Beweise für die Schuld Bin Ladens
Blair kündigt Militärschlag an

Der britische Premierminister Tony Blair warnt vor unmittelbar bevorstehenden Militärangriffen auf Afghanistan. Ziele der US-Offensive mit möglicher britischer Beteiligung seien die Taliban-Miliz und der Moslemextremist Osama bin Laden, hieß es in einer vorab veröffentlichten Rede, die Blair am heutigen Dienstag auf dem Parteitag seiner Labour Party in Brighton halten will.

HB DÜSSELDORF. Allerdings hat sich der als Terroranführer gesuchte Osama Bin Laden nach Angaben der afghanischen Opposition mittlerweile einer plastischen Operation unterzogen, um nicht erkannt zu werden. Ein ungenanntes Mitglied der Nordallianz sagte der Teheraner Zeitung "Entechab", mehrere Schönheitschirurgen hätten Bin Laden operiert und dabei seine Kieferpartie verändert. Die Nordallianz sei bemüht, Fotos mit seinem neuen Aussehen zu erlangen.

Nach dem Redemanuskript wird Blair sagen: "Wir werden ihre schweren Waffen vernichten, sie von ihren Versorgungswegen abschneiden und ihre Truppen ins Visier nehmen." Einen genauen Termin für den Angriff will er laut Regierungskreisen aber nicht nennen. Der britische Außenminister Jack Straw sagte dem BBC-Fernsehen, das Netzwerk Bin Ladens müsse im Interesse des "Weltfriedens" gestoppt werden.

"Die Taliban hatten die Chance, die Terroristen auszuliefern, und haben beschlossen, es nicht zu tun", heißt es in dem Redetext Blairs weiter. Er werde aber deutlich machen, dass die Angriffe unmittelbar bevorstünden und unausweichlich seien, hieß es aus seinem Umfeld. Die "gezielten" Angriffe sollten "angemessen" ausfallen und "sich gegen militärische Einrichtungen und Trainingslager von Osama bin Laden und der Taliban-Truppen richten". Opfer unter Zivilisten sollten möglichst verhindert werden. Die Hilfe für afghanische Flüchtlinge müsse genauso gut geplant werden wie die Vergeltungsangriffe.

Auch Straw kündigte an, die Angriffe würden "angemessen und gezielt" ausfallen. "Wenn wir die andere Wange hinhalten würden, würde die Gefahr noch größer", sagte er BBC. "Alles, was wir von der El-Kaida-Organisation wissen, deutet darauf hin, dass sie durch fast nichts zu stoppen sind", fügte er im Hinblick auf das Terror-Netzwerk von Bin Laden hinzu. Seine Anhänger hätten sich "von einer Terror-Ebene zur nächsten gesteigert" und müssten deshalb "im Interesse des Weltfriedens gestoppt werden", sagte Straw.

Bin Laden soll Anschläge angekündigt haben

Bin Laden soll die Anschläge vom 11. September zwei Tage zuvor in einem Telefonat mit seiner Mutter angedeutet haben. Nach einem Bericht des "Daily Telegraph" geht dies aus "Beweismaterial" der US-Geheimdienste hervor. "In zwei Tagen wird es große Neuigkeiten geben, und dann wirst Du eine Weile lang nichts von mir hören", soll Bin Laden laut dem Mitschnitt der US-Geheimdienste gesagt haben. Nach einem Bericht des "Guardian" haben die Geheimdienste der USA und Großbritanniens "ziemlich gute Anhaltspunkte" über den gegenwärtigen Aufenthalt Bin Ladens. Er sei in der vergangenen Woche in Kabul gewesen, hieß es weiter.

Derweil haben die USA begonnen, zahlreichen Partnerländern der weltweiten Anti-Terrorkoalition Dokumente zukommen zu lassen, die die Schuld des Moslemextremisten Osama bin Laden an den Terroranschlägen vom 11. September beweisen sollen. Die US-Regierung habe am Montag mit der Versendung entsprechender Geheimdokumente an ihre Botschaften im Ausland begonnen, sagte ein hochrangiger Vertreter des US-Außenministeriums in Washington. Diese würden die Beweise für Bin Ladens Schuld den jeweiligen ausländischen Regierungen übermitteln. "Wir haben wichtige Informationen gesammelt, die die Verantwortung Bin Ladens und seiner Organisation El Kaida klar zeigen", sagte der Ministeriumsvertreter weiter. "Einige dieser Informationen teilen wir mit unseren Freunden und Verbündeten."

Das Weiße Haus widersprach unterdessen jordanischen Medienberichten, wonach US-Präsident George W. Bush König Abdullah II. von Jordanien versichert habe, die USA würden kein arabisches Land angreifen, auch nicht Irak. Die Berichte seien unzutreffend, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer. US-Außenminister Colin Powell betonte, die erste Phase der Militäroperation ziele auf Bin Laden. Im Zusammenhang mit den weiteren Phasen habe Bush "nichts ausgeschlossen", sagte Powell dem Fernsehsender CBS.

Truppenaufmarsch in der Region um Afghanistan

In der Region um Afghanistan komme es zu einem bedeutenden Aufmarsch von Soldaten, der das Ende der Taliban bedeuten könne, sagte Powell. Pakistans Präsident Prevez Musharraf sagte dem britischen Sender BBC: "Offenbar werden die USA in Afghanistan handeln. Wir haben dies den Taliban übermittelt." Es werde wegen der Haltung der Taliban zur Konfrontation kommen.

Die Taliban breiteten sich offenbar ebenfalls auf einen Militärschlag der USA vor. Taliban-Verteidigungsminister Mullah Obaidullah rief am Montag seine Soldaten auf, Angreifer hart zu bekämpfen und das Land zu verteidigen. "Wenn dein Gegner auch stark ist, unser Gott ist der Stärkste", sagte er. Auch der Außenminister der Anti-Taliban-Allianz in Nordafghanistan, Abdullah Abdullah, sagte, er rechne "sehr bald" mit einem Angriff.

Die Zeitung "New York Times" berichtete am Montag, US- Präsident George W. Bush habe verdeckte Operationen gebilligt, um die Taliban-Gegner militärisch zu unterstützen. Bush sagte, die USA hätten sechs Mill. Dollar (rund 12,8 Mill. DM) an Vermögen eingefroren, das in Verbindung "mit terroristischer Aktivität" stehe. Zudem seien weltweit insgesamt 50 Konten von El Kaida eingefroren worden. Damit seien Fortschritte bei der Austrocknung von Finanz-Quellen gemacht worden, mit denen Angriffe geplant und ausgeführt werden könnten, sagte Bush.

Verfahren zur Bildung einer neuen Regierung

In Rom einigte sich Afghanistans Ex-König Mohammad Sahir Schah mit Vertretern der Anti-Taliban-Allianz auf ein Verfahren zur Bildung einer neuen Regierung. Der 86-jährige Schah teilte zum Abschluss mehrtägiger Gespräche mit, man habe eine Vereinbarung getroffen, nach der eine Versammlung aller afghanischer Stammesältester einberufen werde, die eine Übergangsregierung und ein Staatsoberhaupt wählen. Schah wurde 1973 entmachtet, gilt aber als Integrationsfigur für eine Einigung der seit Jahrzehnten zerstrittenen Volksgruppen des Landes.

Hilfsorganisationen der UNO wollen nach eigenen Angaben voraussichtlich am Freitag zu Hilfslieferungen für Afghanistan von mindestens 300 000 Tonnen Nahrung aufrufen. Mitarbeiter der Welternährungshilfe der UNO bemühten sich, Hilfsgüter für die in Massen fliehenden Afghanen ins Land und an die Grenzen zu bringen. Die UNO rechnet mit 7,5 Mill. Afghanen, die auf internationale Hilfe angewiesen sein werden.

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