Bewerbungen als Gastland im Jahr 2002
China und Türkei hoffen auf Buchmesse

Ohne bislang einen offiziellen Antrag gestellt zu haben, bemühen sich hinter den Kulissen derzeit gleich zwei Länder massiv um die zentrale Messepräsentation, von der sie sich einen deutlichen Image-Gewinn auf dem internationalen Parkett erhoffen.

dpa FRANKFURT. Polen hat sich gerade erst mit einem sympathischen Auftritt als Gastland von der Frankfurter Buchmesse verabschiedet, da gehen die Gespräche für das Schwerpunktland 2002 in eine spannende Runde. Doch beide Bewreberländer, die Volksrepublik China und die Türkei, haben dasselbe Problem: Sie lassen in Menschenrechtsfragen und im Umgang mit regimekritischen Autoren nicht selten jene Standards der freien Meinungsäußerung vermissen, die anderswo selbstverständlich sind.

Während der 52. Frankfurter Buchmesse, die am Montag zu Ende ging, hatte der neue Buchmessen-Chef Lorenzo Rudolf mit Delegationen aus China und der Türkei Kontakt. "Von beiden Seiten ist der klare Wunsch geäußert worden, das Gastland 2002 zu werden", sagte Rudolf. Auf dem weltweit größten Branchentreff erörterte er das Thema mit dem türkischen Verlegerverband sowie einer offiziellen Delegation der Volksrepublik.

Knackpunkt: Umgang mit detr Exilliteratur

Im Frühjahr soll eine Entscheidung fallen. Zuvor stehen noch einige Konsultationen aus - zu sehr ist Vorsicht angesagt, zu sehr müssen Positionen auch diplomatisch abgesichert sein. Möglicher Knackpunkt bei China ist der Umgang mit der Exil-Literatur, wie sie unter anderem der neue Literatur-Nobelpreisträger Gao Xingjian in Paris verkörpert. Für eine offizielle Bewerbung der Türken ist noch manche Frage vor allem zur Lage kurdischer Autoren offen. Trotz aller Wattebäuschchen, in die die heiklen Fragen gehüllt werden müssen, scheint für beide Interessenten ein Messeauftritt als Gastland nicht in unerreichbarer Ferne zu liegen. Doch die Buchmesse, die die "Freiheit des Wortes" propagiert, sieht noch viel Klärungsbedarf.



Delikate Fragen vor dem Bewerbungsverfahren



Eine wesentliche Vorbedingung der Messe für eine offizielle Bewerbung der Türkei scheint eine Verpflichtung des Staates zu sein, alle ethnischen Gruppen, also auch die Kurden, in eine Messepräsentation einzubinden. Im Falle Chinas hörte man auf der jüngsten Buchmesse von Kennern des Messebetriebs Andeutungen, dass weniger der Volksrepublik China als vielmehr der chinesischen Literatur als Ganzes ein Forum geboten werden solle - das würde die Exil-Literatur einbeziehen. Ein solcher Weg aber "hängt jetzt vom Willen der Volksrepublik ab", meint Rudolf. Wie das in der Praxis aussehen kann, ob chinesische Exil-Literaten neben Vertretern der von Peking offiziell abgesegneten Literatur in einer gemeinsamen Halle oder gar an einem Gemeinschaftsstand auftreten werden - solche delikaten Fragen müssen Schritt für Schritt vor Eröffnung eines formellen Bewerbungsverfahrens beantwortet sein.



Noch keine öffentliche Erklärung



"Grundsätzlich würde ich mich über ein Gastland China sehr freuen", meint Rudolf. Er beteuert zugleich, dass für China wie auch für die Türkei dieselben Kriterien wie bei der Auswahl der bisherigen Gastländer gälten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wollte keine öffentliche Erklärung abgeben. Doch wird offenbar auch in dem großen deutschen Branchenverband die Literatur und Verlagswelt Chinas als so reizvoll angesehen, dass man Wege für einen China-Schwerpunkt auf der Messe sieht.



Naumann hat "keine politischen Bedenken"



Bei der Abwägung zwischen China und der Türkei wäre für Suhrkamp - Verleger Siegfried Unseld China "richtiger für die Buchmesse". Er begründet dies damit, dass "der wirtschaftliche und geistige Raum größer ist". Bei einer Pro-China-Entscheidung würde sich auch der frühere Verleger und heutige Kulturstaatsminister Michael Naumann "freuen, meine früheren Autoren Mo Yan und Li Rui dort begrüßen zu können. Politische Bedenken hätte ich deshalb nicht, weil eine europäische Buchmesse mit dem Schwerpunkt China auch in China Wirkung zeigen würde, und man würde entdecken, dass die Kraft des Wortes auch die längste chinesische Mauer überwindet."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%