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Bielsa tritt als Nationalcoach Argentiniens ab

Argentiniens Fußball-Nationaltrainer Marcelo Bielsa hat seinem Beinamen „El Loco“ (der Verrückte) erneut alle Ehre gemacht. Nur gut zwei Wochen nach dem Gewinn des olympischen Turniers trat der 49-Jährige nach sechs Amtsjahren von seinem Posten zurück.

dpa BUENOS AIRES. Argentiniens Fußball-Nationaltrainer Marcelo Bielsa hat seinem Beinamen "El Loco" (der Verrückte) erneut alle Ehre gemacht. Nur gut zwei Wochen nach dem Gewinn des olympischen Turniers trat der 49-Jährige nach sechs Amtsjahren von seinem Posten zurück.

"Ich habe nicht mehr die Energie und die Begeisterung, die bei diesem Job nötig sind", erklärte der Mann, der Tore seines Teams meistens mit ernster Miene zur Kenntnis nimmt, auf einer Pressekonferenz in Buenos Aires. Fans, Medien und die "Szene" in Argentinien verstehen nun die (Fußball)-Welt nicht mehr. "Er bleibt unberechenbar, wie immer", schrieb die Onlineausgabe der Zeitung "Clarin".

Ganz anders als jüngst Rudi Völler und so viele andere Trainer- Kollegen geht Bielsa nämlich auf dem Höhepunkt seiner Arbeit - und weniger als zwei Jahre vor seiner großen persönlichen WM-Revanche. Mit Bielsa als Trainer waren die als Mitfavoriten gestarteten Argentinier bei der WM 2002 sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden. In den folgenden Monaten buhten und pfiffen die enttäuschten Fans Bielsa und auch die Spieler bei jeder Begegnung aus.

In diesem hatten sich die Vorzeichen aber mit Hilfe der immer häufiger eingesetzten Jungstars Carlos Tevez, Mauro Rosales, Mascherano oder dem Wolfsburger Andrés D'Alessandro umgekehrt. Trotz der Finalniederlage gegen Brasilien hatte die Mannschaft schon bei der Copa America im Juli sehenswerten Fußball gezeigt. Und bei den Olympischen Spielen in Athen bewies sie, dass man gut, schön und gleichzeitig erfolgreich spielen kann. "Bielsa geht auf dem Höhepunkt seiner Arbeit", schrieb "Clarin".

Fußball-Profi Andres D'Alessandro vom VfL Wolfsburg hat den Rücktritt von Bielsa bedauert. "Ich bin traurig, dass er gegangen ist. Aber ich akzeptiere die Entscheidung", kommentierte der Mittelfeldspieler. Nach Ansicht von D'Alessandro haben persönliche Gründe zum Rücktritt von Bielsa gut zwei Wochen nach dem Gewinn des olympischen Turniers in Athen geführt.

"Ich weiß nicht, wie es jetzt mit dem Nationalteam weitergeht. Aber ich hoffe, dass bald eine Lösung gefunden wird", erklärte der VfL-Profi. Der teuerste Wolfsburger Spieler zählte in den vergangenen Monaten unter der Regie des 49 Jahre alten Bielsa zu den Stammkräften der argentinischen Nationalmannschaft.

Bielsa bestritt, dass er wegen Differenzen mit Verbandspräsident Julio Grondona seinen Hut genommen habe. "Unterstützung hat mir nie gefehlt", beteuerte er. Er trete ruhigen Gewissens zurück, weil die Qualifikation Argentiniens für die WM 2006 in Deutschland praktisch unter Dach und Fach sei. Im südamerikanischen Qualifikationsturnier belegen die "Gauchos" mit nur einem Punkt Rückstand zu Weltmeister Brasilien den zweiten Platz. Die vier Tabellenersten qualifizieren sich direkt.

Großer Favorit auf die Nachfolge Bielsas ist Carlos Bianchi, der wohl erfolgreichste argentinische Vereinstrainer aller Zeiten. "Bianchi ist unsere Priorität, ich bin sehr optimistisch, dass das klappt", meinte Grondona. Der frühere Nationalstürmer Bianchi gewann in den vergangenen zehn Jahren mit Velez Sarsfield und Boca Juniors fünf nationale und sieben internationale Titel. Im Juli war er als Coach von Boca nach einer Final-Niederlage in der südamerikanischen Champions League gegen die Kolumbianer von Once Caldas zurück getreten. Seitdem ruht er sich nach eigenen Worten vom Fußballstress zu Hause aus. Neben Bianchi werden auch der frühere Nationalcoach Alfio Basile und der vereinslose Hector Cuper als Kandidaten gehandelt.

Nach einer farblosen Karriere als Profispieler begann Bielsa seine Trainerlaufbahn schon früh mit 33 Jahren. Er gewann in Argentinien zwei nationale Titel mit Newells und mit Velez und arbeitete auch in Mexiko und Spanien. Die Spiele verfolgte er oft kniend, auf Pressekonferenzen trieb er die Journalisten mit "philosophischen" Reden oft zur Verzweiflung. Zum Abschied äußerte er sich eher kurz, knapp und klar: "Unser Scheitern bei der WM 2002 ist meine schlimmste Erinnerung, aber eines muß man wissen: ich habe immer versucht, die argentinischen Fans zu erfreuen".

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