Betroffene reagieren oft mit Schocksymptomen
Kündigung mit Stil erspart oft den Ärger danach

Wer Konflikte in Trennungsgesprächen vermeidet, kann viel Geld sparen. Denn eins ist klar: Die Rechtslage wird Unternehmen oft zum Verhängnis - das Arbeitsrecht in Deutschland schlägt sich auf die Seite der Arbeitnehmer.

An Schlaf war kaum zu denken. Dreieinhalb Monate. In dieser Zeit begleitete Elke Neujahr, Personalchefin des PR-Branchenprimus Kothes-Klewes ECC, eine Kündigungswelle in ihrem Unternehmen: Fünf Prozent der rund 600 Mitarbeiter mussten Anfang diesen Jahres gehen. Eine Folge der trüben Konjunktur, sagt Elke Neujahr.

Wohl noch tausendfach wird eine ähnliche Situation in diesem Jahr über Unternehmenschefs, Personalverantwortliche und Angestellte hereinbrechen. Das prophezeit eine Konjunkturumfrage, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) diese Woche veröffentlichte: In der Baubranche planen 40 Prozent der Unternehmen, Stellen abzubauen. Im Handel rechnet jede vierte Firma mit Entlassungen. Selbst in der IT- und Kommunikationsbranche wird es etwa 15 Prozent der Betriebe treffen. Prominentes Beispiel: Siemens will in seiner IT-Dienstleistungssparte kräftig Stellen streichen.

Jede einzelne Kündigung, die Firmenchefs in den kommenden Monaten noch aussprechen, kann großen Ärger bedeuten - teure, jahrelange Gerichtsprozesse und ein vergiftetes Betriebsklima. Die Rechtslage wird Unternehmen oft zum Verhängnis - das Arbeitsrecht in Deutschland, da sind sich die Beteiligten einig, schlägt sich auf die Seite der Arbeitnehmer.

Trennungsgespräch entscheidet über Krieg und Frieden

Doch viel geht ohne Not zu Bruch. Wenn ein Unternehmen sich während der Trennung geschickt verhält, spart es später Anwaltskosten. "Führungskräfte sind nicht geübt darin, Trennnungsgespräche zu führen", sagt Wolfgang Fritz, Outplacementberater. Und eben dieses Gespräch entscheidet oft über Krieg und Frieden.

So war Elke Neujahrs Devise: "Ein Mitarbeiter muss sein Gesicht wahren." Die Wahl der Gesprächs-Teilnehmer war durchdacht. Zu einem autoritären Geschäftsführer setzte sich beispielsweise ein ausgleichender Charakter aus der Personalabteilung. Denn kommt jemand erniedrigt aus dem Trennungsgespräch, rennt er zum Anwalt, ist Neujahrs Erfahrung. Bei Kothes-Klewes sind 80 Prozent der Kündigungen "geordnet" abgelaufen, sagt Elke Neujahr - ohne Wiedersehen bei Gericht. Oft ist es bei Massenentlassungen umgekehrt: vier von fünf sind bald darauf ein Fall für die Justiz.

Wichtig sei, dass der Vorgesetzte selbst das Gespräch führt, als Geste der Wertschätzung, sagt Herbert Mühlenhoff, der seit Jahren Firmen und Arbeitnehmer während und nach der Kündigung berät. Die Chefs drücken sich gern davor, die entscheidende Botschaft über die Lippen zu bringen: "Machen Sie das mal", ein Satz den ein erfahrener Personalchef oft gehört hat.

Betroffene reagieren oft mit Schocksymptomen

Wer erfährt, dass er seinen Hut nehmen muss, reagiert oft mit Schocksymptomen. Führungskräfte sind darauf nicht vorbereitet. Sie fangen an sich zu rechtfertigen, erwecken den Eindruck, als gäbe es Verhandlungsspielraum. Oder sie geben sich hölzern. Durch Sprüche wie "wir sind doch hier nicht im Kindergarten" kippt der Ton des Gespräches.

Klare Worte sind das A und O, sagt Herbert Mühlenhoff. Sonst sind Missverständnisse programmiert: Ein Angestellter kam aus einem Termin mit seinem Chef und sagte abends zu seiner Frau: "Die haben mir heute den Kopf gewaschen." Tatsächlich wollte sein Chef ihm sagen, dass er seinen Arbeitsplatz bald räumen muss.

Der Termin für das Kündigungsgespräch muss auch bedacht sein: Ein altgedienter Mitarbeiter, der die Bierfässchen kalt gestellt hatte, um sein 20-jähriges Betriebsjubiläum mit Kollegen zu begießen, bekam nachmittags statt eines Blumenstraußes vom Chef die Kündigung. Kein Wunder, dass die Gefühle kochten. Ähnlich falsch kann die Ortswahl sein. Tabu sind Räume mit Glaswänden. Bei einer Kündigung brechen selbst aus einem gestandenen 45-jährigen Marketingchef schon mal Sturzbäche hervor. Peinlich, wenn der halbe Betrieb zuschaut.

Auch die Modalitäten müssen geklärt sein: Wenn Führungskräfte gehen, wird das meist durch eine Aufhebungsvereinbarung besiegelt. Was muss das Unternehmen anbieten? Wie hoch ist die Abfindung? Bezahlt die Firma einen Outplacement-Berater, also jemanden, der hilft, eine neue Stelle zu suchen? Dann die Frage der Freistellung: Dabei geht es nicht nur darum, die Firma vor Kurzschlussreaktionen und Sabotage zu schützen. Stellt der Chef einen strategischen Leiter nicht frei, "zeigt er, dass er ihn nicht für voll nimmt", sagt Mühlenhoff. Das Potenzial für Konflikte liegt nicht nur beim wütenden Mitarbeiter, der vor den Kadi zieht. Ein internationaler Finanzdienstleister in Frankfurt trennte sich jüngst von einer Reihe seiner Mitarbeiter - in recht ruppiger Manier. Der Startschuss für einen Exodus: Die besten Köpfe folgten freiwillig, empört darüber, wie ihr Arbeitgeber mit den Kollegen umgegangen ist.

Die Fallstricke des Arbeitsrecht

Doch mag eine Trennung noch so formvollendet sein: Nicht allein Stil macht die sanfte Trennung aus. Die Fallstricke des Arbeitsrechts bringen auch große Firmen zu Boden: Die Marketing-Direktorin einer japanischen Werbeagentur ging nach ihrer verhaltensbedingten Kündigung reich beschenkt aus dem Gerichtssaal. Mit einer Abfindung die fünf Mal höher war als üblich. Das Unternehmen hatte die Abmahnung vergessen. Ist die Kündigung unwirksam, müssen sich Arbeitgeber teuer freikaufen.

Bei betriebsbedingten Kündigungen ist die häufigste Fehlerquelle die Sozialauswahl, sagt Annabel Hoene, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Unternehmen vergessen, dass sie die ganze Firma, nicht nur betroffene Niederlassungen in die Auswahl einbeziehen müssen.

"Es ist wie bei Ehescheidungen", sagt Hoene. Hoch belastend für beide Seiten. Doch mit psychologischem Geschick und geklärter Rechtslage ist eine friedliche Trennung möglich.

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