Billig zu sein ist Firmenphilosophie
Im Reich des blauen Riesen

Amerika war schon immer etwas anders. Und das gilt besonders für Wal Mart. Die Hauptversammlung des Einzelhandelsriesen ist für die Aktionäre nicht der Tag der Abrechnung, sondern eine Riesenparty. Beginn: 7 Uhr.

FAYETTVILLE. Alfred Biveiken kann kaum glauben, was er eben erlebt hat. "Das war einfach überwältigend", schwärmt der junge Mann mit Schnäuzer und Strubbelhaaren, als er die Bud-Walton-Arena verlässt. Zu Hause in Jever leitet Biveiken einen Wal-Mart-Supermarkt, und deshalb ist er gemeinsam mit mehr als 100 anderen Filialleitern ins 7 500 Kilometer entfernte Fayettville im US-Bundesstaat Arkansas gereist. Am vergangenen Donnerstag waren sie bei dem Ereignis, von dem so viele im Unternehmen schwärmen: der Wal-Mart-Hauptversammlung.

Hier spielt sich jeden Frühsommer höchst Ungewöhnliches ab. Während die meisten Konzerne in den USA Hauptversammlungen so klein wie möglich halten, lädt Supermarktgigant Wal-Mart zu einer riesigen Party.

Schon ab sechs Uhr morgens füllt sich der Parkplatz der von der Familie des Unternehmensgründers Samuel Walton gestifteten Sportarena. Rund 15 000 Aktionäre und Mitarbeiter - die meisten von ihnen halten Wal-Mart-Aktien - strömen in die Halle, Wal-Mart-Rockmusik aus den Lautsprechern feiert die Firma als zweites Zuhause ("This is my home away from home"). Alle wollen dabei sein, wenn die Top-Manager die Versammlung pünktlich um sieben mit dem "Wal-Mart-Cheer" eröffnen.

"Give me a W", ruft Vorstandsmitglied Tom Coughlin wie ein Cheerleader beim Football-Spiel. "Dabbelju" brüllen ihm Tausende Fans entgegen. "Give me an A", "A". Die Menge buchstabiert den Firmennamen durch, steigert sich dabei in Ekstase und geht für das Sternchen zwischen Wal und Mart sogar mit einem Hüftschwung in die Knie. "Wessen Wal-Mart ist es?", schreit Coughlin ins Mikrofon. "Mein Wal-Mart", schallt es ihm entgegen. "Wer ist die Nummer eins?" "Der Kunde, immer. WHOOMP!". Und beim Whoomp ziehen 15 000 Menschen ihren rechten Ellbogen zum linken Knie. So wie es täglich die 1,4 Millionen Wal-Mart-Mitarbeiter zum Arbeitsbeginn tun, egal ob in China, Mexiko oder Argentinien.

245 Milliarden Dollar hat der Einzelhändler 2002 eingenommen, mehr als jedes andere US-Unternehmen. Und keiner der Manager lässt Zweifel daran, dass der Konzern, der vor 41 Jahren mit 16 kleinen Supermärkten in Arkansas, Missouri und Kansas begann, weiterwachsen will. "Ein Mitarbeiter hat mir einmal gesagt: Schade, dass ich erst jetzt komme, wo die beste Zeit vorbei ist. Das war 1982. Sehen Sie sich an, wo wir heute sind", schwärmt Gründersohn und Aufsichtsratschef Rob Walton. Deutschland, wo Wal-Mart sich gegen die Konkurrenz von Billig-Anbietern wie Aldi schwer tut, ist eine Ausnahme.

Längst ist Wal-Mart ein globalisierter Konzern, und der für das internationale Geschäft verantwortliche John Menzer zeigt den Aktionären, wie die Firma davon profitiert: "Ich trage heute 100 Prozent Wal-Mart", verkündet der Manager, dessen schmale Statur ihn kaum zum Model qualifiziert. Das Hemd aus Mexiko für 16,17 Dollar, der Gürtel aus Kanada für 7,16 Dollar, die Unterhose aus Deutschland für 1,43 Dollar: Menzer hat sich bei Wal-Mart für weniger als 100 Dollar eingekleidet. Tosender Beifall des Publikums.

Billig zu sein ist hier Firmenphilosophie. Jeden Tag niedrige Preise - Wal-Mart ist der amerikanische Aldi, nur netter präsentiert. Auch die Mitarbeiter schauen auf den Cent. Manager rühmen sich, auf Geschäftsreisen 49-Dollar-Zimmer zu teilen. Die Konzernzentrale ist eine ehemalige Lagerhalle, in der auch die Chefs nur in winzigen Zimmern herrschen. Gründer Samuel Walton fuhr einen zerbeulten Ford-Truck. Der neue Chef Lee Scott begnügt sich mit einem Beetle.

Auch die Aktionäre unterhält der Konzern zwar mit Topstars: Der Country-Musiker Joe Nichels singt die Nationalhymne, und die fünffach mit einem Grammy ausgezeichnete Sängerin Amy Grant präsentiert erstmals ihre neue CD. Aber als einer der größten Musikverkäufer wird Wal-Mart wohl nicht viel für die Auftritte zahlen.

Die Macht gegenüber den Zulieferern ist in der Unternehmenszentrale in Bentonville unübersehbar. 200 Unternehmen haben hier - etwa 20 Minuten Fahrzeit von der Sportarena entfernt - Büros eröffnet. Sie wollen immer in Reichweite sein, wenn der Großkunde ruft.

Aber in Zeiten von Bilanzskandalen bleibt auch Wal-Mart auf der Hauptversammlung nicht ganz von Kritik verschont: Vertreter verschiedener Investmentfonds fordern mehr unabhängige Mitglieder im Aufsichtsrat und kritisieren die Aktienoptionspläne für das Management. Eine Mehrheit für ihre Vorschläge finden sie jedoch nicht.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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