Bezahlfernsehen bleibt weiter das Sorgenkind der Kirch-Gruppe – Gesellschafter Rupert Murdoch bleibt unberechenbar
Das Spiel um Geld, Macht und Zuschauer bei Premiere World

Die Kirch-Gruppe hat einen Traum, von dem sie gern und oft erzählt: Mit der Verschmelzung der Senderfamilie Pro Sieben Sat 1 Media und der Kirch Media soll ein börsennotierter Konzern entstehen. Vom anderen großen Traum, dem Bezahlfernsehen in Deutschland, spricht sie derzeit nicht so gerne.

DÜSSELDORF. Der Glaube an eine glorreiche Zukunft des Pay-TV in Deutschland, immerhin dem drittgrößten Medienmarkt der Welt, ist erschüttert. Daran ändert auch Leo Kirch mit seinen öffentlichen Beteuerungen nur wenig. Erst kürzlich hatte der "Filmhändler", der am kommenden Sonntag seinen 75. Geburtstag feiern wird, den festen Glauben an die Zukunft von Premiere World nochmals betont.

Seine Beteuerung in Ehren - die Vorstellung, die Premiere zurzeit abliefert, taugt eher als Vorlage für einen Wirtschaftskrimi: Beim im Münchner Medienvorort Unterföhring ansässigen Sender geht es um Geld, Macht und Zuschauer. Die jüngste Episode zeigte den überraschenden Rausschmiss des bisherigen Premiere-Chefs Manfred Puffer. Noch Ende August präsentierte sich der österreichische Medienmanager bei seinem ersten und einzigen öffentlichen Auftritt als ein Mann, der das Vertrauen von Leo Kirch und seiner rechten Hand Dieter Hahn genießt. Nun wird der 38-Jährige, der erst zu Jahresbeginn den Chefposten übernommen hatte, die Kirch-Gruppe endgültig verlassen. Auch seinen Vorgänger Markus Tellenbach, mittlerweile in London aktiv, erging es genauso. Aber immerhin wurde er erst nach zwei Jahren von Hahn in die Wüste geschickt. Mit Ferdinand Kayser, dem neuen starken Mann bei Premiere World, soll endlich das Personalkarussell zum Stillstand kommen. Der gebürtige Luxemburger gilt in der Branche als eine Art Urgestein des Bezahlfernsehens in Deutschland. Schon Ende der neunziger Jahre stand Kayser an der Spitze von Premiere.

Der Druck auf den eloquenten TV-Strategen ist riesengroß. Er soll Premiere, das Herzstück der Kirch Pay TV, bis 2003 börsenreif machen. Wenn es nach Leo Kirch geht, soll die gesamte Holding dann auf dem Parkett gehandelt werden. Mit dem Börsengang wollen die anderen Gesellschafter wie der australisch-amerikanische Medienunternehmer Rupert Murdoch, der saudische Prinz Al Waleed oder die US-Investment-Bank Lehman Brothers ihre riskanten Beteiligungen vergolden. Vor allem Murdoch liegt den Kirch-Leuten schwer im Magen. Der gerissene Vorstandschef des Medienunternehmens News Corporation hat derzeit alle Trümpfe in der Hand. Er besitzt einen Vertrag, wonach er Premiere World in zwei Jahren komplett übernehmen oder sich ausbezahlen lassen kann. Erst vor wenigen Tagen hatte Murdoch auf einer Aktionärsversammlung noch einmal klargemacht, dass es er sich offen hält, seine Beteiligung am Abenteuerspielplatz Premiere World zu verkaufen. Kommt es dazu, müsste Kirch tief in die Tasche greifen.

Die Kassen bei Kirch Pay TV sind zwar noch gefüllt. Knapp 5 Mrd. Mark nahm die Holding durch den Verkauf von einem Drittel der Anteile ein. Doch die Finanzreserven schmelzen zusammen, wenn es in den nächsten anderthalb Jahren nicht aufwärts geht. Seit zwei Wochen geht Premiere mit einem Billigpaket auf Kundenfang. Bereits für 15 Euro können 15 Kanäle inklusive einer einstündigen Bundesligazusammenfassung abonniert werden. Ob das Discount-TV tatsächlich Erfolg haben wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Der Oktober gilt traditionell als schwieriger Monat für den Kundenfang. Alle Hoffnungen ruhen auf dem Weihnachtsgeschäft. Einen zweistelligen Millionenbetrag investiert derzeit der Sender bis Mitte November in den laufenden Werbefeldzug, der dann nahtlos in die Weihnachtskampagne übergehen wird. Die Verluste sind noch gewaltig, Schätzungen von Analysten gehen in die Milliarden.

Das Schlimmste: Die Abonnentenzahl stagniert bei 2,4 Mill. Zuschauern. Selbst der ansonsten öffentlichkeitsscheue Ex-Premiere-Chef Puffer musste bekennen: "Das ist keine Zahl, die wir als zufriedenstellend bezeichnen können." Mit neuer Führungsriege, exklusiverem Programm, billigen Einstiegspaketen und teuren Werbekampagnen hofft der Sender jedoch unverdrossen, sich in wenigen Jahren zum Goldesel zu wandeln. Die aktuelle Konjunkturflaute lässt die Premiere-Betreiber nach außen kalt. Dass auch die TV-Zuschauer sparen und sich insbesondere das Bezahlfernsehen ersparen könnten, ficht die Macher bei Premiere offenbar nicht an. Für zusätzliche Spannung sorgt der Verkauf der deutschen Kabelnetze an Investoren vom Schlag eines John Malone - womit deutlich wird: Am Drehbuch für das Finale des Wirtschaftskrimis um Premiere wird noch geschrieben.

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