Bilanzen-Krisen
Worldcom, Xerox, Martha Stewart - wer kommt als nächstes?

Die Skandale rund um die Börse nehmen bisweilen komische Züge an. Am Dienstag präsentierte Merrill Lynch den Ermittlern im Fall Martha Stewart ein Zettelchen, dass die einstige Sauberfrau Amerikas vom Verdacht des Insider-Tradings reinwaschen soll. Welche Skandale wir künftig noch erwarten müssen...

wsc NEW YORK. Auf dem Zettelchen stand handschriftlich "$ 60" und es soll die Notiz des Promi-Brokers Peter Bacanovic sein, den Martha Stewart schon lange vor dem Kurssturz der ImClone-Aktie zu einem Stop-Loss bei 60 $ angewiesen haben will.

Das Zettelchen könnte Martha Stewart retten, wenn es denn bewiese, dass sie ihr Aktienpaket an dem hoffnungsvollen Biotech-Unternehmen abgestoßen habe, bevor die Gesundheitsbehörde FDA dem Krebsmittel Erbitux die Zulassung und damit der Aktie Grund und Boden entzog. Doch das Zettelchen beweist natürlich gar nichts. Denn erstens hatten die Ermittler bei einer offiziellen Suche nach Beweismitteln bereits in der vergangenen Woche gar nichts gefunden, und das legt den Verdacht nahe, dass das Zettelchen da eben noch nicht im Ordner war, noch nicht auf dem Schreibtisch lag und wahrscheinlich eben auch noch gar nicht existierte. Und zweitens hat Douglas Faneuil, Bacanovics Assistent, bereits erklärt, es habe keine Verkaufsorder gegeben und sein Chef habe ihn gezwungen, beim Verhör zu lügen.

Die Luft bleibt also dick für die "Hausfrau der Nation". Die Aktien der Martha Stewart Living Omnimedia fallen weiter und haben mittlerweile fast 50 % an Wert verloren. Das entspricht einer Marktkapitalisierung von fast einer halben Milliarde Dollar. Dabei ging es bei Martha Stewart ursprünglich gar nicht um viel Geld, ihr Paket von 4000 Papieren war weniger als eine halbe Million wert.

Da ging es bei Enron, Kmart, Worldcom, Xerox und zuletzt Vivendi-Universal um ganz andere Summen - und doch haben die Skandale eines gemeinsam: Es geht ums Image noch mehr als um Geld. Bei Martha Stewart spielt der Vertrauensfaktor sicher eine größere Rolle als bei den Industrie- und Tech-Giganten. Die bieten Basisprodukte mit einer Grundnachfrage, Stewart verkauft Produkte aufgrund ihres Images als Sauberfrau, und damit steht ihre Zukunft auf einem wackligen Konzept.

Doch auch andere bemühen sich um psychologische Schadensbegrenzung über das Image: Worldcom zum Beispiel. Als CEO John Sidgmore in Washington zur Pressekonferenz aufs Podium trat, gab es von ihm nur einige Fakten, dafür viele warme Worte. Sidgmore gab ein Schuldeingeständnis, entschuldigte sich und versprach eine gewissenhafte Aufklärung. Zwar dürfte Anleger die Tatsache, dass Worldcom laut Sidgmore 2 Mrd. $ an Barmitteln und damit keine Liquiditätsprobleme hat, mehr wert sein, doch sind auch sie übers Image anzusprechen. Schließlich war es der smarte Bernie Ebbers, der das Unternehmen als "Sonnyboy" präsentierte und binnen weniger Jahre zum zweitgrößten Telekomanbieter der USA wachsen ließ. Wie es um Ebbers Mitwisserschaft an den jüngsten Schmierereien stand, sei nicht klar, so Sidgmore. Zunächst ist vor allem der ehemalige Finanzchef Scott Sullivan der Böse, nicht die ganze Vorstandschaft.

Auch über WorldCom hinaus hat sich das Bild geändert. Zwar sind Anleger im Großen und Ganzen immer noch verunsichert und weit davon entfernt, wieder massiv Geld in einen undurchsichtigen Aktienmarkt und Papiere von unübersichtlich verschachtelten Unternehmen zu kaufen. Doch gibt es erste Experten, die Unternehmen im Umfeld der Schuldigen frei sprechen. "Was bei WorldCom passiert ist, erschüttert mein Vertrauen in andere Unternehmen nicht. Die meisten US-Unternehmen werden von aufrichtigen Managern und Buchhaltern geführt", meint beispielsweise Barry Randall, Manager beim First American Technology Fund der U.S. Bancorp.

Einige Unternehmen gelten indes immer noch als höchst verdächtig, und Experten rechnen damit, dass noch in den nächsten Wochen zahlreiche Bilanzbomben hochgehen könnten. Denn in der nächsten Woche läuft die Ertragssaison an und die Abrechnungen der Unternehmen dürften mehr denn je durchleuchtet werden.

Howard Schilit, Präsident des Marktforschungsinstitutes "Center for Financial Research and Analysis", nennt drei Unternehmen auf die er besonders achten will: Den Netzwerker Cisco, der vor allem durch unzählige Akquisitionen zu seiner jetzt marktbeherrschenden Größe fand, hat er schon lange im Verdacht, unsauber gebucht zu haben. Der Medienriese AOL Time Warner, der schon einmal wegen Fehlbuchungen á la WorlCom Ärger mit den Bilanzprüfern hatte, ebenfalls, und weiter 3M, der Industrie-Multi, der sieben Quartale in Folge Sonderabschreibungen bilanziert und für manche Experten unzureichend begründet haben soll.

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