Bin Ladens Anhänger arbeiten wie ein multinationaler Konzern
Die Globalisierung des islamistischen Terrors

Das Jahr begann mit einer bangen Frage: Bleiben die Terror-Attacken vom 11. September ein singuläres Ereignis oder läuten sie eine neue Ära der Unsicherheit ein? Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr. Islamistische Extremisten haben rund um den Globus die Repräsentanten der westlichen Welt im Visier.

DÜSSELDORF. Drei große Terror-Anschläge und Dutzende kleinerer Zwischenfälle haben das Jahr 2002 geprägt: Djerba, Bali, Mombasa - und jedes Mal waren Vertreter der westlichen Spaßgesellschaft das Opfer. Nach dem Angriff auf die Symbole amerikanischer Macht in New York und Washington haben die Terroristen jetzt die Touristen als opportune Opfer ausgesucht. Diese "weichen Ziele" sind kaum geschützt überall auf der Welt anzutreffen und symbolisieren den Lebensstil des Westens mit all seinen Freiheiten.

Terrorismus von neuer Qualität

Der Terrorismus seit dem 11. September hat eine völlig neue Qualität: Während die altbekannten Formen nur lokale oder regionale Probleme aufwerfe, verkörpere das islamistische Netzwerk der El Kaida einen neuen, transnationalen Terrorismus mit einem globalen Gefährdungspotenzial, urteilt Ulrich Schneckener von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP, Berlin).

Jeden kann es treffen: am 11. April deutsche Touristen in Tunesien, am 12. Oktober vor allem australische Reisende in Indonesien und schließlich am 28. November ausgerechnet israelische Urlauber, die in Kenia Erholung vor dem Schrecken des Terrors in ihrem eigenen Land suchten. Dabei nahm die Schwere der Attentate zu: in der Synagoge von Djerba tötete der Selbstmordattentäter "nur" 21 Menschen, in der Diskothek auf Bali waren es rund 189. In der Hotelanlage in Mombasa starben 16 Menschen, doch kamen gleichzeitig die 260 Passagiere eines israelischen Flugzeuges nur mit Glück unbehelligt davon, als die Maschine mit zwei Boden-Luft-Raketen beschossen wurde.

In einzelnen Fällen konnten die Attentäter identifiziert werden, die ausnahmslos islamistischen Bewegungen nahe standen, die wiederum mehr oder weniger direkte Verbindungen zum Terrornetz El Kaida von Osama bin Laden unterhalten. Für dessen Patenschaft spricht auch die Art der Attacken: Sie sind exakt geplant, treffen oft simultan mehrere Ziele und richten sich gegen Vertreter des Westens und/oder Israels.

In einer zweiten Linie wurden vor allem amerikanische - aber auch verbündete - Militärvertreter im arabischen Raum angegriffen, offenbar mit direktem Bezug zu den Vorbereitungen der USA für einen Angriff auf den Irak. Da wird ein französischer Tanker mit Raketen angegriffen, US-Soldaten in Kuwait oder amerikanische Missionare im Libanon beschossen, in mehreren Ländern gehen McDonalds-Filialen in Flammen auf. Angesichts der Vielzahl solcher Attacken sprechen die Experten von "Stimmungstaten".

Antiamerikanische Stimmung im arabischen Raum wächst

Tatsächlich ist es die im arabischen Raum wachsende antiamerikanische Stimmung - gespeist vom Palästina- und vom Irak-Konflikt- , die dieser Gewalt den Boden bereitet. Und auch hier spielen bin Ladens Terroristen im Hintergrund mit. Sie bieten dem weltweiten Netz lose verbundener islamistischer Extremisten ein regelrechtes Franchising-System an: Quasi als Dachverband offerieren sie Geld, Waffen, Training und Sprengstoff und ermuntern Gleichgesinnte durch Videobotschaften und Manifeste, die vom arabischen Sender Al Dschasira weltweit verbreitet werden.

Der transnationale Terrorismus trete wie ein multinationaler Konzern auf, der sein Personal weltweit rekrutiere und über illegale, aber auch über zahlreiche legale Einnahmequellen verfüge, berichtet SWP-Experte Schneckener. Zwar haben Sicherheitsbehörden, Finanzbehörden und Banken weltweit ein neues Regelwerk eingesetzt, können die oft informellen Geldströme aber nicht effektiv behindern.

El-Kaida hat Osama bin Laden überlebt

Zwar haben die USA einige El- Kaida-Führungskräfte fangen oder töten können, doch die Organisation ist arbeitsfähig und offenbar hat Osama bin Laden überlebt: Zuletzt meldete er sich mit einem Tonband zu Wort, in dem er auf die letzten Terrorangriffe und auch die Geiselnahme in Moskau Bezug nahm. Von den US-Geheimdiensten wird das Band mit hoher Wahrscheinlichkeit als echt eingeschätzt - doch völlig sicher ist sich niemand.

In dem Band erwähnt bin Laden explizit auch Deutschland - seither mehren sich Warnungen von Politikern und Sicherheitsdiensten, dass die Anschlagsgefahr in Europa steigt. "Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit von Attacken in Europa in den nächsten Monaten. Die Bedrohung geht weit über El Kaida hinaus - es ist wie ein Krebsgeschwür", warnt Jean-Louis Bruguiere, Frankreichs Top-Terrorfahnder.

Neue Realität ist ein "Worst-case"-Szenario

Für die Geheimdienste ist die neue Realität ein "Worst-case"-Szenario. Denn ein lose geknüpftes Terrornetz ist kaum noch zu lokalisieren, mindestens der halbe Globus ist betroffen: neben Europa und Amerika auch Südostasien bis Afrika. Wichtig ist offenbar, dass im oder nahe des Ziellandes größere arabische Bevölkerungsgruppen Tarnung und Rückzugsräume bieten. Und das findet sich überall: egal ob in Hamburg oder in Lyon, in Ostafrika oder auf den Philippinen. Die Zahl der "failed states", die eine Basis für Terroristen sein könnten, reicht jetzt schon in die Dutzende. Und die Ziele, egal ob "hard" oder "soft targets", finden sich auch überall. Diese weitgehende Beliebigkeit der Anschlagsziele macht einen vorbeugenden Schutz so gut wie unmöglich - ganz gleichgültig ob durch Militärschläge oder die Arbeit der Polizei und Geheimdienste.

Dennoch liegt der Schwerpunkt des Anti-Terror-Kampfes eindeutig in diesem Bereich. Kaum eine Rolle spielt der langfristige Kampf gegen die strukturellen Wurzeln des Terrors. Armut und Autokratie sind zwar keine Ursache des Terrors - sie führen aber den wohlhabenden und gebildeten Extremisten ein reiches Reservoir an Unterstützern zu. Weiteren Zulauf bieten die Konflikte in Nah- und Mittelost.

Vor allem der nach wie vor ungelöste Palästinakonflikt nimmt die arabische Welt gegen die USA ein - und dennoch vernachlässigt Washington dieses Politikfeld. Statt dessen konzentriert sich die US-Regierung auf die Massenvernichtungswaffen im Irak - und riskiert mit einem Angriff auf Bagdad sehenden Auges eine weitere Eskalation. Dabei muss der Terror von bin Laden & Co lokal und global bekämpft werden: im Kleinen durch hartnäckige Sicherheitsmaßnahmen an den gefährdeten Punkten und im Großen durch eine Politik, die dem extremistischen Islamismus den Nährboden entzieht.

Quelle: Handelsblatt

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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