Biomedizin
Augen geöffnet

Lassen sich mit einem neuen Verfahren embryonale Stammzellen gewinnen, ohne den Embryo zu töten?

WiWo DÜSSELDORF. Eve-Marie Engels kann es kaum fassen: Vor zwei Jahren hatte sie in einem Fachaufsatz darüber spekuliert, wie es wohl wäre, wenn Forscher einige der heiß begehrten embryonalen Stammzellen vorsichtig aus dem Embryo herausholen könnten, ohne ihn dabei zu zerstören. "Das waren rein hypothetische Überlegungen", sagt die Bioethikerin der Universität Tübingen heute. "Ich hätte nie im Leben gedacht, dass Forscher das tatsächlich ausprobieren werden."

Tun sie aber. Jürgen Hescheler, Chef des Instituts für Neurophysiologie der Universität Köln, hat einen entsprechenden Forschungsantrag bereits formuliert und wird ihn in den nächsten Tagen an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) abschicken. "Wenn sich diese Idee praktisch umsetzen lässt, hätten wir viele Probleme gelöst", ist Hescheler überzeugt. Sein Credo: "Wir müssen es auf jeden Fall versuchen."

Test mit Mäusen

Sollte das Verfahren, das Hescheler zunächst an Mäusen erproben möchte, funktionieren, wären tatsächlich viele Hindernisse für die Stammzellforschung mit einem Schlag aus dem Weg geräumt - aus juristischer wie aus ethischer Sicht. So glaubt Roman Herzog, ehemals Bundespräsident und Expräsident des Bundesverfassungsge-richts: "Das könnte der Casus knacxus sein, weil damit die Gewinnung von embryonalen Stammzellen von der Ebene der Tötung auf die der Körperverletzung übergeht." Mit einer Einwilligung der Eltern könnte das so legal sein wie eine Blutspende.

Selbst Vertreter der katholischen Kirche wären von einer Variante, die den Embryo am Leben lässt, begeistert. Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Mitglied des Nationalen Ethikrats, meint: "Das wäre der Königsweg."

Suche nach ethisch unproblematischen Methoden

Obwohl der Import embryonaler Stammzellen aus den jetzt bestehenden 72 Linien voraussichtlich ab Sommer in Deutschland gestattet ist, suchen deutsche Forscher nach ethisch unproblematischen Methoden, sich neue Quellen zu erschließen. Der Grund: Die existierenden Zelllinien haben diverse Macken. Unter anderem sind sie durch die Nährmedien mit Mäuseviren verseucht. "Für die Forschung ist das ausreichend, für den Einsatz am Menschen würde das jedoch keine Zulassungsbehörde der Welt akzeptieren", sagt Hescheler. Die Zucht von Ersatzorganen oder Zellkuren, mit denen sich Gewebe reparieren lässt, das durch Krebs, Alzheimer oder Infarkte zerstört wurde, ist jedoch das Ziel der Forscher.

Hescheler will deshalb herausfinden, ob sich Embryonen normal weiterentwickeln, wenn er ihnen in einem frühen Entwicklungsstadium namens Blastozyste maximal fünf Stammzellen abzwackt und den leicht lädierten Embryo dann in den mütterlichen Körper verfrachtet. Bisher ist er unweigerlich verloren, weil Forscher ihn zerschneiden und die gesamte innere Zellmasse - also alle 100 bis 200 Stammzellen, aus denen sich ein Mensch entwickeln könnte - in Kulturschalen verfrachten.

Hescheler ist "ziemlich sicher", dass sich ein Embryo, der um ein paar Stammzellen erleichtert wurde, normal entwickelt. Tatsächlich hat die Forschung an Mäusen gezeigt, dass sich mit einer Blastozyste allerhand veranstalten lässt, ohne sie nachhaltig zu schädigen. Selbst wenn die innere Zellmasse von den Forschern mit einer Pipette durcheinander gewirbelt und wie mit einem Schneebesen verquirlt wird, scheint das den entstehenden Keim nicht weiter zu stören.

Gencheck des Embryos

Beim Menschen ist durch die jahrelange Praxis in amerikanischen, britischen oder belgischen Fruchtbarkeitskliniken zudem bekannt: Wird für einen Gencheck des Embryos mithilfe der so genannten Präimplantationsdiagnostik aus einem ganz frühen Stadium eine Zelle für die Analyse entnommen, entwickelt sich der restliche Embryo zu einem ganz normalen Menschen.

Was Hescheler mehr Kopfzerbrechen bereitet als das Wohlergehen der manipulierten Embryonen ist die Frage, ob es ihm gelingen wird, aus einer winzigen Zahl von Stammzellen eine stabile Linie sich ständig teilender Zellen herzustellen. Bisher ist die Effizienz der Verfahren nämlich mehr als dürftig. Aus 100 entnommenen Zellen entsteht nur eine Linie, so Hescheler: "Da gibt es enormes Verbesserungspotenzial."

Potenzielle Alleskönnerzellen

Falls die Versuche gelingen, bietet das Verfahren noch einen weiteren Vorteil - zumindest für die Menschen, die sich aus den zuvor angezapften Embryonen entwickeln. Ihnen stünde ein Reservoir der potenziellen Alleskönnerzellen zur Verfügung, das hundertprozentig zu ihrem Körper passt - es entstammt ihm ja. Wie bei einer Eigenblutspende gäbe es bei möglichen Ersatzteilen wie etwa frischen Herz-, Hirn- oder Leberzellen, die aus diesen Zelllinien gezüchtet würden, keine Abstoßungsreaktionen.

"Das könnte das Verfahren für werdende Eltern attraktiv machen, die auf eine künstliche Befruchtung angewiesen sind", spekuliert der Mediziner Hescheler. Tatsächlich wenden nicht nur Ethikerinnen wie Eve-Marie Engels ein, dass sich wohl kaum jemand einen Embryo einsetzen lassen würde, dem ein paar Zellen fehlen: "Warum um Himmels willen sollte eine Frau so etwas tun?" Vielleicht, weil ihr angeboten würde, dass eine dieser Zelllinien für ihr Kind tiefgefroren werden, bis es sie später einmal selbst braucht, mutmaßt Hescheler. Doch ihm ist klar: "Bisher ist alles reine Fiktion."

Adulte Stammzellen

Dass die embryonalen Stammzellen wie jedes andere Transplantat Gefahr laufen, vom Immunsystem des Körpers als fremd erkannt und bekämpft zu werden, stellt bisher ihr größtes Manko dar. Deshalb setzen Forscher entweder auf die weniger wandelbaren und schwer zu züchtenden adulten Stammzellen, die sich etwa aus dem Knochenmark von Erwachsenen gewinnen lassen. Oder sie versuchen aus Körperzellen von Erkrankten nach dem Dolly-Verfahren einen Embryo zu klonen, um aus ihm passende embryonale Stammzellen zu gewinnen. Das amerikanische Biotech-Unternehmen Advanced Cell Technology aus Worcester, Massachusetts, brüstete sich damit, solche Versuche bereits unternommen zu haben. In Großbritannien, wo dieses therapeutische Klonen unter strengen Auflagen erlaubt ist, wurde jetzt der erste Forschungsantrag eingereicht. Wie jüngst bekannt wurde, sind chinesische Forscher aus Changsha aber schon viel weiter: Sie hätten dutzende menschlicher Embryonen geklont, sagt die Fruchtbarkeitsmedizinerin Lu Guangxiu.

Solche Versuche finden hier zu Lande viele Menschen empörend, abstoßend oder gar "schaurig", wie die Ethikerin Engels meint. Umso begeisterter waren Juristen, Moraltheologen und Bioethiker, denen Hescheler Anfang des Jahres bei den Bitburger Gesprächen seine Idee präsentierte. "Das schlug ein wie eine Bombe", berichtet Gerhard Robbers, der als Geschäftsführender Vorstand des Instituts für Rechtspolitik an der Universität Trier zu den Veranstaltern der Gespräche gehört. Dabei hatte Hescheler - genau wie Eve-Marie Engels, deren Arbeit er übrigens nicht kannte - das eigentlich mehr als Denksportübung, denn als praktische Versuchsanordnung gemeint. Nun sah er sich in die Rolle des Retters versetzt. "Warum eigentlich nicht", habe er sich dann gedacht - und sah sich darin bestätigt, dass Forscher sich der gesellschaftlichen Debatte stellen müssen: "So lästig mir das oft vorkam, hier hat es mir die Augen geöffnet."

Nun muss nur noch die DFG mitspielen und den Forschungsantrag bewilligen, was Jurist Robbers für Ehrensache hält: "Es sollte für die DFG eine moralische Verpflichtung sein, dem nachzugehen."

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