pilger suchen Finnland heim

Seitdem die finnischen Schulen in der Pisa-Studie so gut abgeschnitten haben, können sie sich vor Aufmerksamkeit kaum retten. Vor allem deutsche Besucher suchen die Erfolgsformel.

dpa HELSINKI. Mitunter kann Generaldirektor Jukka Sarjala ein Schmunzeln nicht unterdrücken, wenn er über den enormen Besucherstrom deutscher "Pisa-Pilger" in sein schönes Schulamtsbüro am Hafen von Helsinki berichtet: "Die glauben mir einfach nicht, wenn ich sage, dass Schüler in unserer Einheitsschule bestens Fremdsprachen lernen können". Und Sarjala sagt das sehr oft, seit Finnland im Dezember einen Spitzenplatz und Deutschland einen ganz weit hinten bei der weltweiten OECD-Vergleichsstudie "Pisa" bekommen hat.

Die von seinem Sekretariat angefertigte "Pisa-Besucherliste" weist mehr als 20 Termine aus, fast alle mit deutschen Gesprächspartnern. Kultusminister verschiedener Bundesländer meldeten sich an, aber auch Vertreter verschiedener Medien wollen das Geheimnis der finnischen Schulerfolge tiefer ergründen.

Das Thema Gesamtschule sei eindeutig die "schwierigste Frage mit den Deutschen", sagt Sarjala. Wenn er seinen Standardvortrag über das finnische Schulwesen hält und dabei an der Wand mehrere Grafiken zeigt, kann niemand die Botschaft missverstehen: "Dass alle Schüler bis nach der 9. Klasse in einer Einheitsschule die gleichen Lernchancen haben, ist der Kern unseres Erfolges."

Auch wenn er zusätzliche Elemente wie Lernmittelfreiheit, überschaubar kleine Schulen, hohes soziales Ansehen von Lehrern und Ganztagsschule als Regelfall mit warmem Gratisessen hinzufügt, bleiben seine deutschen Zuhörer offenbar in Erwartung ganz anderer Erfolgsrezepte fast immer am Thema Gesamtschule hängen. Das erinnert den Finnen an längst vergangene Zeiten in der heimischen Bildungsdebatte: "Mit den Deutschen fühle ich mich wieder wie in den sechziger Jahren. Da zog ich als glühender Verfechter der Gesamtschule über die Dörfer und versuchte, misstrauische Lehrer und Eltern zu überzeugen."

Bisher hätten sich SPD-Politiker wie etwa aus Hessen als "leichtgängiger" im Vergleich zu den deutlich skeptischeren CDU - Vertretern gezeigt. Für Sarjala ist dieses politische Grundmuster eine neue Erfahrung, denn unter seinen politischen Chefs war ein konservativer Erziehungsminister eindeutig der kompromissloseste Anhänger der Einheitsschule: "Bei uns hat das mit der Partei überhaupt nichts zu tun." Und die obligatorische Einheitsschule bis zum Ende der Schulpflicht nach neun Jahren stelle ohnehin absolut niemand in Frage.

Das überwältigende Interesse am ersten Platz auf der Pisa - Rangliste ist für den Finnen völlig überraschend gekommen. "Als wir Pisa unserer heimischen Presse präsentieren wollten, saßen wir einem einzigen Journalisten gegenüber." Erst nach dem ausländischen Echo habe sich das ein bisschen geändert. Dabei wissen die Nordeuropäer selbst ganz genau, wie schwer Schulsysteme quer über Ländergrenzen hinweg letztlich vergleichbar sind. Auf die Frage nach der Belastung durch eine hohe Prozentzahl schlecht vorgebildeter Schüler mit Einwanderereltern etwa meint Sarjala, das höchste der Gefühle seien bestimmte Stadtteile in Helsinki mit maximal 25 % Schülern aus zugewanderten Familien.

Ein mildes Lächeln legt Finnlands oberster Schulbürokrat auf, wenn es um die "natürlich auch hier harten Arbeitsbedingungen" für Lehrer geht. Auf die Frage, was das viel gepriesene finnische System müden, verschlissenen Pädagogen in den Mitfünfzigern an Ausweichmöglichkeiten zu bieten habe, meint er: "Nichts. Dann bist du arm dran."

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