Bevorstehende Regierungserklärung lässt Marktstrategen kalt
Börse setzt keine Hoffnung auf Schröder

Innenpolitische Ereignisse bewegen durchaus die Märkte. Das bewies Oskar Lafontaine mit seinem überraschenden Rücktritt vor vier Jahren. Beeinflusst Gerhard Schröder mit seiner Rede am Freitag die Aktienkurse ebenso stark? Experten sagen nein. Das Misstrauen ist zu groß, und das Vertrauen verspielt. Ankündigungen reichen nicht mehr.

DÜSSELDORF. Den Rücktritt von Oskar Lafontaine als Bundesfinanzminister und SPD-Chef am 11. März 1999 hatten die Börsen als Befreiungsschlag gefeiert. Binnen Minuten kletterte der Deutsche Aktienindex (Dax) um gut 6 % auf über 5 000 Punkte. Die Märkte verbanden mit dem Abgang des Saarländers den Sieg von Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Hoffnung auf weniger Staat und mehr Markt.

Gleiches erhoffen sich zwar Fondsmanager und Analysten auch von der Rede Schröders am Freitag im Bundestag. Doch die Erwartungen, dass es wieder einen Ruck an der Börse gibt, sind gering. "Natürlich kann die Rede etwas bewirken, aber das Misstrauen in die deutsche Politik ist tief ausgeprägt. Neben dem Willen zu tief greifenden Reformen müsste vor allem auch eine baldige Umsetzung gegen den Widerstand der Gewerkschaften geschehen, damit der Markt reagiert. Doch unsere Hoffnungen darauf sind sehr gering", sagt Deutschland-Stratege Matthias Jörss von Sal.Oppenheim.

Nach Meinung von Marktexperten hat Schröder zu oft die Märkte mit Vorhaben gelockt, die später am Druck der Fraktion oder der Gewerkschaften scheiterten. "Der Kanzler setzt vielleicht wieder eine neue Kommission ein. Doch die Probleme sind inzwischen so groß, dass eine Rede keine neue Energie für den Dax freisetzen wird", sagt HSBC-Stratege Volker Borghoff. Beispielsweise zu versuchen, den Kündigungsschutz ein wenig zu lockern, werde keinen "Big Bang" auslösen. "Nur ein Regierungswechsel kann Vertrauen, vor allem auch im Ausland, hervorrufen", meint Borghoff.

So gering die Hoffnungen sind, so groß sind die Wünsche. "Um die Börse zu bewegen, bedarf es einer klaren Verlagerung der Gewichte mit einer Rückkehr zum Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Steuerentlastungen müssen Hand in Hand mit Ausgabenkürzungen einhergehen, damit die Ausgaben nicht später wieder eingetrieben werden. Denn das honorieren Märkte nicht", sagt Eckhard Bergmann von der Fondsgesellschaft DWS.

Hoffnungen auf Freitag hegt Bergmann nicht: "Nach allem, was im Vorfeld der Rede durchsickert, lässt sich nichts Überzeugendes erkennen. Ich habe bislang eher das Gefühl, dass der Schuss nach hinten losgeht." Bei Analysten stößt beispielsweise das Vorhaben Schröders, für die Bauwirtschaft zinsgünstige Kredite in Höhe von 15 Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen, auf Skepsis. "Das bedeutet noch mehr Staatsinterventionismus", meint HSBC-Stratege Borghoff.

Und wenn die Rede doch begeistert? "Die Märkte warten nicht auf Worte, denn sie wissen, dass Schröder seine Fraktion und den Bundesrat hinter sich bringen muss. Investoren werden genug Zeit haben, die Rede auszuwerten und zu überlegen, ob und welche Branchen profitieren. Wegen Schröder wird der Dax am Freitag nicht hochspringen", sieht Sal. Oppenheim-Stratege Jörss keinen Anlass, sich jetzt schon mit Aktien einzudecken.

Allenfalls Einzelhandelsaktien können nach Meinung von Experten profitieren, wenn Schröder beispielsweise die Steuerreform auf 2004 vorziehen will. "Bei ausgebombten Konsumwerten mag es einen positiven Effekt gehen. Doch der dürfte nach zwei Tagen vorbei sein. Denn es gibt zu viele strukturelle Probleme im Konsumsektor", meint Borghoff. Dazu zählten die Sättigung des Marktes mit langlebigen Wirtschaftsgütern und der harte Preiskampf im Lebensmittelhandel.

Auch ausländische Investmentbanken hegen keine Hoffnung auf eine Besserung der Lage und Stimmung. Zu sehr hat sich herumgesprochen, wie tief die strukturellen Probleme in Deutschland sind. Die Europa-Ausgabe der amerikanischen "Business Week" titelte unlängst "Der Niedergang Deutschlands" und fragte, ob Deutschland ein zweites Japan werde.

Merrill Lynch weitet Deutschlands Probleme auf Kontinentaleuropa aus. Die Politiker seien nicht in der Lage, Rezession und Deflation zu verhindern. Insbesondere der Finanzsektor sei in Gefahr. Das "Epizentrum" liege dabei in Deutschland. Einen schwachen Trost hat Merrill aber: Schuld an der Misere trage neben der Politik die Europäische Zentralbank. Anstatt die Wirtschaft aggressiv zu beleben, verschärfe sie mit ihrer restriktiven Zinspolitik die Risiken.

Wenn schon der Freitag kaum Chancen auf Dax-Gewinne birgt, so könnten dafür aber Rücktrittsphantasien sorgen - nicht die eines Finanzministers, sondern der gesamten Regierung. Noch halte Schröder seine Fraktion gut zusammen, meint Sal.Oppenheim - Stratege Jörss, "doch wenn das Thema Irak nicht mehr im Vordergrund steht, sollte sich zeigen, dass die Gemeinsamkeiten von CDU, FDP und Grünen in Wirtschaftsfragen größer als bei SPD und Grünen sind. Das wird Druck auf die Regierung auslösen und für Phantasie an der Börse sorgen."

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