Betroffene Institute müssen Tafelsilber verkaufen oder den Kapitalmarkt anzapfen
Knappes Eigenkapital belastet Banken-Geschäft

Mit wachsender Unruhe beobachten Analysten und Ratingagenturen die Kapitalausstattung europäischer Großbanken. Bei einigen Instituten liegt die Kapitalausstattung an der Untergrenze dessen, was in Branchenkreisen als wünschenswert angesehen wird. Schon wird darüber spekuliert, welche Banken in nächster Zeit den Kapitalmarkt anzapfen könnten.

FRANKFURT/M. Den Anfang machte vergangene Woche die portugiesische Banco Comercial Portugues (BCP). Sie kündigte die Ausgabe von so genannten Preferred Shares (Vorzugsaktien) für 500 Mill. Euro an. Richtig überzeugt hat der Schritt nicht. "Die Bank versäumt es, ihre Solvenz- Probleme zu adressieren", urteilten die Analysten von Bear Stearns lapidar.

BCP ist indes nicht die einzige Bank mit Problemen. Die Börsenflaute, die die stillen Reserven schmelzen lässt, und der aggressive Wachstumskurs einiger Institute zehren auch bei Konkurrenten an der Kapitaldecke. Zwar sei die Finanzausstattung der Branche insgesamt durchaus gesund, meint Carsten Werle von WestLB Panmure. "Aber es gibt ein paar Kandidaten, die ein bisschen wackelig sind."

Zu den Instituten mit einer vergleichsweise dünnen Decke zählen die Commerzbank und die HypoVereinsbank (HVB). "Mit Ausnahme der Deutschen Bank gehören die deutschen Großbanken im europäischen Vergleich heute zu den am schlechtesten mit Kapital ausgestatteten Banken", sagt Andrea Schulz, Analystin der Rating-Agentur Fitch. Auch UBS Warburg sieht Commerzbank und HVB in Europa gemeinsam mit den beiden italienischen Banken BNL und Capitalia bezüglich des Kernkapitals (Tier 1) auf "den letzten Plätzen". Ende 2001 verfügten BNL und Capitalia nach Berechnungen der Analysten über ein Kernkapital von 4,75 Prozent beziehungsweise 5,3 Prozent, Commerzbank und HVB knapp 6 Prozent.

Auf den ersten Blick ist dies beruhigend. Denn selbst die Schwächlinge haben ein sattes Polster bis zu der Grenze von vier Prozent Kernkapital, die Banken nach den Vorschriften der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mindestens ausweisen müssen. Gerüchte über die Illiquidität einer Großbank, wie sie jüngst bezüglich der Commerzbank gestreut wurden, sind daher völlig überzogen.

Nur: Wer lediglich das Mindestsoll erfüllt, schneidet sich von jeglichem Wachstum ab. Schließlich müssen Bankgeschäfte mit Eigenkapital unterlegt werden. Zudem gilt eine "Sicherheitsmarge" zu den vier Prozent als nötig, damit die Banken bei überraschenden Rückschlägen nicht sofort in Kapitalnot kommen. Nach Meinung von Analysten liegt die Untergrenze einer soliden Kapitalbasis bei sechs Prozent, die großen Ratingagenturen halten sogar sieben Prozent für wünschenswert. Schmilzt das Polster zu sehr, droht eine Herabstufung durch die Ratingfirmen, die wiederum die Refinanzierung der Banken verteuert.

Der einfachste Weg zu mehr Kapital wäre die Ausgabe neuer Aktien. Diesen Schritt scheut die Branche derzeit aber wie der Teufel das Weihwasser. Das Beispiel einiger Versicherer, die nach der Ankündigung von Kapitalerhöhungen an der Börse massiv abgestraft wurden, schreckt ab. "Wer es sich irgendwie leisten kann, geht jetzt nicht an die Börse", sagt Werle.

Gut haben es solche Banken, die noch Tafelsilber verscherbeln können. Die spanische Santander Central Hispano will demnächst zwölf Prozent der Tochter Banesto an die Börse bringen. Analysten gehen zudem davon aus, dass Santander bald auch Industriebeteiligungen und vielleicht einige Stücke ihres umfangreichen Banken-Besitzes in Lateinamerika veräußern könnte.

Doch längst nicht alle Banken verfügen über so umfangreiche Reserven. Bei den deutschen Banken sind die stillen Reserven aus Beteiligungen wegen des Kursverfalls an den Börsen dramatisch abgeschmolzen: Bei der HVB sind sie nahe am Nullpunkt, die Commerzbank hat sogar potenzielle Verluste in Milliardenhöhe in den Büchern. Hinzu kommt: Die kapitalschwachen Banken leiden oft auch unter Ertragsproblemen. Damit können sie die Kapitaldecke nicht über Gewinne aufzufüllen. "Die Ertragslage der Banken erlaubt gegenwärtig keine Kapitalstärkung aus eigener Kraft", sagt Fitch-Analystin Schulz mit Blick auf die deutschen Institute.

Das könnte dazu führen, dass einigen doch nur der Weg an den Kapitalmarkt bleibt. So mussten Commerzbank und Credit Suisse bereits Spekulationen über eine Kapitalerhöhung dementieren. Als Kandidat gilt auch Capitalia. Sollte die italienische Bank nicht größere Veräußerungsgewinne erzielen, dürfte nach Ansicht der Bank of America, "entweder eine Kapitalerhöhung oder ein signifikante Verkleinerung der Bilanz erforderlich" werden.

Auch James Hyde, Analyst von Fox-Pitt, Kelten geht davon aus, dass sich Banken bald an die Börse wagen. Zwar habe der Markt derzeit "keinen Appetit auf Bankaktien". Doch kann er sich vorstellen, dass die Commerzbank sogar noch in diesem Jahr Kapital in Form stiller Einlagen aufnimmt, die ebenfalls zum Tier 1 zählen. Im nächsten Jahr dürften dann eine Reihe von Banken Aktien an die Börse bringen, sofern sich die Märkte bis dahin beruhigen. Zu den möglichen Kandidaten zählt Hyde neben Credit Suisse und ABN Amro die HVB.

Die Analysten von Sal. Oppenheim glauben, dass die Münchener eine Kapitalerhöhung von einer halben bis zu einer Mrd. Euro anstreben könnten, um die Immobilientochter HVB Real Estate zu kapitalisieren, die abgespalten werden soll. Analyst Konrad Becker von Merck Finck erwartet, dass die Bank noch in 2002 ihr Kapital aufstocken wird, um wenigstens die Grenze von 6 % zu halten - allerdings nicht durch Ausgabe von Aktien, sondern durch eigenkapitalähnliche Instrumente (Hybrid-Kapital), die teilweise zum Kernkapital zählen.

Quelle: Handelsblatt

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