Binnennachfrage kompensiert schwache Auslandsaufträge nicht
Industrie in der Euro-Zone verliert an Fahrt

Nach den Rückschlägen im Vormonat zeigte das produzierende Gewerbe in der Euro-Zone auch im Februar kaum Dynamik. Für die kommenden Monate zeichnet sich keine Besserung ab. Damit wird die Industrie im ersten Quartal keinen entscheidenden Beitrag zum Wachstum geleistet haben. Die EZB scheint hiervon unberührt.

bbl DÜSSELDORF. Nach dem kräftigen Einbruch zu Jahresbeginn konnte sich die Industrieproduktion in der Euro-Zone auch im Februar nicht erholen. Mit einem Plus von 0,4 % gegenüber dem Vormonat lag sie zwar über den Erwartungen der Analysten, gewann aber kaum an Dynamik. Im Vorjahresvergleich haben sich die Produktionzuwächse in der Gesamtindustrie ohne Baugewerbe auf 3,8 % von zuvor 5,4 % abgeschwächt, wie die EU-Statistikbehörde Eurostat am Freitag mitteilte.

In fünf der neun Länder, die bislang Statistiken vorgelegt haben, hat das Produktionsergebnis im Februar abgenommen. Für Deutschland weist Eurostat-eine saisonbereinigte Produktionsabnahme in Höhe von 0,8 % aus und weicht damit von der ebenfalls saisonbereinigten Zahl der Deutschen Bundesbank (-0,2 %) ab. Die EU-Behörde greift zur Berechnung ihrer Daten auf Zahlen des Statistischen Bundesamts zurück, die sich auf Grund eines anderen Bereinigungsverfahrens von denen der Bundesbank unterscheiden. Für die gesamte Europäische Union errechneten die Statistiker einen Anstieg der Industrieproduktion um 0,3 % zum Vormonat nach einem Rückgang von 1,6 % im Januar.

Bereits seit dem vergangenen Herbst signalisieren vorlaufende Konjunkturindikatoren wie das Geschäftsklima der EU-Kommission und der Einkaufsmanagerindex eine Abschwächung der Industrieproduktion in der Euro-Zone. Auch für die nächste Zukunft zeichnet sich keine Erholung im produzierenden Gewerbe ab. So deutet der Frühindikator der OECD für die Euro-Zone, der über eine gute Prognosefähigkeit für die Entwicklung der Industrieproduktion in den kommenden sechs Monaten verfügt, eine weitere Abkühlung an.

Auftragseingänge haben sich verschlechtert

Die Auftragseingänge aus dem Ausland haben sich im Zuge des weltwirtschaftlichen Abschwungs seit Oktober fast kontinuierlich verschlechtert. Gleichzeitig enttäuschte die Nachfrage der privaten Haushalte, für die Analysten auf Grund der in vielen Euro-Ländern zu Jahresbeginn in Kraft getretenen Steuerentlastungen einen kräftigen Sprung prognostiziert hatten. Die Binnennachfrage konnte das Abbröckeln der Nachfrage aus dem Ausland bislang also nicht wettmachen, und die Lagerbestände der Unternehmen haben sich seit Jahresbeginn erhöht.

Julian Callow, Euroland-Analyst bei CreditSuisseFirstBoston in London erwartet vor allem für den volatilen Vorleistungsgütersektor weitere Rückschläge. Der Konjunkturabschwung in USA und Asien werde vor allem die exportorientierten Komponentenhersteller treffen, da ihre Güter stärker durch heimische Produktion substituierbar seien.

EZB davon unberührt

Damit wird die Industrieproduktion im ersten Vierteljahr wohl nicht den entscheidenden Beitrag zum Wachstum in der Euro-Zone geliefert haben. Ökonom Callow erwartet ein zum letzten Quartal 2000 unverändertes Wachstum von 0,7 %. Doch während hiervon im vierten Vierteljahr 2000 0,1 Prozentpunkte auf das Konto der Industrieproduktion ohne Bau gingen, dürfte der Beitrag nun geringer sein, so Callow. Vielmehr werde die Konjunktur wohl verstärkt durch die Dienstleistungen gestützt worden sein. Sie leisteten bereits im vierten Quartal mit 0,2 Prozentpunkten einen kräftigeren Beitrag zum Wachstum als die Industrie. Jean-Francois Mercier vom US-Investmenthaus Salomon- Smith Barney/Citibank bestätigt diese Einschätzung, geht allerdings von einem geringeren Wachstum von 0,4 % bis 0,5 % zum Vorquartal aus. Erste Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal legt Eurostat Anfang Juni vor.

Die jüngsten Produktionszahlen scheinen die europäischen Notenbanker nicht zu einer Neueinschätzung der Konjunkturrisiken in der Euro-Zone bewegt zu haben. EZB-Präsident Wim Duisenberg bekräftigte am Samstag beim Treffen der EU-Wirtschafts- und Finanzminister in Malmö, dass die hiesige Wirtschaft in diesem Jahr um rund 2,7 % und damit über der Zunahme des Produktionspotenzials wachsen werde.

Ökonom Mercier geht dagegen von einem unter dem Potenzialanstieg liegenden Wachstum der Wirtschaft in der Euro-Zone in diesem Jahr aus. Doch müssen sich nach seiner Meinung die Wirtschaftsdaten erheblich verschlechtern, bevor die EZB dem Lager der Konjunkturskeptiker beitrete. "Die EZB ist wie der Heilige Thomas. Sie wartet und will Fakten sehen, bevor sie daran glaubt."

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