Bezirksverkaufsleiter bei Plus
Inspektor Billig

Dosen zählen, Milch aufwischen, Geld nachzählen: Bei der Discount-Kette Plus dürfen sich Jung-Manager wie Steffen Eller, 29, dafür nicht zu schade sein. Sie bekommen früh viel Verantwortung für Millionen-Umsätze ­ und Leistungsdruck, damit der Laden läuft. Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens, das mit Billigpreisen Kasse macht.
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BERLIN. Das Preisschild lacht, denn es ist eigentlich eine Comicfigur: Ein Strichmännchen mit großen Augen und zu kurzen Beinen. Der erste Preis, der laufen kann, in Filmspots, auf Plakaten und eben am Revers von Steffen Ellers Anzugjacke. Das Preisschild mit den menschlichen Zügen ist eine Werbefigur von Plus, Deutschlands drittgrößter Discount-Kette. In Ellers Knopfloch ist das Preisschild das Aushängeschild. Es bedeutet: Bei mir ist es billig! Billiger geht es nicht!

Keine Branche bringt ihre Botschaft so klar an die Käufer wie die Discounter ­ jener Typ Supermarktkette, deren Kampfpreise beim besten Willen nicht zu unterbieten sind. Und nicht zu übersehen: Das orangerote Comic-Preisschild hebt sich deutlich von Steffen Ellers dunklem Anzug ab. "1,29" ­ als wäre der Mann selbst ein Sonderangebot.

Einsatzgebiet: Plattenbausiedlung Sieben Filialen bilden das Territorium des 29-jährigen Diplom-Betriebswirts. Sie liegen in den östlichen Berliner Stadtteilen Hohenschönhausen und Marzahn: 400 bis 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, geöffnet sechs Tage die Woche. Hier ist Eller der Boss: Herr über Einkaufswagen und Kühltheken, Vorgesetzter von sechs Filialleiterinnen, einem Filialleiter, 50 Kassiererinnen. Er ist "Bezirksverkaufsleiter", einer von 400 in Deutschland. So heißen die Plus-Führungskräfte, die in den 2 640 Filialen das Tagesgeschäft managen.

Mittagspause in der Plattenbausiedlung

Bezirksverkaufsleiter Eller hat schon einen mehrstündigen Rundgang durch seine Plus-Filiale Nummer 28 295 hinter sich, als er sich die erste Pause gönnt, die Mittagspause. Das Geschäft liegt in einer Hohenschönhausener Plattenbausiedlung. Um diese Zeit sind nur wenige Käufer da. Wenn Eller über Mittag bleibt, zieht er sich in den Sozialraum zurück, in den Raum neben dem Warenlager.

Es gibt mitgebrachte Stulle, hartes Ei, dazu eine Flasche Saft aus dem Laden. Für mehr reicht die Zeit nicht. Am einzigen Tisch im Raum nimmt Eller Platz. Aus einem Ascher, der auf dem Kühlschrank abgestellt wurde, kriechen kalte Nikotinschwaden. In einer Ecke gegenüber warten Blechspinde in Reih und Glied, vor denen Kassiererinnen zum Schichtbeginn ihre Schuhe wechseln. "Discount ist nicht schön", sagt der Mann mit dem weichen, weißen Gesicht. "Discount ist die Kunst, alles unter einen Hut zu bringen."

Eller nennt es Kunst, nicht: Kontrolle. Dabei besteht sein Job über weite Strecken aus einer langen und nie endenden, täglich neu abzuhakenden Liste von sich wiederholenden Überprüfungen und Inspektionen. Jeden Morgen vor der Pause eine Filiale. Jeden Nachmittag eine andere. Jeden Tag zweimal: Kontrolle des Vorplatzes auf Sauberkeit und Ordnung. Ein Blick auf den Eingangsbereich mit der Glastür, auf die Plakate mit Aktionsangeboten. Drinnen fängt Eller bei Brot, Brötchen, Backwaren an. Die stehen bei ihm immer vorne links, weil jede Plus-Filiale im Prinzip gleich aufgebaut sein muss.

Um sich vom Discount-Marktführer Aldi und von Lidl, dem nach Umsatz Zweiten, zu unterscheiden, wirbt die Tengelmann-Tochter Plus mit einem Bio-Sortiment, 150 Produkten regionaler Herkunft und 800 Markenartikeln. Die beiden Hauptkonkurrenten bieten fast ausschließlich (noch) billigere Eigenmarken an. Eigenmarken werden bei Plus auch verkauft ­ insgesamt haben rund 2 000 Artikel in jeder Filiale ihren festen Platz. Vom Kübel mit Schnittblumen ("Sonderangebot!") bis zum feineren Bordeaux-Rotwein ­ alle sind, in der Sprache des Einzelhandels, "eingepflegt". Das heißt: Ihre Anordnung ist im Computer der Mülheimer Unternehmenszentrale gespeichert. Bestellt Steffen Eller dort einen neuen Schwung Preisschilder, erhält er sie exakt in dieser Reihenfolge geliefert ­ Discount als perfektes Funktionieren.

Sisyphos im Supermarkt

Täglich folgt Jung-Manager Eller derselben Spur durch die Regale: Mindesthaltbarkeitsdatum prüfen ("MHD-Kontrolle"). Auf leere Stellen in den Regalen ("Grifflücken") achten. Vor einem Milchfleck, einem falsch platzierten Preisschild für Zwiebeln, einem abgelaufenen Stück Frischfleisch ­ dem einzigen von mehr als hundert, die er aus der Kühlung kramt ­ und noch ein Dutzend weitere Male hält Eller an. Er zückt einen Taschenkalender und notiert mit dem Druckbleistift die Beanstandungen. Wenn er so dasteht, sieht Eller aus wie der Mann vom Ordnungsamt. Der, der die Falschparker aufschreibt.

Das ist die eine Seite seines Jobs. Eine Rolle. Inspektor Eller, der nicht nur Regale kontrolliert, sondern auch seinen Kassiererinnen das Gefühl geben muss: Ich kann immer unangekündigt nachzählen, ob geklaut wird. "Im Handel gibt es kein Pardon." Er leiert das herunter wie einen schlechten Gedichtvortrag. Und wiederholt gleich dreimal: "Beim Geld hört die Freundschaft auf."

Heike Marschner, 36, ist die Hohenschönhausener Filialleiterin und deshalb bei Plus wichtigster Partner des Bezirksverkaufsleiters. Sie ist seine Statthalterin: Alle paar Tage schaut Eller vorbei, liest im von Marschner geführten "Filialbuch" Vorkommnisse nach und arbeitet mit ihr die lange Liste seiner Beanstandungen ab. Stichproben können aber kein Vertrauen ersetzen. Den Laden schmeißen ­ das müssen die Mitarbeiterinnen und wenigen Mitarbeiter der Filiale ohne Eller. Eine Gratwanderung zwischen Disziplinierung und Vertrauensbildung, die zu gelingen scheint. "Herr Eller macht das gut", sagt Filialleiterin Marschner. "Er wird nie laut."

Die andere Seite seines Jobs bezeichnet Eller als "große unternehmerische Freiheit. In meinem Bezirk bin ich der Macher, das Vorbild." Dass er zwar einen Dienstwagen bekommen hat, aber nirgendwo ein eigenes Büro, scheint ihn nicht zu stören. Er führt Gespräche mit Mitarbeitern in demselben Sozialraum, wo er mittags Stulle isst.

Lachs ist Luxus - und bleibt liegen

Eller, der schon als Junge gern mit dem Kaufladen spielte, beobachtet heute, wie Konsum funktioniert, und versucht ihn zu steuern: Er ist Disponent, Lagerist, Dekorateur, Marktforscher und Soziologe. Täglich 500 bis 600 Kunden pro Laden ­ macht 500 bis 600 "Bezahlvorgänge". Doch jede Filiale ist anders. "Das kann vom Einkommen abhängen, vom Wohnumfeld, Standorten der Konkurrenz. Bei mir laufen freitags die Aufbackbrötchen für den Sonntagmorgen ­ Lachs ist Luxus, der bleibt hier fast immer liegen."

Bezirksverkaufsleiter sei ein Beruf mit "schon in jungen Jahren ungewöhnlich viel Verantwortung", findet Steffen Ellers Chef, Michael Hürter, 39, Vorsitzender der Plus-Geschäftsführung. Hürter selbst war erst 21, als er bei Aldi einen Jahresumsatz von 80 Millionen Mark verantwortete ­ in einer Position, die in etwa der von Eller heute entspricht.

Hürter machte eine steile Karriere in der Discount-Branche, und er betont gern, dass persönlicher Erfolg und Ansehen auch dort zu erreichen sind ­ trotz des Billig-Images. Nach Stationen als Prokurist und Geschäftsführer mehrerer Gesellschaften von Lidl stieg Hürter 1999 an die Spitze von Plus auf.

Heute gilt er als erfolgreicher Sanierer des damals angeschlagenen Unternehmens. Hürter dünnte das Sortiment aus, senkte Preise, lässt innerstädtische Lagen gegen großzügige Filialen mit vielen Parkplätzen ("Freestander") austauschen und machte Plus in kurzer Zeit zu einer besonders tragfähigen Säule des Tengelmann-Konzerns.

Lebensläufe wie der Hürters seien im Discount üblich, sagt ein Kenner der verschwiegenen Branche. Man bleibe oft unter sich: "Für den Wechsel zur Konkurrenz sind Discounter aber erstaunlich durchlässig." Jedoch sei bei allen großen Unternehmen "der Druck auf die Mitarbeiter extrem hoch. Wer mit seinen Zahlen im Mittelfeld bleibt, kommt in seiner Karriere nicht weiter." Sämtliche Hierarchie-Ebenen würden ständig an Umsatz, Kosten, Warenumschlag oder Krankenstand gemessen. Hürter: "Alles wird gebenchmarkt. Als Mitarbeiter kennt man seine Ziele, die erreicht werden sollen." Einen guten Überblick über die Gepflogenheiten der Branche bietet das Buch des früheren Aldi-Managers Dieter Brandes, "Konsequent einfach".

"Einfach zu sein, ist das Schwierigste im Leben", lautet auch das Credo von Plus-Chef Hürter. Sein Jung-Manager Eller erträgt die straff organisierte Schlichtheit ebenso wie das Kontrolliertwerden durch seinen direkten Vorgesetzten, den "Verkaufsleiter". Schwieriger findet Eller, "mich selbst zu organisieren und zu disziplinieren". Einsteiger wie Eller würden gefordert, sagt sein Chef Hürter. "Und Fordern tut manchmal weh. Das ist kein Beruf für Leute, die sagen: Ich habe doch nicht studiert, um abends oder am Samstag Kisten zu zählen."

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