Bildungspolitik
Kommentar: Wir brauchen mehr Ehrgeiz

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Man "muss es wissen wollen", wenn man etwas ändern will. Dieser Weisheit folgten die Kultusminister, als sie vor Jahren beschlossen, sich dem internationalen Leistungsvergleich Pisa zu stellen. Gewiss, wie Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft und zweitgrößte Handelsnation der Welt und erklärte Bildungsnation im Pisa-Benchmarking auf die Plätze verwiesen wurde, ist beschämend. Aber der Studie ist zu verdanken, dass Bildung nun da steht, wo sie hingehört: im Mittelpunkt. Und viel deutet darauf hin, dass sich nun tatsächlich etwas bewegt.

Wissen und Bildung werden zunehmend zur bestimmenden Antriebskraft von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie entscheiden über die Teilhabechancen des Einzelnen in der Gesellschaft und seine Beschäftigungsfähigkeit. Der Bildungsstand in der Bevölkerung gehört zu den wichtigsten Einflussgrößen des Wirtschaftswachstums - nach Untersuchungen der OECD ähnlich relevant wie etwa Handelsliberalisierung oder Geldwertstabilität.

Natürlich ist Bildung weit mehr als ein volkswirtschaftlicher Produktionsfaktor. Trotzdem muss man sie auch ganz nüchtern als ökonomische Größe, als zentralen Standortfaktor anerkennen und behandeln. In der Wissensgesellschaft gilt das mehr als je zuvor - zumal das rohstoffarme Deutschland in besonderem Maße auf das "Kapital der Köpfe" angewiesen ist.

Das hat nichts mit Entzauberung eines Bildungsideals zu tun, sondern ist Teil gesellschaftlicher Verantwortung. Denn die Sicherung unserer wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit, unserer technologischen Leistungsfähigkeit, ist die Voraussetzung, um auch die vielen anderen Früchte der Bildung ernten zu können. Wir müssen die Ressource Bildung im Sinne von Ausbildung und - immer mehr - lebenslanger Weiterbildung effizient nutzen.

Seit ein paar Tagen haben wir nun schwarz auf weiß, in welch hohem Maße Bildung auch ein Standortfaktor innerhalb unseres Landes ist. Das Leistungsgefälle zwischen den Bundesländern ist gravierend. Eine Reihe von Ländern hat gezeigt, zu was falscher guter Wille führen kann. Ein Kind, das von Bremen nach Bayern zieht, hat mitunter ein bis zwei Jahre Rückstand zu seinen neuen Mitschülern. Natürlich hätte es unserer geschundenen Pisa-Seele gut getan, wenn wenigstens einige Bundesländer internationales Spitzenniveau hätten - aber weit gefehlt. Die Vorbilder für die Bildungsoffensive sind im Wesentlichen außerhalb unserer Grenzen zu finden.

Allerdings sind nicht nur die mangelnden Fähigkeiten unserer Schüler im Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften untragbar. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass knapp zehn Prozent eines Jahrgangs die allgemein bildenden Schulen zunächst ohne Abschluss verlassen. Wir können uns den Luxus gigantischer Studienabbrecherquoten nicht leisten. Und es ist nicht vertretbar, dass unsere Hochschulabsolventen im Schnitt sage und schreibe 29 Jahre alt sind.

Wir müssen in Deutschland zu einem neuen Leistungs- und Verantwortungsbewusstsein kommen. Auch die Selbstverantwortung des Einzelnen wird dabei eine völlig neue Rolle spielen. Von einer "Kultur der Anstrengung" ist die Rede, und das trifft den Nagel auf den Kopf. Gefragt ist ein neuer Ehrgeiz, wieder zu den Besten zu gehören. Wir haben doch das Potenzial!

Für die Schulen sind dazu vor allem verbindliche, länderübergreifende Leistungs- und Qualitätsstandards zu fordern, eine ganz neue Art der Qualitätsentwicklung. Jetzt ist die Zeit für Sternstunden des Föderalismus! Richtig genutzt, fördert unser föderales System nicht nur Vielfalt, sondern auch echten Wettbewerb und damit Qualität. Wir sollten auf dieses Instrument nicht verzichten. Es gibt keinen Anlass zu glauben, der Bund könnte es zentral besser richten. Auf ein gemeinsames Standortbewusstsein der Länder kommt es an!

Eines der wichtigsten Ziele ist es, schwächere Schüler deutlich besser zu fördern. Nicht minder notwendig ist eine flächendeckende, nicht nur modellhafte Förderung von Hochbegabten. Das Hochtechnologieland Deutschland ist auf Spitzenbegabungen in Wirtschaft und Wissenschaft angewiesen. Wir brauchen buchstäblich jeden. Denn Deutschland ist nicht nur ein rohstoffarmes, sondern bekanntermaßen auch ein nachwuchsarmes Land. Die demographische Entwicklung zwingt uns zu schnellem Handeln. Was für viele Menschen unbegreiflich ist, ist für viele Unternehmer tägliche Sorge: Wir haben vier Millionen Arbeitslose und doch einen erheblichen Fachkräftemangel. Vor allem die innovativen, wissensintensiven Forschungs- und Wirtschaftsbereiche - die Garanten unserer Zukunftsfähigkeit - sind betroffen.

Wird nicht gegengesteuert, droht in wenigen Jahren eine deutliche Verschärfung des Fachkräftemangels. Dann werden ihn auch diejenigen spüren, die die Probleme heute noch als Kassandrarufe abtun. Es ist zudem bekannt, dass wir im internationalen Vergleich mehr junge Menschen brauchen, die sich für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer begeistern und in diese Richtung ihren beruflichen Lebensweg einschlagen.

"Bildungsoffensive" heißt, ein flexibles, am modernen Arbeitsmarkt orientiertes Bildungssystem zu schaffen, das die Menschen bestmöglich auf die gewandelten Qualifikationserfordernisse vorbereitet. Wettbewerbsfähiger werden wir nur, wenn wir selbst die Möglichkeiten des Wettbewerbs nutzen und den Bildungseinrichtungen mehr Eigenverantwortung übertragen. "Freiheit wagen" lautet die Devise.

Geben wir doch zum Beispiel der einzelnen Schule ein Budget, das sie eigenständig verwalten kann und mit dem sie ihr Profil gestaltet bis hin zu Zulagen für gute Lehrer. Wir brauchen Bildungsziele, aber eine Vielfalt innovativer Wege, diese Ziele zu erreichen. Geben wir doch endlich den Eltern das Recht, die Schule ihrer Kinder - natürlich gemäß deren Fähigkeiten - frei zu wählen.

Im Hochschulbereich müssen wir funktionierende "Bildungsmärkte" schaffen, die sich über Wettbewerb regulieren, mit autonomen Hochschulen als Akteure auf diesem Markt. Trotz einiger Fortschritte ist die Alma Mater von heute immer noch eine vorwiegend staatlich regulierte Quasi-Behörde, nicht ein "Wissensunternehmen". Die Hochschulen brauchen mehr Entscheidungsbefugnisse in Finanz- und Personalfragen und das Recht, sich ein eigenes Profil zu geben.

Die Auswahl der Studierenden gehört genauso dazu wie die Möglichkeit, Studiengebühren zu erheben.

Wer zahlt, begreift das Studium stärker als Investition. Wer zahlt, kann mehr Leistung in der Lehre erwarten. Wer zahlt, steuert Angebot und Qualität mit. Wir wissen längst, dass Studiengebühren auch ein Gebot sozialer Gerechtigkeit sind. Selbstverständlich ist: Wir brauchen flankierende Maßnahmen für die, die nicht zahlen können. Das von oben auferlegte Gebührenverbot der Bildungsministerin ist das völlig falsche Signal.

Wir brauchen eine Bildungspolitik ohne Illusionen, aber mit Visionen. Mit Bildung unseren Standort zukunftsfest zu machen ist nur eine Seite der Medaille. Wir wollen auch als Bildungsstandort für qualifizierte junge Menschen aus aller Welt attraktiv sein.

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