Bin Laden vermutlich noch im Land
Mögliche Angriffsziele in Afghanistan

Niemand weiß, ob der angedrohte Krieg der USA mit Marschflugkörpern von Kriegsschiffen, Bomben aus Kampfflugzeugen oder einem schnellen Vorstoß von Spezialtruppen beginnt. Dies wird sich auch danach richten, ob zunächst nur Stützpunkte des mutmaßlichen Terroristenführers Osama Bin Laden, oder auch Einrichtungen der Taliban-Miliz zu den Angriffszielen gehören.

ap WASHINGTON. Ein Krieg gegen die Taliban ist mit keinem früheren Einsatz der US-Streitkräfte vergleichbar. Aber zumindest bietet er mehr "hochwertige Ziele" - wie es Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nennt - als das schattenhafte Netzwerk von Osama Bin Laden, dessen Auflösung Präsident George W. Bush angekündigt hat. Der genaue Aufenthaltsort Bin Ladens ist offenbar unbekannt. Die US-Regierung geht aber davon aus, dass er sich nach wie vor irgendwo in Afghanistan versteckt hält. Um ihn wirklich zu finden, müsste man jedoch auf einer Fläche von 512 000 Quadratkilometern jeden Stein umdrehen, meint ein Veteran des gescheiterten sowjetischen Afghanistan-Kriegs, General Ruslan Auschew. Immerhin kennen die USA bereits einige Verstecke Bin Ladens.

1998 wurden 70 "Tomahawk"-Marschflugkörper auf zwei Stützpunkte mit den Bezeichnungen Al Bader I und Al Bader II abgefeuert. Diese liegen südlich der Hauptstadt Kabul in der ostafghanischen Provinz Paktia, in der Nähe der Stadt Chost. Bin Laden wurde damals nicht getroffen, die Stützpunkte wurden kaum beschädigt. Ein dritter Bin-Laden-Stützpunkt nicht weit entfernt war das Hauptquartier des jetzt auf Seiten der Taliban stehenden Mudschahedin-Führers Dschalaluddin Hakkani im Krieg gegen die Sowjets. Die Stützpunkte bei Chost sollen nach Erkenntnissen des pakistanischen Geheimdienstes mit Unterstützung des US-Geheimdiensts CIA aufgebaut worden sein.

Auf die Zeit des Widerstands gegen die sowjetische Besatzung geht auch der Stützpunkt Tora Bora in der Provinz Nangarhar zurück. Dort hatte ein als "Ingenieur Mahmud" bekannter Mudschahedin-Führer sein Hauptquartier, der 1996 Bin Laden nach Afghanistan einlud. Bin Laden soll bereits an der Seite Mahmuds gegen die Sowjets gekämpft haben. Vier Monate nach der Ankunft Bin Ladens wurde Mahmud von Rivalen seines Schinwari-Stamms ermordet. Viele Ausbildungszentren Bin Ladens liegen in abgelegenen Bergtälern, zu denen selbst leicht ausgerüstete Bodentruppen kaum vordringen können. Andere Stützpunkte sind leichter zugänglich wie ein Lager auf einem ehemaligen Bauernhof in Farmada, 20 Kilometer südlich von Dschalalabad. Dieser gehörte dem ehemaligen Mudschahedin-Führer Junus Chalis, der ebenfalls von den USA finanziell unterstützt worden sein soll.

Westlich von Dschalalabad liegt der Stützpunkt Darunta, in dessen Nähe bis zum 11. September wiederholt Araber auf einem öffentlichen Markt gesehen wurden. Eine Ansiedlung von 400 Gebäuden für arabische Kämpfer soll erst kürzlich in der mittelafghanischen Provinz Logar entstanden sein. Wenig bekannt ist von einem System unterirdischer Stützpunkte und Höhlen in der Ostprovinz Kunar, wo Bin Laden nach Informationen eines Taliban-Funktionärs ein modernes Kommunikationssystem unterhalten soll.

Sollte Bush auch einen Angriff auf die Taliban anordnen, wären der Flughafen von Kabul und eine Taliban-Kaserne im Norden der Hauptstadt die ersten Ziele. Auf dem Flughafen waren zuletzt MiG-Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber stationiert. Als weitere mögliche Ziele nennen Militärexperten in Washington die Flughäfen in Kandahar, wo die Taliban ihr Hauptquartier haben, und in Dschalalabad. Die Liste der möglichen Angriffsziele besteht schließlich noch aus Sendeanlagen sowie einer Militärakademie, beide am Stadtrand von Kabul gelegen, und einem großen Staudamm bei Sarobie, der den Großraum Kabul mit Strom versorgt.

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