Bildung einer Notstandsregierung angekündigt
Israel setzt Luftangriffe fort

Israel hat seine Luftangriffe auf Ziele in den Palästinensergebieten in der Nacht zum Freitag fortgesetzt. Israels Regierungschef Ehud Barak kündigte die Bildung einer Notstandsregierung an und forderte die oppositionelle Likud-Partei des rechtsgerichteten Politikers Ariel Scharon zur Beteiligung auf. US-Präsident Bill Clinton sagte wegen der explosiven Lage im Nahen Osten alle Termine ab. Er rief Israel und die Palästinenser zum sofortigen Waffenstillstand auf. Die Europäische Union warnte vor einem "Flächenbrand" im Nahen Osten.

dpa-afx/ap JERUSALEM/JERICHO. Zu einer Schießerei kam es am Freitagmorgen in der Stadt Hebron. In Salfit bei Nablus wurden bewaffnete Palästinenser aus der Luft angegriffen. Militante Palästinenser setzten eine alte Synagoge in Jericho in Brand. Kampfhubschrauber beschossen daraufhin eine palästinensische Polizeischule in Jericho. Vor Ramallah verstärkten die israelischen Streitkräfte ihre Truppen, und Panzer gingen in Stellung. Die Autonomiebehörde ließ hunderte von Gefangenen frei, unter ihnen viele Extremisten. Der israelische Ministerpräsident Ehud Barak verurteilte dies als "schwerwiegenden Akt, der die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen erhöht".

Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef äußerte sich besorgt über die hohe Zahl von minderjährigen Todesopfern bei den Zusammenstößen in den palästinensischen Gebieten. In den vergangenen Tagen seien 27 Kinder getötet worden, erklärte die Organisation am Donnerstag in New York. Mehr als 1 200 Minderjährige seien verletzt worden. Bei den meisten Opfern habe es sich um Palästinenser gehandelt.

Ein israelischer Armeesprecher sagte, die Angriffe auf Jericho in der Nacht seien die Vergeltung für einen Brandanschlag auf eine Synagoge am Rande der Stadt. Nach Zeugenberichten griffen rund 100 palästinensische Jugendliche das Gebetshaus an, wurden aber von der Palästinenserpolizei in Schach gehalten. Mehrere Molotowcocktails trafen den Eingangsbereich der Synagoge, sie konnten gelöscht werden. Bei dem anschließenden Raketenangriff auf Jericho wurde die Polizeischule beschädigt, verletzt wurde niemand. Mehrere Stunden, nachdem die israelische Regierung das vorläufige Ende der Militäraktionen verkündet hatte, griffen Kampfhubschrauber in der Nacht zudem Nablus im Westjordanland und die geteilte Stadt Hebron an.

Barak will mit rechtsgerichteter Likud-Partei paktieren

Barak forderte die oppositionelle Likud-Partei des rechtsgerichteten Politikers Scharon zur Regierungsbeteiligung auf. Bereits zuvor hatte er die Bildung einer Notstandsregierung binnen weniger Tage angekündigt. Vor Journalisten in Tel Aviv sagte Barak, jetzt sei "die Stunde der Einheit". "Schwierige Zeiten" stünden bevor. Dem US-Nachrichtensender " CNN " sagte Barak, wenn "der Frieden tot" sei, sei die Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit die logische Konsequenz. Befürchtungen, Scharons rechte Likud-Partei behindere einen Friedensschluss mit den Palästinensern, wies er zurück. Scharons Besuch auf dem Jerusalemer Tempelberg vor zwei Wochen hatte die Gewalt in der Region ausgelöst.

Schweden macht Israel für Eskalation verantwortlich

Die schwedische Regierung machte vor allem Israel für den massiven Ausbruch von Gewalt im Nahost-Konflikt verantwortlich. Außenministerin Anna Lindh sagte am Freitag vom EU-Gipfel in Biarritz aus in einem Rundfunkinterview: "Es ist offensichtlich, dass Israel denn größten Teil der Verantwortung für die Anwendung militärischer Gewalt hat." Sie forderte die israelische Regierung zur sofortigen Einstellung aller militärischen Aktionen in den palästinensischen Gebieten auf.

Barak bekräftigte im "CNN"-Interview, Israel wolle weiterhin Frieden mit den Palästinensern schließen: "Das palästinensische Volk ist für immer unser Nachbar. Wir werden nie die Hoffnung aufgeben, Frieden mit ihm zu schließen." Er warf Palästinenserpräsident Jassir Arafat vor, mit der Freilassung von Häftlingen der radikalislamischen Hamas-Bewegung neue Terrorakte heraufzubeschwören. Arafat sei derzeit kein Partner für einen Friedensschluss. Für die Eskalation der Gewalt seien allein die Palästinenser verantwortlich; Israel reagiere lediglich auf "Provokationen" und verteidige sich.

Kriegsähnliche Zustände nach dem Lynchmord

Bereits am Donnerstag hatte die israelische Armee Ziele in den Palästinensergebieten beschossen. Dabei wurden nach Krankenhausangaben 36 Menschen verletzt. Während Israel von einer "begrenzten Aktion" als "symbolische Warnung" nach dem Lynchmord an drei israelischen Soldaten sprach, bezeichnete Palästinenserpräsident Jassir Arafat die Angriffe nach Angaben eines Ministers als "Krieg". In Gaza-Stadt demonstrierten am Abend tausende Palästinenser gegen die Luftangriffe und riefen zum "Widerstand gegen Israel" auf. Die radikalislamische libanesische Hisbollah-Miliz rief die arabischen Länder zur Grenzöffnung auf, damit Araber ungehindert in den "heiligen Krieg" in den Palästinensergebieten ziehen könnten.



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