Bin Laden hat Angriffe überlebt
Bombardierungswelle auf Afghanistan rollt pausenlos

Die US-Angriffe auf Ziele in Afghanistan haben am frühen Montagmorgen (Ortszeit) angedauert. Die Luftabwehr sei wieder im Einsatz, berichteten Bewohner der afghanischen Hauptstadt gegen 3.30 Uhr Ortszeit (1 Uhr MESZ). Es war bereits das dritte Mal innerhalb weniger Stunden, dass die Geschütze in Aktion traten. Die USA und Großbritannien hatten zuvor den Bereich des Flughafens von Kabul in zwei Angriffswellen bombardiert. Dies meldete die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP. Ein Korrespondent des Nachrichtensenders n-tv wollte in Washington erfahren haben, dass die Angriffe pausenlos noch die ganze Nacht andauern sollen.

HB WASHINGTON/DUBAI. Während eines Interviews mit dem Taliban-Außenminister Mohammed Qasim Halimi in Kabul waren laute Explosionen zu hören. Der Minister ging in Deckung und verschwand aus dem Bild. Der arabische TV-Sender "Al-Dschasira" zeigte Live-Bilder vom Abwehrfeuer der Taliban. Augenzeugen berichteten am frühen Montagmorgen (Ortszeit) von einer schweren Explosion, nachdem ein Kampfflugzeug über Kabul flog. Der Angriff habe offenbar dem Flughafen gegolten und sei stärker als vorherige Explosionen am frühen Abend gewesen.

Die Detonationen hätten sich in der Umgebung des Flughafens ereignet, bestätigte ein Augenzeuge in der Nacht zu Montag. "Die Explosionen waren im Norden von Kabul sehr stark und der Strom ist wieder ausgefallen", sagte er. "Ich habe das Donnern der Flugzeuge über Kabul gehört." Ein Sprecher des Außenministeriums der in Afghanistan regierenden Taliban sagte dem Fernsehsender El Dschaseera, die Angriffe seien fortgesetzt worden. Ein Journalist des Senders sagte, die afghanische Luftabwehr feuere auf Ziele.

Einwohner rebellieren gegen die Taliban

In der südwestafghanischen Stadt Sarandsch brachen der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA zufolge nach dem Beginn der Luftangriffe Kämpfe zwischen Einwohnern und den Taliban aus. Etwa 150 Afghanen hätten beschlossen, die Taliban aus der Stadt zu treiben, meldete IRNA unter Berufung auf afghanische Kreise. Ein Kommandeur der afghanischen Opposition, Hadschi Karim Barahuei, sei aus der nahelegenen iranischen Stadt Sahedan in die Region unterwegs.

Die Aktionen gingen weiter, hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zuvor gut drei Stunden nach Beginn der Angriffe in Washington gesagt. Ziel war es nach Angaben von Rumsfeld, die Lufthoheit über Afghanistan zu erobern und so den Weg für weitere umfassende Angriffe freizumachen. Die ersten Angriffe richteten sich den Angaben zufolge vor allem gegen Luftabwehrstellungen und Flugzeuge der Taliban. Es könne noch nichts über den Erfolg der Operation gesagt werden. Zugleich betonte Rumsfeld, dass seinem Ministerium zunächst keine Verluste der US-Luftwaffe gemeldet wurden. "Wir haben keine Informationen darüber, dass amerikanische Flugzeuge beschädigt oder abgeschossen wurden."

Die Taliban erklärten ihrerseits, sie hätten ein Flugzeug im Süden des Landes abgeschossen. "Wir haben ein Flugzeug abgeschossen", sagte Vize-Verteidigungsminister Mullah Nur Ali im arabischen Fernsehen.

Am Sonntag um 18.27 Uhr MESZ schlugen die USA zurück

Die USA und Großbritannien hatten am Sonntag um 18.27 Uhr MESZ fast einen Monat nach den Anschlägen von New York und Washington mit massiven Vergeltungsangriffen gegen Afghanistan begonnen. Bei den Angriffen auf Positionen der Taliban-Regierung und der Organisation des Islamisten Osama bin Laden, El Kaida, wurden nach US-Angaben Marschflugkörper, Kampfflugzeuge und Bomber eingesetzt. Augenzeugen berichteten von zwei Angriffswellen gegen Ziele in Kabul, Kandahar und Dschalalabad. US-Präsident George W. Bush sagte, die Angriffe würden "unablässig, umfassend und unerbittlich" sein.

Bush informierte die Führer der wichtigsten NATO-Staaten sowie den russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonisch über den Beginn der Aktion. Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, er unterstütze die Angriffe auf "terroristische Ziele in Afghanistan ohne Vorbehalte". Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte, es seien keine deutschen Soldaten beteiligt gewesen. Deutschland werde jedoch einen Beitrag leisten, wenn dieser gefordert werde und möglich sei.

Zweite Angriffswelle heftiger als die erste

Augenzeugen berichteten aus Kabul, mindestens vier Raketen oder Bomben seien in der Nähe des Verteidigungsministeriums eingeschlagen. "Ich konnte die Flugzeuge hören, und danach gab es mindestens vier laute Explosionen", berichtete ein Zeuge. Über der Stadt hänge eine gewaltige Rauchwolke. Die zweite Angriffswelle am Abend war CNN zufolge noch stärker als die erste. Augenzeugen berichteten, zwei Angriffswellen seien gegen eine große Kommandobasis auf den Flughafen in der südafghanischen Stadt Kandahar geflogen worden. Aus Taliban-Kreisen verlautete, das Flughafengebäude sei getroffen worden, die Rollbahn sei nicht beschädigt worden.

Bush sagte in Washington, Großbritannien sei an den Angriffen beteiligt. Deutschland, Frankreich, Kanada und Australien hätten zugesagt, im Verlauf des Einsatzes Kräfte zur Verfügung zu stellen. "Jetzt werden die Taliban einen Preis bezahlen. Mit der Zerstörung von Lagern und der Unterbrechung der Kommunikation werden wir es für das Terrornetz schwieriger machen, neue Rekruten auszubilden und ihre bösen Pläne zu koordinieren." Die Einsätze hätten das Ziel, dass von Afghanistan keine terroristischen Einsätze mehr geführt werden könnten. Zudem sollten die militärischen Fähigkeiten der Taliban zerstört werden. Bush sagte, Bin Laden, den die USA als Hintermann der Anschläge vom 11. September betrachten, solle aus seinem Versteck geholt und der Gerechtigkeit zugeführt werden.

Die Rede von US-Präsident George Bush im Wortlaut

Die Angriffe wurden laut Pentagon von US- und britischen Flugzeugen, Schiffen und U-Booten aus geführt. Ein ranghoher Vertreter der US-Armee sagte, allein in der ersten Angriffswelle seien 15 Bomber, darunter Tarnkappenbomber, 25 Kampfflugzeuge und 50 Marschflugkörper eingesetzt worden. Der britische Premierminister Tony Blair sagte, auch von britischen U-Booten seien Raketen auf Afghanistan abgefeuert worden. Es werde alles unternommen, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, Ziel der Angriffe sei zunächst, die Luftabwehr der Taliban auszuschalten und das militärische Kräfteverhältnis zu Gunsten der oppositionellen Nordallianz zu verändern. Die Nordallianz berichtete, sie habe Stellungen der Taliban an der Frontlinie 40 Kilometer nördlich von Kabul angegriffen.

Bin Laden hat Angriffe offenbar überlebt

Nach Angaben der Taliban überlebte Bin Laden die erste Angriffswelle. Auch der Anführer der Taliban, Mullah Mohammad Omar, sei am Leben, sagte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salam Saeef. Bin Laden drohte den USA, sie würden nicht in Frieden leben, bevor nicht Frieden in Palästina herrsche. In den vom Fernsehsender El Dschaseera am Sonntag ausgestrahlten Aufnahmen sagte er: "Amerika ist voller Horror vom Norden bis zum Süden und vom Osten bis zum Westen." Bin Laden äußerte sich darin erstmals öffentlich zu den Anschlägen in den USA. Er sagte, Gott habe eine Gruppe der moslemischen Avantgarde gesegnet, Amerika zu zerstören."Gott segne sie und gebe ihnen einen Platz im Himmel", sagte Bin Laden.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte derweil in Berlin, Deutschland und Frankreich würden im weiteren Verlauf des Militäreinsatzes einen Beitrag leisten, wenn dies konkret angefordert werde und möglich sei. Bush hatte Schröder vor Beginn der Angriffe nach Darstellung der Bundesregierung unterrichtet. Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen war zuvor mit der Bundesregierung auch über die Verwendung von AWACS-Aufklärungsflugzeugen der NATO gesprochen worden, in denen auch deutsche Soldaten Dienst tun. Die deutschen Sicherheitsbehörden wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Selbstmordattentäter hatten in den USA am 11. September vier Passierflugzeuge entführt. Zwei Maschinen lenkten sie in das World Trade Center in New York und eine auf das Verteidigungsministerium in Washington. Das vierte Flugzeug stürzte nahe Pittsburgh auf freiem Feld ab. Bei den Angriffen sind vermutlich fast 5600 Menschen getötet worden.

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