Biomedizin
Tests aus dem Internet

Heilung oder Horror? Was Gentests, Biomedikamente, Stammzellen und Klontechnik bringen werden, wird kontrovers diskutiert.

WiWo DÜSSELDORF. Severino Antinori hatte sich mal wieder verplappert. Am Rande einer Konferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten erzählte der Fruchtbarkeitsmediziner aus Rom, er habe bereits einen menschlichen Embryo geklont. Das weltweit erste Klonbaby werde im Herbst geboren. Binnen Stunden löste die Nachricht weltweit Proteste aus. Sogar der amerikanische Präsident George W. Bush wurde noch einmal ganz deutlich: "Das Klonen von Menschen ist falsch." Der US-Senat wird in den nächsten Wochen über ein solches Verbot entscheiden.

"Der Mann scheint Menschen mit Versuchskaninchen zu verwechseln", empört sich Rudolf Jaenisch. Der renommierte Klonforscher der US-Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology hält Antinoris Vorgehen für unverantwortlich: "Die meisten der bis heute geklonten Tiere weisen schwere gesundheitliche Schäden auf." Und er fordert: "Man muss ihn stoppen." Nur: Wie lässt sich ein Narzist wie Antinori, auf dessen Klonprojekt-Warteliste nach eigenen Angaben 5000 ungewollt kinderlose Paare stehen, aufhalten? Das weiß auch Jaenisch nicht. Besonders pikant: Antinori ist ein versierter Reproduktionsmediziner. Das Klonen selbst dürfte ihm keine Schwierigkeiten bereiten. Und Jaenisch bestätigt: "Menschen zu klonen ist rein technisch gesehen viel einfacher als Mäuse zu klonen."

Visionen und Schreckgespenster

Mediziner und Biologen sind heute in der Lage, sowohl Visionen als auch Schreckgespenster, die Menschen mit der Biotechnik verbinden, wahr werden zu lassen. Die seit Monaten andauernde Kontroverse um die Nutzung embryonaler Stammzellen, das eng damit verbundene so genannte therapeutische Klonen und das Klonen von Menschen macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Akzeptanz und Ablehnung oft ist - und wie schwierig es ist, klare Regelungen zu finden. So debattiert der Deutsche Bundestag heute und morgen erneut über ein Gesetz, das deutschen Forschern den Import embryonaler Stammzellen erlauben soll. Das Fatale daran: Die Aufregung aus moralischen Gründen über Stammzellen und Klonen steht in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung für die Biotechnik. Selbst innerhalb der Biomedizin stellen diese Techniken nur einen winzigen Teil des Spektrums dar. Biomedikamente und vor allem Gentests spielen eine weitaus wichtigere Rolle.

Die Realität der Biomedizin sieht so aus: Zahlreiche Medikamente und Impfstoffe aus den Genlabors sind längst im Einsatz gegen bisher unheilbare Krankheiten. Sie bescheren Unternehmen wie Amgen oder Genentech Milliardenumsätze. Schon werden die Produktionskapazitäten knapp, denn die Forschungspipelines sind prall gefüllt. Weltweit sind allein 230 Antikörper in Entwicklung, und noch in diesem Jahr soll ein Dutzend neuer Biotech-Medikamente auf den Markt kommen. "Dann wird es für all jene Unternehmen eng, die keine eigenen Produktionsanlagen haben", sagt Ulrich Behrendt, Leiter der Zellfermentation der Roche Diagnostics im bayrischen Penzberg.

Personalisierte Medikamente

Derweil basteln Biotechnologen schon an der nächsten Generation so genannter personalisierter Medikamente, die je nach genetischem Outfit individuell auf den Patienten abgestimmt sind. Und Gentests, mit denen sich Veranlagungen für Krankheiten sehr früh feststellen lassen, werden bald zum Handwerkszeug jedes Arztes gehören.

Das Verrückte daran: Während Klonprojekte wie die von Antinori oder der chinesischen Forscherin Lu Guangxiu weltweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen, regt sich heute kaum noch jemand über die einst ebenso umstrittenen Gentests auf, die die Angst vor dem gläsernen Menschen heraufbeschworen. Dabei sind solche Tests gegen Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs heute für jedermann verfügbar - sogar ohne ärztliche Konsultation und per Internetbestellformular. Eine Gesetzesinitiative, die den Umgang mit Gentests und den daraus erwachsenden sehr privaten Daten regeln sollte, wurde in die nächste Legislaturperiode verschoben. Immerhin hat sich die deutsche Versicherungswirtschaft im November 2001 verpflichtet, diese Daten bis zum Jahr 2006 nur bei Lebensversicherungspolicen zu nutzen, deren Summe 250 000 Euro übersteigt.

Wachsender Datenberg

Der Datenberg, den es auszuschlachten gilt, wächst allerdings immer schneller. Denn seit das menschliche Erbgut vor zwei Jahren komplett entschlüsselt wurde, melden Forschergruppen nahezu täglich ein neues Gen, das für die eine oder andere Krankheit verantwortlich gemacht wird. Der jüngste Coup: Wissenschaftler aus Großbritannien und den Niederlanden entdeckten mit CHEK2 ein weiteres Gen, das Brustkrebs begünstigt. Die beiden bereits bekannten Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 gehören zu den Klassikern der Gendiagnostik. Mit dem Antikörper Herceptin der Roche-Tochter Genentech existiert hier sogar schon ein Biotech-Medikament, das bei entsprechender Veranlagung das Wuchern der Krebsgeschwüre bremsen kann.

Ist ein Krankheitsgen erst einmal entlarvt, dauert es heute nur noch wenige Wochen, bis die wissenschaftlichen Daten den Weg vom Forschungslabor in die Anwendung finden. Unternehmen wie etwa die Frankfurter Humatrix haben sich darauf spezialisiert, aus den frei verfügbaren Informationen Tests zu kreieren, die sie dann vor allem Laborärzten anbieten. Ihr neuestes Produkt erkennt die Veranlagung für Bluthochdruck. "Wird ein zu hoher Blutdruck früh genug behandelt, lassen sich Spätfolgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenversagen verhindern", sagt Forschungsleiter und Humatrix-Mitgründer Jan Wolf.

Reihenuntersuchungen

Selbst Kassen wie die Kaufmännische Krankenkasse Hannover (KKH) nutzen solche Angebote inzwischen versuchsweise für Reihenuntersuchungen - zum Beispiel zum Erkennen der Eisenspeicherkrankheit. Sie führt dazu, dass der Körper mit Eisen überschwemmt wird. Rechtzeitig erkannt, hilft regelmäßiges Blutspenden gegen das sonst drohende Versagen der Organe. Wenn die Ergebnisse dieses Feldversuchs positiv ausfallen, soll dieser Gentest zur Kassenleistung werden, findet KKH-Chef Ingo Kailuweit.

Victoria Koppenwallner bietet Gentests sogar im Internet an. Ihre Ende 2001 in Berlin gegründete Firma Gentest24 kooperiert mit Fachlabors. Koppenwallner kassiert eine Maklergebühr. Nur bei zwei Tests - auf Brustkrebs und auf Dickdarmkrebs - müssen die Kunden einen Arzt nennen, der sie bei einem möglicherweise positiven Ergebnis berät. Das Geschäftsmodell der Informatikerin: "Da ich keiner Ständeregel unterliege, kann ich für die Tests werben, was viele Laborärzte sich nicht trauen."

Erbgutcheck fürs Wohlbefinden

In Großbritannien ist die Kosmetik-Kette Body Shop sogar noch einen Schritt weiter gegangen: Sie vertreibt in elf Testfilialen für knapp 200 Euro einen Erbgutcheck fürs allgemeine Wohlbefinden. Mit dem Test "You & Your Genes" (Du und Deine Gene) will Rosalynn Gill-Garrison, die Forschungschefin der Herstellerfirma Sciona aus dem südenglischen Havant, zahlungskräftige Lifestylekunden ansprechen.

Der Test untersucht neun Gene, die mit allgemeinen Körpervorgängen in Zusammenhang stehen, wie dem Abbau von Giftstoffen. Entsprechend vage sind die Empfehlungen: Der Rat, Alkohol, Zigaretten und gegrilltes Fleisch zu meiden sowie viel Obst und Gemüse zu essen, sei nicht eben originell, gibt Gill-Garrison zu. Doch sie glaubt: "Unsere Empfehlungen werden vermutlich eher befolgt, weil wir den Leuten sagen, was auf Grund ihrer Gene gut für sie ist."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%