Beziehungen am Arbeitsplatz geben zwar einen Motivationschub, bergen aber auch eine Menge Konfliktpotenzial
Beziehungen am Arbeitsplatz: Wenn’s im Büro knistert

Liebe im Büro. Das ist der erotisch emotionale Kick zwischen Konferenz und Kantine, zwischen Brainstorming und Briefing. Jede(r) Fünfte hatte schon mal eine Beziehung am Arbeitsplatz, 20 bis 35 Prozent aller Ehen werden im Büro geknüpft.

DÜSSELDORF. Der Weg zur Arbeit war für Sonja Becker wie eine Fahrt in der Achterbahn. Ihre Hände wurden feucht, der Adrenalinspiegel stieg und der Puls ging schneller. Im sechsten Stock des Büros angekommen, machte ihr Herz dann einen Sprung: ER war schon da! Allerdings mitten im Gespräch mit einem Kollegen. Becker murmelte nur ein kurzes ?Guten Morgen?. "Damit die anderen nichts merkten, habe ich immer das Pokerface aufgesetzt, dabei brannte ich innerlich", so die Angestellte.

Liebe im Büro. Das ist der erotisch emotionale Kick zwischen Konferenz und Kantine, zwischen Brainstorming und Briefing. Wie das Hamburger Meinungsforschungsinstitut Gewis ermittelte, hatte jeder Fünfte schon mal eine Beziehung am Arbeitsplatz, 20 bis 35 Prozent aller Ehen werden im Büro geknüpft. Prominente führen diese Liste an: Redakteurin Doris Köpf verliebte sich während eines Interviews in den heutigen Bundeskanzler Gerhard Schröder. RTL-Chef Hans Mahr und Moderatorin Katja Burkard wurden vor kurzem stolze Eltern einer Tochter und selbst Microsoft-Mogul Bill Gates fand (s)eine Frau Melinda French auf der Gehaltsliste.

Stress verbindet

Der Einstieg in die Büro-Beziehung ist einfacher, als der normale Kneipen-Flirt: Zum einen verbringt man die meiste Zeit am Arbeitsplatz. Zum anderen eint das gemeinsame Interesse - der Job. Und: Stress verbindet. Aus der x-ten nächtlichen Überstunde wird schnell ein Pas de deux, unternehmensinterne Sportclubs, Weihnachtsfeiern und Betriebsausflüge tun ihr Übriges. Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt warb für das eigene Unternehmen sogar mit einem Plakat, das eine Gruppe nackter, hübscher Mitarbeiterinnen zeigt. Der Text: "Jede vierte Beziehung entsteht am Arbeitsplatz."

Motivation steigt überdurchschnittlich

Grundsätzlich können sich Arbeitgeber angesichts solcher Liebeleien die Hände reiben. Denn die Motivation steigt überdurchschnittlich, Überstunden sind kein Problem mehr, überhaupt ist die Stimmung der Mitarbeiter sehr gut. "Liebe am Arbeitsplatz ist stimulierend und wirkt sich positiv auf das Arbeitstempo aus", sagt die Hamburger Psychologin Manuela Hein. "Anstrengend wird es erst, wenn die Liebe nicht mehr frisch ist, oder wenn das Paar sich verstecken muss. Dann kommt es schnell zur Überforderung", so Hein weiter. Die Folge sind Stress-Symptome wie Kopfschmerzen, bleierne Müdigkeit oder Allergien.

Alte Klischees belasten

Obwohl sie längst kein Tabu-Thema mehr ist, verheimlicht mehr als ein Drittel der Verliebten die Beziehung am Arbeitsplatz, so eine Studie des amerikanischen Hite Research Institute. Selbst die Bild-Klatschtante vom Dienst, Katja Kessler, versiegelt ihre Lippen, wenn es um ihre Beziehung zu Bild-Chefredakteur Kai Diekmann geht. Mit gutem Grund, denn eines ist verliebten Paaren sicher: das Getuschel auf dem Flur. "Oft gilt eben doch noch das alte Klischee. Der Mann ist der Eroberer, die Frau das Flittchen", sagt Becker.

Generelle Maßregelungen wie in der Klosterschule oder einen Sittenkatalog für den Umgang mit Kollegen wie er in amerikanischen Unternehmen üblich ist, gibt es hier aber nicht. "Wie sollte denn so eine Regelung aussehen?", fragt Sabine Nawroth, ZDF-Personalratsvorsitzende in Berlin. "Es wäre Diskriminierung und ginge total an der Realität vorbei, zwei Menschen zu verbieten, sich zu verlieben."

Problematische Verhältnisse zwischen Vorgesetzten und Untergebenen

Und doch kann sich das Unternehmen nicht ganz aus den Beziehungen raushalten. Spätestens wenn ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, wird die Liebelei zur Unternehmenssache: "Bei Gleichgestellten ist es völlig egal. Problematisch wird die Sache nur, wenn sich ein Chef in seine Mitarbeiterin verliebt. Stellen Sie sich mal vor, der Vorgesetzte führt mit seiner Frau ein Beurteilungsgespräch, die gibt ihm doch Zunder", sagt Klaus Peter Nebel, Konzernsprecher der Hamburger Beiersdorf AG. In solchen Fällen ist das Unternehmen dann "behilflich" und versetzt einen der Partner in eine andere Abteilung. Der Stuttgarter Computerriese IBM "verhandelt bei Abhängigkeitsverhältnissen von Fall zu Fall", sagt Unternehmenssprecherin Anja Reitermann. Und Lars Schmidt, Personalchef der Werbe-Gruppe BBDO stellt klar: "Wir machen den Liebenden generell keine Auflagen, doch Beziehungen zu Kollegen aus untergeordneten Ebenen sind verboten."

Die Gefahr bei Beziehungen zwischen Chef und Untergebenem: Bisher angesehene und kompetente Mitarbeiter werden nur noch als Liebling des Chefs angesehen. "Ist die Beziehung öffentlich, müssen der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin den Kollegen beweisen, dass sie nicht wegen ihrer Persönlichkeit bevorzugt werden, sondern wegen ihrer beruflichen Qualitäten", meint Psychologin Hein. Bei der Hamburger British American Tobacco kam es sogar schon mal zu "aggressiven Handlungen", erinnert sich Personalchefin Ursula Di Renzo. "Da schrieben Neider Beschimpfungen auf Garderobenschränke oder zerschnitten Fotos."

Solche Ausfälle sind heute nur noch selten, während sie in den 60er Jahren häufiger vorkamen: "Eine Frau konnte damals nur auf bestimmte Posten rücken, wenn ihr der Chef wohlgesonnen war", erinnert sich ZDF-Frau Nawroth. Machten die Betroffenen einen Fehler, standen sie sofort im Kreuzfeuer. Obwohl sich Frauen heute stärker über Inhalte beweisen, werden sie immer noch zur Zielscheibe der Neider. Diese vermuten, dass die Geliebte des Chefs ungerecht bevorzugt wird.

Arbeitgeber fürchten Machtbündelung

Oft fürchten Unternehmen auch eine Machtbündelung und einen Informationsvorsprung des Paares. Margit Wegener, Personalchefin der Berliner Meta Design hat deshalb zu Beginn ihrer Karriere bei der Unternehmensberatung McKinsey die Konsequenz gezogen, als sie und ein Teilhaber sich ineinander verliebten. "Alle vermuteten, dass wir etwas ausplaudern, was der andere nicht erfahren soll. Und wir befanden uns auch selbst in einem Konflikt: Als Chef musste er sich neutral verhalten, aber niemand konnte sich vorstellen, dass er nicht doch versucht, mich mehr zu fördern als andere."

Es wird schwierig, wenn der Job ständiges Gesprächsthema ist

Besonders kritisch wird es, wenn die Liebe zerbricht. Dann mutiert die romantische Verliebtheit leicht zur filmreifen verhängnisvollen Affäre. Vorm Faxgerät fliegen die Fetzen, in der Küche die Kaffeetassen. Einige Frauen werden sogar wieder von ihren Plätzen gemobbt, auf die sie sich angeblich "hochgeliebt" haben. Und beim ZDF, so Nawroth, hat manch eine Vorzimmerdame ihren Stuhl geräumt, weil sie den Streitereien des Ex-Paares ausgesetzt war. In solchen Fällen hilft nur noch eine räumliche Trennung im oder außerhalb des Unternehmens.

Doch selbst wenn das Paar berufliche Höhen und Tiefen durchgestanden hat, kann es zu Hause nicht einfach die Beine hochlegen. Schließlich umgibt man sich 24 Stunden am Tag mit dem gleichen Menschen. "Es wird schwieriger, sich auf den anderen zu freuen, und wenn der Job automatisch zum Gesprächsthema wird, besteht auch die Gefahr, dass die Beziehung ausleiert", sagt Psychologin Hein. Und dann wird die anfängliche Achterbahnfahrt zur Arbeit mitunter zur Fahrt in die emotionale Sackgasse.

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