Bilanz-Skandale rücken Vorstandsvorsitzende ins schlechte Licht
Amerikas CEOs fallen in Ungnade

Einst waren sie die Helden der Nation. Von Schriftstellern verherrlicht, von den Medien gefeiert und den Börsianern geliebt. Ihre Arbeitgeber belohnten sie reichlich für ihre angeblich einzigartige Gabe, amerikanische Großkonzerne zu führen. Nach den Skandalen und Pleiten der jüngsten Zeit sind die Superhelden von einst mittlerweile verpönt.

Reuters WASHINGTON. Der erste Mann im Staat, US-Präsident George W. Bush, redet den Vorständen ins Gewissen und appelliert an unternehmerisches Verantwortungsgefühl. Bescheidenheit, Ethik und Moral sind in Zeiten niedriger Aktienkurse offenbar gefragter als der Glamour des vergangenen Jahrzehnts. Mit den Chief Executive Officers - wofür gemeinhin die Buchstaben CEO stehen - wird nach den jüngsten Bilanz-Skandalen in den USA nun im wahrsten Sinne des Wortes abgerechnet.

Bernard Ebbers, Kenneth Lay und Dennis Kozlowski galten einst fast als Halbgötter. Heute stehen die Namen des früheren Worldcom-CEO und seiner Ex-Kollegen von Enron und Tyco für den ruhmlosen Niedergang von bis noch vor kurzem gefeierten Börsenlieblingen und Vorzeigeunternehmen. Die Wall Street indes nahm die Vorschläge Bushs zum Vorgehen gegen Bilanzbetrüger gelassen bis kühl auf. Nur einmal unterbrachen die rund 1 000 geladenen Manager den Präsidenten, der sich von Lay einst seinen Wahlkampf mitfinanzieren ließ, am Dienstag mit Beifall. Unternehmensberater und Wissenschaftler glauben, dass sich die Topmanager der US-Wirtschaft an neue Normen werden gewöhnen müssen.

Besessen vom Gehaltsvergleich

Wer in den USA zum CEO aufgestiegen war, hatte in den vergangenen 20 Jahren auch finanziell ausgesorgt. Die CEOs kassierten nämlich mit den Jahren immer kräftiger ab. 1980 beispielsweise erhielt ein Konzernchef noch 42 Mal so viel wie ein normaler Mitarbeiter. Im Jahr 2000 waren es dann 531 Mal so viel. Während die durchschnittlichen Gehälter in den vergangenen zehn Jahren um 36 Prozent stiegen, kletterten die CEO-Gehälter um ganze 340 Prozent. Nach einer Umfrage der Unternehmensberater von Pearl Meyer & Partners betrug der durchschnittliche CEO-Lohn bei 50 Großkonzernen 10,46 Millionen Dollar.

Tom Dunfee, Vize-Dekan der Wharton School of Business an der Universität von Pennsylvania, sieht in der Gehaltsentwicklung denn auch einen Grund für die Skandale und die Probleme der Unternehmen. Die CEOs hätten sich untereinander einen harten Wettbewerb geliefert und ihre eigenen Leistungen lediglich an der Höhe der Gehaltsabrechnung gemessen. "Es war nicht so, dass sie das Geld wirklich gebraucht hätten oder auch nur gewusst hätten, wie sie es ausgeben. Es war sowohl Gier als auch Ego", stellt Dunfee fest. Da zudem noch der Großteil des Gehalts in Form von Aktienoptionen gezahlt wurde, hätten sich die CEOs nur noch für die kurzfristige Entwicklung des Aktienkurse interessiert.

Der Schriftsteller Peter Senge, der auch am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) unterrichtet, glaubt, dass der CEO-Mythos vielen Unternehmen und der Wirtschaft insgesamt geschadet hat. In "The Dance of Change - Die Überwindung der 10 Wachstumsbarrieren" beschrieb Senge die Besessenheit vom Heldentum der CEOs als eine Art kulturelle Sucht. Typischerweise habe ein CEO-Held eine strauchelnde Firma übernommen und dann die Kosten gesenkt, letzteres in der Regel durch die Entlassung von Mitarbeitern. Die auf diesem Weg erreichten Sanierungserfolge seien meist von kurzer Dauer gewesen. Der CEO habe schließlich nur noch Furcht erzeugt und sich mit Ja-Sagern umgeben, stellt Senge fest.

CEO mutiert zum Schimpfwort

Tatsächlich ist der Begriff des CEO in den USA inzwischen zu einem Schimpfwort geworden, glaubt man einer Karikatur in dem Finanzblatt "Grant's Interest Rate Observer". Da trennt eine Mutter ihre beiden sich prügelnden Söhne, und der eine Junge schreit erregt: "Er hat zuerst CEO zu mir gesagt." Mit der Verherrlichung von CEOs ist es denn wohl auch vorbei. "Wir sind an einem Wendepunkt. Ich denke nicht, dass wir nochmal zu dem Image des CEO als ultimativem Helden und Retter zurückkehren", erklärt Leslie Gaines-Ross von der Unternehmensberatungsfirma Burson-Marstellar.

Ende der 1990er Jahre neigten auch Schriftsteller wie Tami Cowden dazu, Unternehmenschefs hochzustilisieren. Cowden bezeichnete die Figur des CEO als idealen Romahelden. "Er wurde vielleicht geboren, um zu führen, oder er hat sich seinen Weg an die Spitze erkämpft, aber egal wie, er ist hart, entschieden und zielorientiert", sagte Cowden 1999. Die CEOs des neuen Jahrtausends müssten sich an Begriffe wie "Unternehmensethik" und "Verantwortung" gewöhnen, erklärt Dan Coughlin, der die in St. Louis ansässige Coughlin Company leitet, die auf das Training von Managern spezialisiert ist.

Päsident Bush, der es nach Medienberichten in seiner Zeit als Manager bei dem texanischen Energieversorger Harken Energy vor rund zehn Jahren mit den Insiderregeln wohl auch nicht ganz so genau genommen hat, appellierte denn auch an das Verantwortungsgefühl und das Gewissen der Konzern-Vorstände. "Langfristig gibt es keinen Kapitalismus ohne Gewissen, es gibt keinen Wohlstand ohne Charakter", stellte der US-Präsident - übrigens der erste mit einem betriebswirtschaftlichen Universitätsabschluss - fest.

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