Bio-Informatik
Gen-Rechner-Aktien im Dornröschenschlaf

Bio-Informatik-Unternehmen könnten von Übernahmephantasien profitieren.

Viel Geld hat sich Merck-Chef Raymond V. Gilmartin seinen letzten Einkauf kosten lassen: Für 615 Milliarden US-Dollar hat sich der US-Pharmakonzern Mitte Mai das US-Bioinformatik-Unternehmen Rosetta Inpharmatics einverleibt - und etwa 70 Prozent mehr als den letzten Börsenkurs bezahlt. Als nächster Übernahmekandidat wird jetzt in der Branche Gene Logic gehandelt.

Die Kurse der Bio-Informatik-Unternehmen können Übernahmephantasien gut gebrauchen. Die Branche zählt zu den am niedrigsten bewerteten Segmenten der Biotechnologie. Dabei besteht die "Branche" allerdings gerade mal aus einer Hand voll Firmen: der deutschen Lion Bioscience und ihren Konkurrenten Informax, Compugen und Genomica. Die Fondsberater von Medical Strategy gehen davon aus, dass diese Unternehmen alle irgendwann von Pharmakonzernen übernommen werden. Dennoch, die nächsten Börsenaspiranten gelten in der Branche schon als bekannt: der Münchener Dienstleister Biomax und das Braunschweiger Unternehmen Biobase.

Sie drängen auf einen Markt, dem die Investmentbank UBS Warburg erhebliches Wachstumspotenzial zutraut: von 300 Millionen US-Dollar im Jahr 1999 bis auf mehr als vier Milliarden 2005. Die Aufgabe der Bio-Informatiker: die Datenflut nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms durch Datenbanken und Software effizient nutzbar zu machen. Eine Mammut-Aufgabe, denn alle zwölf Monate verdoppelt sich die Menge an genetisch relevanten Daten. Bei der Rechnerleistung von Computern dauert das Moore?s Law zufolge immerhin 18 Monate. Noch sei der Forschungsprozess ineffizient, urteilt UBS Warburg: Bisher liegen rund 27 Monate zwischen der jeweiligen Einführung neuer Medikamente. Um die jetzigen Wachstumsraten der Pharma- und Biotech-Industrie zu bewahren, sei aber eine Verkürzung auf zwölf Monate notwendig.

Trotz der guten Wachstumsperspektiven leiden viele Bio-Informatiker unter niedrigen Margen. Besonders schwer haben es reine Datenbank-Anbieter, wie Incyte oder auch Gene Logic. Gene Logic verfügt über Daten zu den Funktionen der Gene. Mit Hilfe dieser Sammlung sollen Wirkstoffe schneller gefunden werden können.

Aussichtsreicher ist da schon das Geschäftsmodell von Lion Bioscience. Das Heidelberger Unternehmen gilt mit seiner Software, die verschiedene Datenbanken integriert, als Weltmarktführer. Lukrativ ist vor allem der Vertrag mit Bayer im Umfang von 125 Millionen US-Dollar, der noch bis 2004 läuft. Die Software von Lion unterscheide sich letztlich aber kaum von den Angeboten der Wettbewerber, sagt Christian Garbe, Analyst bei der GZ Bank. Ein Pluspunkt für die Heidelberger ist, dass sie Komplett-Lösungen von der Auswertung von DNA-Sequenzen bis zur Aufbereitung klinischer Patientendateien anbieten. Auf diesem Weg kann herausgefunden werden, wieso Medikamente bei Patienten unterschiedlich wirken. DG Bank-Analyst Thomas Höger erwartet, dass Lion die Gewinnschwelle im Geschäftsjahr 2004/2005 überschreiten wird. Am Mittwoch konnte die Aktie zulegen, obwohl die Verdoppelung des Verlusts für das vergangene Geschäftsjahr bekannt gegeben wurde. Auslöser für den Kursgewinn war eine positive Umsatzprognose des Vorstands für das neue Geschäftsjahr.

Seitdem das Unternehmen einen neuen Großauftrag im Volumen von 100 Millionen US-Dollar Mitte Mai bekannt gegeben hatte, hat Höger sein Anlage-Urteil auf "Akkumulieren" von zuvor "Reduzieren" angehoben. Er traut der Aktie ein Kurspotenzial von acht Prozent innerhalb der kommenden sechs Monate zu. Auch mit Lizenz-Zahlungen für Wirkstoff-Ansatzpunkte (Targets), die mit dem Lion-System gefunden werden, könnte der Umsatz gesteigert werden. Lion forscht auch selbst nach Wirkstoffen, allerdings liegt der Anteil am Umsatz noch im einstelligen Prozentbereich, hat die DG Bank herausgefunden. Christian Garbe hält das Unternehmen im Vergleich zu seinen Konkurrenten für "hoch bewertet". Letztlich ist Lion, wie auch seine Wettbewerber, stark von einzelnen Kunden aus der Pharma-Branche abhängig.

Nicht so gut sehen die Analysten-Urteile zu Informax aus. Die Investmentbank Bear Stearns hat ihre Empfehlung Anfang Mai auf "Akkumulieren" von "Kaufen" gesenkt. Informax-Software hilft, Daten von Genen und Proteine zu analysieren und visuell darzustellen. Zum Kauf empfehlen die Analysten von Robertson Stephens dagegen das israelische Unternehmen Compugen. Die Israelis haben weltweit allerdings nur vierzig Kunden. Eine Kooperation besteht mit dem deutschen Biotech-Unternehmen Medigene, das nach Therapeutika zur Behandlung von Herzleiden forscht. Noch weniger Kunden hat das US-Unternehmen Genomica. Mit den vier größten, Astra Zeneca, Glaxo Smith Kline, Oxagen Limited and Pfizer werden schätzungsweise 50 Prozent des Umsatzes erzielt. Die Analysten von Prudential haben ihr Urteil im Mai erneut gesenkt, auf "Halten" von zuvor "Akkumulieren".

Für Biotech-Fondsmanager scheinen die Bio-Informatik-Unternehmen bisher eher uninteressant zu sein. Die Fondsgesellschaft DWS lässt die Branche links liegen, und auch die Fondsberater von Medical Strategy meiden den Sektor. Markus Manns, Manager des Uni Sector Biopharma Fonds von Union, hat immerhin in Aktien von Lion Bioscience investiert.

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