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Betrug am ehemaligen Chef

Tatort Arbeitsplatz: Büro und Werkshalle liegen versteckt am Rand eines neuen Gewerbegebiets. Mitarbeiter betreten und verlassen die Gebäude, ein Lastwagen rollt vor. Firmenschilder gibt es nicht, und das aus gutem Grund: Im Büro und in der Werkstatt werden Maschinen konstruiert und produziert - nicht mit innovativen Ideen und eigenem Know-how, sondern auf Kosten des Arbeitgebers, der keine 20 Kilometer entfernt ist.

Niemandem fällt der Opel mit den getönten Scheiben auf, der im Gewerbegebiet parkt. Darin sitzen zwei Mitarbeiter der Düsseldorfer Detektei Kocks. Akribisch notieren sie jede Bewegung an der Werkshalle und fotografieren, wie der Laster mit Maschinen beladen wird. Ihr Auftraggeber, ein westdeutscher Maschinenbauer, will nicht länger hinnehmen, dass seit Monaten Konstruktionsunterlagen und Material aus dem Betrieb verschwinden, die Stimmung unter den gut 100 Beschäftigten immer schlechter wird und mehrere Mitarbeiter sich auffallend oft krank melden.

Die Teleobjektive der Detektive nehmen drei leitende Angestellte des Auftraggebers ins Visier. Sie klagen gerade vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Kündigung. Neun weitere Beschäftigte des Maschinenbauers, alle krank gemeldet, werden abgelichtet. Das Ergebnis der Recherche: Die eigenen Mitarbeiter verraten Firmengeheimnisse und bauen ein Konkurrenzunternehmen auf. Der Maschinenbauer hat inzwischen Strafanzeige erstattet und fordert gut drei Millionen Euro Schadensersatz.

"Angesichts der Entlassungswellen wird Trennungskriminalität für viele Unternehmen zu einer ernsten Bedrohung", sagt Kocks-Geschäftsführer Manfred Lotze. In der Tat: Die Kreditversicherung Euler Hermes, die Firmen gegen Wirtschaftskriminalität absichert, zahlte 1998 noch 3,8 Milliarden Euro aus. Im vergangenen Jahr waren es sieben Milliarden Euro. Mittlerweile komme jeder zweite Wirtschaftsstraftäter aus dem eigenen Unternehmen, berichtet Euler-Hermes-Chef Clemens von Weichs; von Kündigung bedrohte oder freigestellte Manager sind besonders gefährlich.

Kocks-Geschäftsführer Lotze zeigt auf einen Aktenstapel, neben dem eine kleine Büste von Sherlock Holmes steht - in den Papieren ist der jüngste Fall von Trennungskriminalität dokumentiert: Hier geriet ein leitender Angestellter eines mittelständischen Spezialverlags ins Visier der Detektive. Der Geschäftsführung war aufgefallen, dass ein Wettbewerber plötzlich dieselben Kunden umwarb - mit vergleichbaren Angeboten, die allerdings deutlich preiswerter waren. "Dadurch sind wir in eine existenzgefährdende Situation geraten", sagt der Verlagsgeschäftsführer.

Schnell verdächtigte er einen zuvor freigestellten leitenden Angestellten, der nun bei dem Konkurrenten arbeitete. Was fehlte, war das Beweismaterial. Im Auftrag des Verlags baute Lotze einen "Informanten auf", der in den Datenbanken fand, wonach seit Monaten gesucht worden war: fehlende Kalkulationen, Angebote und eine Adressenliste mit 2 000 Kundennamen. "Wir haben den dringenden Verdacht, dass der ehemalige Mitarbeiter unser Firmen-Know-how illegal bei der Konkurrenz vermarktet", sagt der Verlagsgeschäftsführer. Jetzt hofft er auf Schadensersatz in Millionenhöhe. Seine Chancen stehen gut, in einem anderen Fall nahm der Bundesgerichtshof einem ehemaligen Angestellten nicht ab, dass er Hunderte von Adressen "aus dem Gedächtnis rekonstruiert" hatte.

"Eine Verrohung der Sitten" beobachtet Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft. Da viele Top-Manager ihre "Vorbildfunktion verloren" hätten, schreckten auch Manager der mittleren Ebene nicht mehr vor wirtschaftskriminellen Taten zurück.

Obwohl sich die Fälle häufen, glauben die meisten Unternehmer nicht daran, dass ausgerechnet sie Opfer von geschassten Mitarbeitern werden könnten. Dieter John, Abteilungsleiter bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, hält viele Firmen für "nicht genügend vorbereitet". John rät den Arbeitgebern zu einem "Berechtigungsplan": Nicht alle Mitarbeiter sollen über das gesamte Know-how einer Firma verfügen. "Wenn Sie ein Auto produzieren, muss auch nicht jeder Mitarbeiter den gesamten Bauplan kennen."

Kocks-Geschäftsführer Lotze hat einen weiteren Tipp: "verdeckte Stolpersteine". Absichtlich eingefügte Testadressen oder Tippfehler in den Kundenlisten könnten vor Gericht den entscheidenden Beweis für den Datenklau der Wirtschaftskriminellen liefern.

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