Bilder von Lynchmorden und Jubelfeiern
Medienkrieg in Afghanistan

Mit dem Einmarsch der Nordallianz in Kabul ist auch der Medienkrieg in Afghanistan in eine neue Phase eingetreten. Die amerikanischen Fernsehstationen zeigen vor allem Bilder von jubelnden Jugendlichen und Männern, die sich ihre von den Taliban aufgezwungenen langen Bärte rasieren.

dpa KAIRO. Der arabische Sender El Dschasira aus Katar wiederholt dagegen immer wieder die Bilder von Leichen, die im Straßengraben liegen und Kämpfern der Nordallianz, die mit größter Brutalität auf unbewaffnete Araber und mutmaßliche Taliban-Sympathisanten losgehen.

"Ich habe Warnungen erhalten, dass ich schleunigst die Stadt verlassen sollte", erklärte der El Dschasira-Korrespondent Taysir Aluni, der in den vergangenen Wochen als einziger ausländischer Journalist aus Kabul berichtet hatte, am Mittwoch in einem Telefoninterview aus der afghanischen Provinz Paktia. Auf die Frage, ob er bei seiner Flucht in Lebensgefahr gewesen sei, sagte er, "in sehr großer Gefahr". Er sei durch das, was er in den vergangenen drei Nächten gesehen habe, so traumatisiert, dass er die schrecklichen Ereignisse nicht beschreiben könne, meinte Aluni. Aus seiner Stimme klang Angst.

Auch Journalisten, die mit den Kämpfern der Nordallianz in die afghanische Hauptstadt eingezogen waren, berichten von einer regelrechten Jagd auf arabische Kollegen. Offenbar steht für die Nordallianz jeder Araber in Kabul im Verdacht, ein Anhänger des saudischen Terroristenführers Osama bin Laden und der Taliban zu sein.

Von der Zerstörung des El Dschasira-Büros in Kabul in der Nacht zum Dienstag hat Aluni nach eigenen Angaben nur von Kollegen erfahren, da er selbst eilig aus der Stadt fliehen musste. Nur Minuten nachdem er und sein Kamerateam das Büro verlassen hätten, habe ein US-Flugzeug das Gebäude bombardiert, sagte er. Ob es sich dabei um einen gezielten Angriff handelte, der kritische Berichte über mögliche Racheakte der Nordallianz verhindern sollte, oder um ein Versehen, darüber wollte der Journalist nicht spekulieren. "Taysir, wir alle sind froh, deine Stimme zu hören", sagte der El Dschasira-Moderator aus Katar zu seinem Kollegen, über dessen Schicksal zwei Tage lang nichts bekannt war.

Am Mittwoch hat schließlich auch der Korrespondent von El Dschasira in der Taliban-Hochburg Kandahar aus Sicherheitsgründen seinen Posten verlassen. Er meldete sich am Nachmittag erstmals aus Pakistan. Jussif el Schulli hatte in den Wochen zuvor stets mehr oder weniger unbehelligt von den Taliban aus Kandahar berichten können.

Nach Einschätzung von Beobachtern ließen ihn die Fundamentalisten möglicherweise auch deshalb in Ruhe, weil der 1996 vom Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa el Thani, gegründete Nachrichtensender El Dschasira nach den Anschlägen vom 11. September mehrere Video-Botschaften von Bin Ladens Terrororganisation El Kaida und Interviews mit Taliban-Führern in voller Länge ausgestrahlt hatte. Die Politik des Senders, Nachrichten grundsätzlich nicht selbst zu kommentieren und allen Parteien eines Konflikts die gleiche Möglichkeit zur Meinungsäußerung zu geben, war in Washington in den vergangenen Wochen scharf kritisiert worden.

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