"Betrug am Rennsport"
Ferrari kündigt nächste Teamorder an

Volkes Zorn ist längst noch nicht verraucht, da denken die Verantwortlichen der "Scuderia" bereits an die nächste Teamorder.

sid ROM. Weltmeister Michael Schumacher in der Defensive, der "Haus-Pfarrer" in Maranello in der Klemme, Ferrari ohne Reue.

Der Aufschrei der Empörung stößt bei den Ferrari-Chefstrategen offenbar auf taube Ohren. Das Team werde sich von außen nicht unter Druck setzen lassen. Im Gegenteil. Sie kündigten die nächste Teamorder an.

"Auch beim WM-Lauf in Monte Carlo könnten wir einen ähnlichen Beschluss fassen. So lange Ferrari nicht mathematisch Weltmeister ist, ist dies nicht ausgeschlossen", sagte Technikchef Ross Brawn der italienischen Tageszeitung Gazzetta dello Sport und begründete seine Einstellung: "1997, 1998, 1999 haben wir die Meisterschaft jeweils im letzten Grand Prix verloren. Ich will nicht, dass dies nochmal geschieht. Vor dem Rennen in Österreich hatte Michael 44 Punkte, Ruben sechs. Es war kein schwieriger Beschluss. Wir sind ein Team, und wir müssen zuerst an Ferrari denken."

Die Teamorder war es, die Titelverteidiger Michael Schumacher in Zeltweg das kurz vor dem Ziel erfolgte Überholmanöver zu Lasten seines führenden Teamgefährten Rubens Barrichello ermöglichte. Der viermalige Champion verteidigte sein Verhalten erneut. Auf seiner Internet-Homepage räumte der 33-Jährige zwar ein, dass das Thema Teamorder manchmal nicht einfach zu vermitteln sei. "Dennoch finde ich sie verständlich, wenn man sich einmal damit auseinander setzt - es ist ja nicht so, dass wir von Ferrari sie erfunden hätten", so der Kerpener.

Wohl fühlt sich Schumacher, der die WM-Gesamtwertung nach sechs Rennen mit 54 Punkte überlegen vor Williams-BMW-Pilot Juan Montoya (Kolumbien/27) anführt, allerdings nicht: "Es ist ein Dilemma, das stimmt schon. Natürlich kann man argumentieren, dass Rubens am Sonntag der bessere Fahrer war. Das war er, absolut und eindeutig. Natürlich kann man sagen, dass er den Sieg verdient gehabt hätte. Das hätte er, da gibt es gar keine Frage. Und natürlich kann man auch die Frage stellen, ob wir das nötig gehabt hätten, wo doch die WM-Situation momentan so günstig für uns ist und unser Auto so stark ist." Auch er habe sich diese Fragen gestellt: "Ich habe auch gezweifelt und dachte: Muss das sein? Ich war auch nicht sicher. Aber sicher ist in diesem Sport gar nichts."

Zustimmung erhält Schumacher von Brawn. "Michael ist bestimmt nicht froh, dass Barrichello auf den Sieg verzichten musste, aber er teilt unseren Beschluss. Michael brach sich 1999 das Bein, alles kann noch geschehen, und wir wollen keine Risiken eingehen. Wir geben allen unseren Piloten die gleichen Chancen, bis einer der beiden die besten Siegchancen hat. In der Vergangenheit hat Ferrari zu viele Titel verloren, weil wir einen Piloten nicht stärker unterstützt haben."

Laut Brawn, der mit Schumacher bereits bei Benetton erfolgreich zusammengearbeitet hat, sei Barrichello in Zeltweg mit der Teamorder einverstanden gewesen. "Barrichello ist sich seiner Lage bewusst, er hat seinen Vertrag gerade erst verlängert. Wenn es in der WM-Tabelle umgekehrt ausgesehen hätte, dann wäre er wie Schumacher behandelt worden. Das ist doch logisch", sagte Brawn.

Derweil forderten erboste Gemeindemitglieder in Maranello den Ortspfarrer Don Alberto Bernardoni auf, Rennleiter Jean Todt bei seiner nächsten Beichte die Absolution zu verweigern. Der Franzose ist beim Weltmeister-Team zuständig für die Stallorder. "Ich habe am Montag den ganzen Tag lang Anrufe bekommen", sagte Don Alberto am Dienstag der Tageszeitung Corriere della Sera. "Einige Anrufer haben mich aufgefordert, Todt die Absolution zu verweigern, falls er zur Beichte kommen sollte. Die Sache ist schlimmer als eine Niederlage. Wir alle sind voller Bitterkeit. Am Sonntag werde ich wie üblich die Glocken läuten. Allerdings für Barrichello, denn er war der wahre Sieger in Österreich."

"Betrug am Rennsport", klagten dagegen die vielen italienischen Sportfans, die auf einen Sieg Barrichellos viel Geld gesetzt hatten. Wegen des heftigen Protests entschloss sich die italienische LottoToto-Gesellschaft Snai, auch Barrichello und nicht nur Schumacher als Sieger auszuzahlen. Der Salzburger Buchmacher Intertops zahlt auf die beiden Erstplatzierten aus.

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