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Bezahlt wird mit den eigenen Fähigkeiten

In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit greifen die Menschen gern auf traditionelle Methoden zurück: Daher erleben Tauschringe zur Zeit Hochkonjunktur.

dpa FRANKFURT/MAIN. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit greifen die Menschen gern auf traditionelle Methoden zurück: Daher erleben Tauschringe zur Zeit Hochkonjunktur.

Sie können als erweiterte Nachbarschaftshilfe oder auch als ein lokales soziales Netzwerk bezeichnet werden. "Etwa 40 Tauschringe mit ungefähr 8 000 Teilnehmern gibt es inzwischen in Hessen", schätzt Klaus Reichenbach von der "Zeitbörse" in Kassel. Die 1995 gegründete "Zeitbörse" war der erste Tauschring in Hessen. "Damals war die Situation vergleichbar mit der heutigen, in der viele Menschen keinen Job haben. Und durch die Diskussion über Hartz IV ist die Nachfrage zur Zeit zusätzlich besonders hoch", sagt Reichenbach.

Das Prinzip, das dahinter steht, ist ganz einfach: Tauschringe sind in der Regel Zusammenschlüsse von Privatpersonen, die Dienstleistungen wie zum Beispiel Gartenarbeit, Nachhilfe oder Babysitten ohne Einsatz von Geld tauschen. Die Idee, sich eine Tätigkeit nicht in bar, sondern in Form einer anderen Arbeit bezahlen zu lassen, ist nicht neu.

In Australien, den USA und Kanada gibt es Tauschringe schon seit Jahrzehnten, und in Deutschland entstanden die ersten Tauschringe Anfang der 90-er Jahre. "Bundesweit gibt es mittlerweile 300 Tauschringe mit etwa 30 000 Teilnehmern", schätzt der Leiter des Bundes-Tauschringarchivs, Klaus Kleffmann. Die Abwicklung im Tauschring erfolgt über ein bargeldloses System und die Bewertung der Leistung oft nach der aufgewendeten Zeit.

Bei der Kasseler "Zeitbörse" wird zum Beispiel mit "Talenten" verrechnet. Ein "Talent" entspricht drei Minuten einer erbrachten Hilfeleistung, und jedes Mitglied hat ein Zeitkonto. Nimmt jemand eine Hilfe in Anspruch, geht das zu Lasten seines Kontos. Mehr als 1 000 Angebote sind sechs Mal im Jahr in der "Kreativen Zeitung" des Kasseler Tauschrings aufgelistet. Dabei wird nicht nur "Rasenmähen" gegen "Computerhilfe" direkt ausgetauscht, sondern häufig kommt es zu einem Vierecks- oder sogar Achteckshandel.

Die Dienstleistungen, die getauscht werden, sind vielfältig. Gerlinde Obermaier ist schon seit über fünf Jahren bei der Kasseler "Zeitbörse". Sie bietet Beratung für Vorstellungsgespräche und Konfliktmanagement an, dafür lässt sie sich regelmäßig von dem Landschaftsgärtner Claus Neubeck im Garten helfen. "Das steigert das Selbstbewusstsein ungemein, denn jeder bezahlt mit seinen Fähigkeiten und lernt dabei zusätzlich noch die unterschiedlichsten Menschen kennen", sagt Obermaier.

Für die Handwerkskammern, Finanzämter und Behörden sind die Tauschringe mittlerweile auch kein Schreckgespenst mehr. "Wir beäugen zwar die Tauschringe nach wie vor skeptisch, falls handwerkliche Leistungen im großen Stil betrieben und nicht in der Handwerksrolle eingetragen werden, aber in der Regel handelt es sich dabei nur um kleine Dienstleistungen, die eine soziale Funktion erfüllen", sagt Lars Bökenkröger von der Handwerkskammer Rhein-Main.

Neben dem Austausch von Dienstleistungen findet in einem Tauschring vor allem ein Austausch zwischen den Menschen statt. Der Ring ist eine soziale Kontaktbörse. "Die Leute haben hier die ehrliche Chance, sich ein Netzwerk aufzubauen - und lernen die Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Reichenbach. Für viele Arbeitslose und alte Menschen sei der Tauschring eine der wenigen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten gesellschaftlich einzubringen.

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