Bewährungsphase
Biotech-Branche: Nach dem Boom zählt die Strategie

Den deutschen Biotechnologie-Firmen geht es längst nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Jahren, zu Zeiten des Börsen-Booms. Zwar können einige Unternehmen noch von den Reserven der fetten Jahre zehren. Doch heute kennzeichnen permanente Verluste, Liquditätsprobleme und Insolvenzen die Branche.

HB/dpa MÜNCHEN. Die Branche muss sich in der nächsten Zeit "gesund schrumpfen", so die Einschätzung der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Was jetzt zählt für die Unternehmen, ist vor allem die richtige strategische Ausrichtung. "Wir erleben im Moment eine Phase, in der sich die Spreu vom Weizen trennt", sagt Julia Schüler von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Bewährt habe sich ein zweigleisiges Modell aus der Vermarktung von Technologien einerseits und der Produktentwicklung andererseits. Dieses Konzept verfolgt auch die GPC Biotech aus Martinsried bei München, dem nach wie vor wichtigsten Biotechnologie-Standort in Deutschland. "In der Boom-Phase war es eine verführerische Strategie, allein auf die Medikamenten-Entwicklung zu setzen, aber uns war von Anfang an klar, dass die Zeiten schwieriger werden können", sagt GPC - Vorstandschef Bernd R. Seizinger.

Mit liquiden Mitteln von 104 Millionen Euro und etwa einem halben Dutzend Medikamenten in der Pipeline sieht er sein Unternehmen gut aufgestellt. Von der für 2007 geplanten Markteinführung des Krebsmedikaments Satraplatin verspricht sich GPC Umsätze von jährlich rund 500 Millionen Dollar. Noch aber wirken solche Zahlen wie Wunschträume, denn wie bei den meisten Biotech-Unternehmen bestimmen Millionenverluste die GPC-Bilanzen. "Für 2006 gehen wir vom Erreichen der Gewinnschwelle aus", sagt Seizinger. Im ersten Halbjahr 2003 allerdings betrug das Minus vor Steuern knapp 11 Millionen Euro - bei einem Umsatz in etwa gleicher Höhe.

Doch einfache Rechenbeispiele taugen nach Einschätzung des Analysten und Biotechnologie-Experten Patrick Fuchs von der Frankfurter DZ Bank wenig, um die Situation der Branche ausreichend abzubilden: "Von den Umsatz- und Gewinnzahlen lässt sich nicht ableiten, was die Unternehmen an Wert generieren." Dies zeige sich an der hohen Börsenbewertung mancher auf den ersten Blick verlustreicher Kandidaten. "Klar ist, dass die Pharma-Industrie nach wie vor bereit ist, für interessante Medikamenten-Entwicklungen viel Geld zu bezahlen."

Darauf setzt inzwischen auch das Biotech-Unternehmen MorphoSys, das in den vergangenen Jahren in puncto Strategie einen Lernprozess durchmachen musste. "Ursprünglich wollten wir unsere Produkte bis zum Ende der klinischen Phase II selbstständig entwickeln - jetzt suchen wir bereits in der präklinischen Entwicklung nach Partnern", sagt Vorstandschef Simon Moroney. Im ersten Halbjahr 2003 halbierte das Biotech-Unternehmen seinen Verlust auch durch einen rigiden Stellenabbau und die Beilegung von Patentstreitigkeiten auf 4,9 Millionen Euro. Zugleich ging der Umsatz von 8,7 auf 7,2 Millionen Euro zurück. Zur Jahresmitte hatte MorphoSys liquide Mittel von 18,8 Millionen Euro in der Kasse. Prognosen, wann die Gewinnschwelle überschritten werden könnte, will Moroney nicht abgeben, betont aber: "Wir sind in einem stabilen Zustand."

Auch Schüler ist nicht grundsätzlich pessimistisch für die Branche. In einer Studie fand sie heraus, dass sich trotz aller Skepsis auch heute durchaus noch Geldgeber für Biotech-Projekte finden lassen. Die Anforderungen jedoch sind wesentlich strenger geworden als in den Boom-Zeiten um das Jahr 2000. "Heute ist wichtig, dass die Firmen möglichst konkrete und marktnahe Produkte anbieten", sagt die Expertin. Die Branche habe in den vergangenen Monaten immerhin mehrere größere Finanzierungsrunden erlebt, bei denen eine Reihe von Unternehmen jeweils zweistellige Millionenbeträge einwerben konnten.

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