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Bin Laden darf auf den Elvis-Effekt hoffen

Womöglich wird der Terroristenchef niemals aufgespürt, weder tot noch lebendig, befürchten seine Verfolger. Bin Laden wäre es wohl recht - seine Anhänger würden ihn ewig leben lassen.

dpa WASHINGTON. Wenn es um Balsam für die terrorgeplagte Seele des amerikanischen Volkes geht, läuft US-Präsident George W. Bush mit kämpferischen Reden zu Höchstform auf und gibt sich siegesgewiss. Mit markigen Worten verspricht er, die Terroristen, die Washington für die mehr als 3000 Toten am 11. September in New York und Washington verantwortlich macht, "auszuräuchern" und zur Strecke zu bringen. "Sie verstecken sich in Bunkern. Doch einen nach dem anderen werden wir sie finden." Hinter den Kulissen macht sich in Washington jedoch Skepsis breit, ob den Amerikanern die größte Siegestrophäe im Anti- Terror-Kampf, Osama bin Laden, tot oder lebendig, je präsentiert werden kann.

Die Amerikaner setzen alles daran, eine Flucht des Terroristenchefs aus Afghanistan zu verhindern. Mit der Einkesselung der letzten El-Kaida-Zellen im Höhlen- und Tunnelsystem um Tora Bora glauben sie, die Fluchtmöglichkeiten entscheidend eingeschränkt zu haben. Dennoch ist noch längst nicht sicher, dass es zum letzten Showdown mit bin Laden kommt. Der Terrorchef soll seine engsten Weggefährten angewiesen haben, ihn in auswegloser Situation zu töten. Die Leiche, glauben amerikanische Beobachter, würde nie gefunden.

"Tot oder vor Gericht - sonst hätten wir versagt"

"Bin Laden ist sehr clever, er wird sich gut überlegen, wie er auch von einer ausweglosen Situation noch profitieren kann", meint Ivan Eland vom Cato-Institut, einer Washingtoner "Denkfabrik". "Wenn seine Vertrauten ihn töten und die Leiche verschwinden lassen, würde die Welt sich ewig fragen: Wann schlägt er wieder zu? Das wäre die ultimative Terrorwaffe." Eland spricht vom Elvis-Effekt, in Anlehnung an die Elvis Presley-Fanbewegung, die sich mit dem Tod des Sängers nie abfand. Noch heute behaupten einige, den 1977 Gestorbenen irgendwo gesehen zu haben.

"Die Mythologie um Osama bin Laden wäre einfacher aufrecht zu erhalten, wenn er nicht vor einem Gericht endet oder offensichtlich getötet wird", sagt der Politikwissenschaftler Gary Bertsch von der Universität in Georgia. "Das Szenario, dass bin Laden einfach von der Erdoberfläche verschwindet und unklar bleibt, ob er tot oder lebendig ist, sollte niemand von der Hand weisen."

Die Pentagon-Strategen seien sich dessen durchaus bewusst, sagt Bertsch. Dennoch geben sich Bush, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Afghanistan- Krieg, Tommy Franks, überzeugt, dass auch bin Laden zur Rechenschaft gezogen werden wird. Im Krieg gelte es, die Truppen und das Volk mit Siegesgewissheit bei der Stange zu halten, sagt Eland. Die erfolglose Suche nach bin Laden wäre psychologisch für die Amerikaner eine Niederlage. "Sie müssen ihn töten oder vor Gericht bringen, alles andere würde als Versagen angesehen", meint Eland.

Verfahren gegen bin Laden "wäre ein Albtraum"

Dem widerspricht Professor Michael O'Hanlon vom Brookings- Institut. "Es ist nicht absolut notwendig, bin Laden in die Hände zu bekommen", sagt er. "Unser Wunsch nach Genugtuung und der symbolische Sieg, ihn zu kriegen, sind weniger wichtig als das überragende Ziel, den Terrorismus auszurotten." Dass das gelingt, steht für O'Hanlon außer Frage.

So oder so bereitet eine mögliche Gefangennahme Osama bin Ladens in Washington Kopfzerbrechen. "Den Mann lebend zu fangen, würde die Dinge auch nicht einfacher machen", sagt Bertsch. Dem Terrorführer den Prozess zu machen, wäre ein Albtraum. Vergeltungsschläge von tausenden Sympathisanten in aller Welt könnten die Amerikaner auf Jahre hinaus in der Terrorzange halten. Ohnehin glaubt in den USA kaum einer, dass der Terrorchef seinen Verfolgern tatsächlich lebend in die Hände fallen könnte.

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