Bewegung in den Umfragen
Kommentar: Morgenluft

Mit Gerhard Schröder ist es so wie mit Rudi Völlers Nationalmannschaft - mit dem Rücken zur Wand kämpfen beide am besten. Obwohl die deutsche Elf als vermeintliche "Gurkentruppe" zur Weltmeisterschaft gefahren ist, hat sie spätestens mit dem letzten Gruppenspiel jene Zweifler widerlegt, die den hoch bezahlten Kickern ein vorzeitiges Aus prophezeit hatten. Vom Finale freilich sind die Mannen mit dem Bundesadler auf dem Trikot noch meilenweit entfernt - die Hoffnung aber steigt.

Ähnlich ergeht es dem SPD-Vorsitzenden und seiner Partei. Nach der desaströsen Niederlage von Magdeburg wollte niemand mehr einen Cent auf Teamchef Schröder und seine Kabinettsmannschaft wetten. Doch allmählich deutet sich in den Umfragen ein neuer Trend an: SPD und Grüne holen wieder auf, während Union und FDP leicht an Zuspruch verlieren. Gestern wurde eine Forsa-Studie bekannt, der zufolge der Abstand zwischen Sozialdemokraten und CDU/CSU sogar auf rund zwei Prozentpunkte geschrumpft ist.

Nun gilt Forsa als "Kanzler-Demoskopie-Verein", weshalb man das Ergebnis ebenso wie die anderen Momentaufnahmen der Umfrageinstitute nicht überbewerten sollte. Die Dynamik in den Daten aber ist unverkennbar: Rot-Grün nimmt tendenziell zu, während der Vorsprung von Schwarz-Gelb bröckelt. Für diese Volatilität auf dem Stimmungsmarkt gibt es mehrere Gründe: Zum einen muss die Spaßpartei FDP erkennen, dass ihre Anhänger an der jüngsten Antisemitismusdebatte wenig Freude finden. Dabei schlägt noch nicht einmal der kalkulierte Tabubruch von Jürgen Möllemann negativ zu Buche, sondern eher der daraus entstandene Machtkampf mit FDP-Chef Guido Westerwelle. Die Wähler mögen keinen Streit innerhalb der von ihnen favorisierten Partei - erst recht nicht im bürgerlichen Lager.

Die Schwäche der Liberalen kommt zudem der kleinen Konkurrenzpartei zugute. Zwar gibt es kaum Wechselwähler zwischen FDP und Grünen. Joschka Fischer aber nutzt die politisch nicht korrekten Eskapaden von Möllemann, um sich am Wettbewerber zu reiben und die Grünen so mit dem grell ausgemalten Feindbild FDP zu mobilisieren.

Die Union schließlich spürt die Last der Favoritenrolle. Der Erwartungsdruck der eigenen Anhänger ist ungeheuer hoch. Selbst kleine Formschwächen führen zu Nervosität in der Fan-Kurve. Noch liegt die Union von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber klar vorne, aber CDU/CSU wissen, dass ihr Potenzial mit rund 40 Prozent Wählerzuspruch weitgehend ausgeschöpft ist. Jetzt kommt es darauf an, den früh errungenen Vorsprung über die lange Distanz zu retten. Das fällt naturgemäß schwerer, wenn der Gegner Runde für Runde aufholt und man den keuchenden Atem des Verfolgers bereits im Nacken spürt. Hinzu kommt die Lust der Medien, Spannung zu inszenieren: Eine Aufholjagd ist schließlich reizvoller als ein gleichförmiger Start-Ziel-Sieg.

Schröder wittert Morgenluft, doch er sollte den durch Parteitagsjubel verstärkten Trend nicht überbewerten. Der Kanzler ist wieder im Spiel - mehr nicht. Dass die politische Linke ebenso wie der Fußballweltmeister schnell stürzen können, sieht man gerade in Frankreich.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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