Bilanzmanipulationen kommen ans Tageslicht
US-Firmen greifen tief in die Trickkiste

Enron war nur der Anfang, in den USA häufen sich die Berichte über Bilanzmanipulationen. Mitte April traf es eine der Top-Adressen, Gerüchte über Bilanzmanipulationen ließen den Aktienkurs von IBM in die Knie gehen.

tor NEW YORK. Das Spektakel dauerte nichtmals einen Tag: Nach Börsenschluss teilte die Finanzaufsicht SEC mit, die Ermittlungen seien eingestellt - aus Mangel an Beweisen. Zurück blieb der bittere Nachgeschmack, dass selbst Big Blue es mit den Zahlen nicht so genau nimmt. Tatsächlich nutzte das Unternehmen einen außerordentlichen Gewinn aus dem Verkauf eines Betriebsteils, um die operativen Kosten zu drücken und den Ertrag zu steigern. Das ist nicht illegal, aber auch nicht die feine Art.

IBM ist kein Einzelfall. Seit dem Bilanzskandal des Pleite gegangenen Energiehändlers Enron werden fast täglich Unregelmäßigkeiten in den Büchern von US-Unternehmen aufgedeckt. "Dass Bilanzmanipulationen nach einem wirtschaftlichen Boom ans Licht kommen, ist nicht ungewöhnlich", sagt SEC-Bilanzwächter Charles Niemeier. Ungewöhnlich ist aber die Kreativität, mit der selbst große Firmen versuchen, Anleger hinters Licht zu führen.

So hat Enron die Möglichkeit genutzt, seinen Schuldenberg in mehreren verbundenen Partnerfirmen zu verstecken. Durch Scheingeschäfte wurden Schulden transferiert und verschwanden aus den Büchern des Energie-Konzerns. Ob das formal rechtens war, muss ein Gericht entscheiden. Vieles spricht aber dafür, dass Enron-Manager mit krimineller Energie Investoren, Beschäftigte und Öffentlichkeit getäuscht haben.

Getrickst haben auch andere Energieunternehmen. Die SEC geht dem Verdacht nach, dass mehrere Strom- und Gasanbieter ihre Umsätze durch Luftbuchungen aufgebläht haben. Dabei haben sich die Firmen offenbar gegenseitig Kapazitäten verkauft, ohne dass es für die Geschäfte eine wirtschaftliche Basis gab. Die CMS Energy Corp. hat zugegeben, dass drei Viertel oder 4,4 Mrd.$ ihres Handelsvolumens in den vergangenen zwei Jahren aus solchen Scheingeschäften bestand. Luftbuchungen gab es auch in der Telekomindustrie. Im Glauben an einen endlosen Internet-Boom baute die Branche ihre Kapazitäten im Rekordtempo aus. Als die Nachfrage ausblieb, schoben die Unternehmen ungenutzte Kapazitäten untereinander hin und her - und verbuchten das als Umsätze. Unter Verdacht stehen hier vor allem Qwest und Global Crossing.

Noch weiter verbreitet ist die Unsitte so genannter Pro-Forma-Ergebnisse. Das sind Ertragszahlen, die um angeblich außergewöhnliche Einflüsse bereinigt sind. Die Rechnung hat nur einen entscheidenden Fehler: Jedes Unternehmen kann selbst bestimmen, was außergewöhnlich ist. So kommt es zu starken Verzerrungen zwischen Pro-Forma-Zahlen und den offiziellen Kennziffern nach den Generally Accepted Accounting Principles (GAAP).

John May vom Internetdienst SmartStockInvestor.com hat ausgerechnet, dass die im Börsenindex Nasdaq 100 notierten Unternehmen in ihren Pressemitteilungen für die ersten drei Quartale 2001 einen Pro-forma-Gewinn von insgesamt 19,1 Mrd. $ vermeldet haben. Dieselben Konzerne berichteten für denselben Zeitraum an die SEC jedoch einen Verlust von insgesamt 82,3 Mrd. $. Die Investoren wurden von den Managern also um ganze 100 Mrd. $ getäuscht. Die SEC hat die Firmen zur Vorsicht gemahnt. Die Ratingagentur Standard&Poor?s versucht dem Pro-forma-Unwesen mit einer neuen Definition des "operativen Gewinns" zu begegnen. Das würde zumindest die Willkür der Buchhalter bremsen.

Quelle: Handelsblatt

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